Durch die wahre Liebe wieder vereint

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Volontärin · College Rookie Team
03.12.2025
3 Min.
Wahre Liebe währt ewig. (Foto: pixabay/MBertolotti)


Ich wartete lange auf den nächsten Bus. Viele Kinder gingen vorbei, und meine Mitschüler waren schon längst zu Hause. Es war ein nebliger Novembertag, mir war langweilig, und kein Mensch war weit und breit zu sehen – außer einer alten Dame, die die ganze Zeit auf ein Foto starrte, auf dem eine junge Frau und ein junger Herr zu sehen waren.

Ich wunderte mich, warum sie das Bild so lange und mit einem Grinsen betrachtete. Sie bemerkte, dass ich sie die ganze Zeit ansah. Sie stellte sich vor, und wir plauderten.

„Oh, Sie wundern sich bestimmt, warum ich die ganze Zeit das Bild anstarre. Mein Name ist Anna – und wie heißen Sie?“

„Mein Name ist Michelle. Darf ich fragen, was an diesem Bild so besonders ist?“

„Natürlich dürfen Sie das! Es ist romantisch und traurig zugleich. Mein Hannes und ich wurden im Zweiten Weltkrieg getrennt. Er galt als vermisst.“

„Oh nein, was ist dann passiert?“

„Ich habe überall nach ihm gesucht. Ich hatte fast die Hoffnung aufgegeben.“

„Oh nein, Sie Arme! Sie dachten bestimmt, Sie hätten ihn für immer verloren!“

„Ja, das dachte ich tatsächlich.“

„Das tut mir unglaublich leid für Sie.“

„Das muss Ihnen nicht leidtun, es ist nicht Ihre Schuld.“

„Haben Sie irgendein Andenken an ihn?“

„Darauf komme ich gleich in meiner Geschichte. Im Krieg wurden unser ganzes Eigentum und unser Haus zerstört. Das einzige Andenken, das ich je gesucht hatte, war dieses Bild, das ich in der Hand halte. Wir hatten keine Kinder und keine weiteren Fotos von uns. Dieses Bild war das einzige, das jemals von uns gemacht wurde.“

Der Frau rollte eine Träne über die Wange.

„Wie ging diese Geschichte weiter?“

„Ich dachte, ich würde meinen Mann nie wiedersehen.“

„Haben Sie ihn wirklich nie wieder gesehen?“

„Darauf komme ich gleich. Warum sind Sie so neugierig?“, fragte Anna mich.

„Meine Eltern sagen das auch immer. Ich bin halt so“, grinste ich.

„Das Foto wurde mir Jahre später durch das Rote Kreuz zugeschickt. Es ist durch viele Hände gegangen und schließlich über Umwege zu mir zurückgekehrt.“

„Bestimmt haben Sie sich darüber sehr gefreut!“

„Ich bin vor Weinen zusammengebrochen. Dieses Zeichen der Erinnerung und Hoffnung hat mir neue Kraft gegeben. Kurz darauf, fast wie durch ein Wunder, erhielt ich die Nachricht, dass mein Mann lebt und auf dem Weg zu mir war.“

Sie weinte wieder.

Ich fragte die alte Dame: „Warum weinen Sie? Das ist doch wunderschön!“

„Michelle, ich öffnete an Heiligabend die Tür – und plötzlich, nach all den Jahren der unendlichen Suche, stand Hannes vor mir.“

„Sie haben mir durch diese Geschichte gezeigt, dass ich nie die Hoffnung aufgeben darf.“

Mein Bus kam, und ich sah diese Frau nie wieder.

Ich dachte immer, dass es keine Wunder gibt, doch dann hörte ich diese Geschichte. Für mich ist es atemberaubend, wie stark ihre Liebe war und dass sie sich nach all den Jahren wiederfanden. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, es war ein Weihnachtswunder. Diese Frau zeigt mir bis heute, dass wir die Hoffnung nie aufgeben dürfen, egal wie aussichtslos eine Situation wirkt.







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