Wolfgang, 59, steht neben dem Pontiac GTO aus den 1970er-Jahren und schaut auf den Wagen, den er gemeinsam mit seinem Sohn Ralf, 22, restauriert hat. Rund eine Woche nach der Fertigstellung präsentieren sie den Oldtimer ihren Bekannten in ihrer Werkstatt in Ybbsitz. Freunde sitzen an den Biertischen, am Grill brutzeln Würstchen und Koteletts, in der Werkstatt hängen alte Rennsportplakate. Für die Gäste ist es eine Feier. Für Wolfgang ist es zugleich eine Reise zurück in seine Kindheit.
„Wenn ich dieses Auto sehe, muss ich an früher denken“, sagt Wolfgang. „Als Kind spielten meine Freunde und ich mit Matchbox-Autos.“ Damals passten die kleinen Wagen in eine Hand. Jetzt steht ein echter Pontiac aus dieser Zeit vor ihnen. „Dieses Auto bringt ein Stück dieser Zeit zurück“, erzählt er.
Für Ralf führt der Blick auf den GTO nicht zurück, sondern nach vorne. Er hat die 1970er nie erlebt. Für ihn ist der Pontiac keine Erinnerung, sondern ein Wunsch, den er schon lange mit sich trägt. „Ich wollte schon immer einen Oldtimer haben. Jetzt ist dieser Traum endlich in Erfüllung gegangen.“
Dabei stand der Pontiac vor wenigen Wochen noch völlig anders da. Wolfgang und Ralf hatten ihn vollständig zerlegt. Jede Schraube war draußen, jedes Bauteil ausgebaut. Aus dem Auto war ein Haufen einzelner Teile geworden.
Knapp zweieinhalb Jahre lagen zwischen der ersten gelösten und der letzten festgezogenen Schraube. Während dieser Zeit gingen Wolfgang und Ralf weiterhin ihren normalen Berufen als Mechaniker nach.
Mit jedem Stück, das Vater und Sohn entfernten, verschwand ein weiterer Teil des Wagens. Irgendwann gab es keinen Pontiac mehr, in den man hätte einsteigen können. Vor Wolfgang und Ralf lagen Bauteile aus einem rund 50 Jahre alten amerikanischen Auto. Dazwischen Schrauben, klein genug, um zwischen zwei Fingern zu verschwinden.
Das Matchbox-Auto hatte einst in Wolfgangs Kinderhand gepasst. Der echte Pontiac ging nun Stück für Stück durch seine und Ralfs Hände.
Sie untersuchten ein Teil nach dem anderen, entfernten Schmutz und Rost und prüften das Material. Ließ sich ein Teil retten, arbeiteten sie es auf. War es zu stark beschädigt, mussten sie Ersatz suchen. Danach wartete bereits das nächste.
Ein Teil war gerettet. Der Pontiac noch lange nicht. Der Fortschritt zeigte sich nicht in einem fertigen Kotflügel oder einem startbereiten Wagen, sondern in einzelnen Metallstücken, die wieder brauchbar waren. Viele davon wanderten mehrfach durch ihre Hände: beim Ausbau, beim Reinigen, beim Entrosten und später beim Einsetzen.
Erst beim Zusammenschrauben wurde langsam sichtbar, wofür sie gearbeitet hatten. Eine Verbindung schloss sich, eine Schraube griff, zwei einzelne Teile gehörten wieder zusammen. Mit jedem eingesetzten Stück wurde der Pontiac ein wenig mehr zu dem Auto, das er einmal gewesen war.
Doch sobald ein Bauteil fehlte, endete diese Bewegung abrupt. Zwischen den bereits montierten Teilen blieb eine offene Stelle. Rundherum konnte alles vorbereitet sein. Doch ohne dieses eine Stück blieben die Werkzeuge still.
Passender Ersatz für einen amerikanischen Wagen aus den 1970ern liegt nicht im nächsten Geschäft bereit. Ein Stück Metall, das zwischen zwei Finger passte, konnte den gesamten Pontiac aufhalten.
„Es war nicht leicht, alle Teile aufzutreiben“, erzählt Wolfgang. „Beim Zusammenschrauben haben wir oft daran gedacht, aufzugeben. Doch am Ende hat es sich gelohnt, weiterzumachen.“
Der Gedanke ans Aufgeben kam ausgerechnet während des Wiederaufbaus. Wolfgang und Ralf hatten den Schmutz entfernt, Rost beseitigt und brauchbare Teile aufgearbeitet. Vieles lag bereit. Trotzdem stand vor ihnen noch kein Auto, das sie hätten starten können.
Aufhören hätte bedeutet, den Pontiac dort zurückzulassen: zerlegt, mit offenen Stellen zwischen dem, was bereits zusammenpasste. Ralfs Oldtimer wäre ein Wunsch geblieben. Wolfgangs Erinnerung wäre weiterhin an ein Spielzeug aus seiner Kindheit gebunden.
Also suchten Vater und Sohn weiter. Fanden sie das passende Stück, setzten sie es ein und zogen die nächste Schraube fest. Dann widmeten sie sich der nächsten Lücke. Der Pontiac kehrte nicht auf einmal zurück. Er entstand Schritt für Schritt.
Die Teile lagen nicht länger einzeln nebeneinander. Sie saßen wieder zusammen. Die vertrauten Formen des GTO kamen zurück, bis schließlich keine Sammlung aus Metall mehr vor Wolfgang und Ralf stand, sondern ein vollständiges Auto.
Dass sie diesen Moment mit ihren Bekannten feiern, gehört in Ybbsitz zur Tradition, wenn jemand etwas Besonderes gekauft oder fertiggestellt hat. Gespräche und Gelächter begleiten den Abend. Doch während die Gäste den fertigen Oldtimer sehen, kennen Wolfgang und Ralf auch das Bild davor.
Für einige Zeit hatte dieser Pontiac aufgehört, ein Auto zu sein. Jetzt steht er wieder auf vier Reifen, als hätte es die verstreuten Bauteile nie gegeben. Ralf sieht darin den Oldtimer, den er sich lange gewünscht hat. Wolfgang erkennt darin auch die kleinen Autos, mit denen er als Kind gespielt hat.
Der GTO wurde nicht neu gebaut, um alt auszusehen. Seine Formen und viele seiner Teile stammen tatsächlich aus den 1970ern. Manches mussten Vater und Sohn ersetzen, damit der Wagen nicht als verrostete Sammlung zurückblieb. Dieses Auto spielt Vergangenheit nicht nach. Es hat sie überstanden.
Wolfgang und Ralf wissen, was der fertige Pontiac verbirgt. Jede Schraube war draußen. Jede einzelne ging durch ihre Hände.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum dieser Oldtimer für beide mehr ist als nur ein altes Auto.
Was besitzen wir heute, das in 50 Jahren noch jemand bis zur letzten Schraube retten will?
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