Du bist, wie du sprichst, oder zumindest glauben das alle. Jemand hört dich sprechen und „Schwupps“ bist du in der „passenden“ Schublade einsortiert. Wir telefonieren mit einer Person, die wir noch nie gesehen haben und „Schwupps“ haben wir ein Bild vor Augen. Wir wissen, oder glauben zu wissen, wie die Person aussieht, was sie in ihrer Freizeit macht und wo sie arbeitet. Spricht jemand nach der Schrift, ist er ein „überheblicher Schnösel mit Villa“, hat er einen ausländischen Akzent, ein „Flüchtling aus dem Armenviertel“, verwendet er hochgestochene Ausdrücke, ist er bestimmt ein “Professor mit Doktortitel“, spricht er im Dialekt, ist er ein „Bergbauer in Lederhose“. Doch wenn wir die Person dann treffen und kennenlernen, ist sie meist nicht so, wie wir sie uns vorgestellt haben.
Vorurteile gibt es nicht ohne Grund
Viele Vorurteile entstehen allein dadurch, dass wir eine Person sprechen gehört haben. Wir ordnen Menschen automatisch und in Sekundenbruchteilen anhand von gewissen Merkmalen wie Hautfarbe, Geschlecht, Kleidung und natürlich auch Sprache einer bestimmten Gruppe zu. Das hat einen ganz einfachen Grund: Würden wir dies nicht tun, wären wir völlig überladen mit Informationen und das Gehirn wäre restlos überfordert. Trotzdem ist es wichtig, seine Vorurteile zu hinterfragen und sich wirklich auf den Menschen einzulassen, der vor einem steht, ohne denjenigen in das vorgefertigte Bild zwängen zu wollen, das aus persönlichen Vorurteilen entstanden ist.
Rücksicht aufeinander nehmen
Was nämlich noch hinzukommt: Wir hören Menschen sprechen, sortieren sie in eine „Kategorie“ ein und behandeln sie dementsprechend unterschiedlich. Wenn eine Person mit ausländischem Akzent nach dem Weg fragt, klingt die Antwort oft ähnlich wie: „Du gehen Ecke links und über Straße“, während dem oben genannten Professor, oder auch nicht Professor, vielleicht gesagt werden würde: „An der nächsten Hausecke wenden Sie sich nach links und überqueren dort die Straße.“ Die Sprache einer Person, die wir (noch) nicht kennen, macht auch einen entscheidenden Unterschied in der Entscheidung, ob wir die Person mit „Du“ oder „Sie“ ansprechen. Jemanden, der in der Schriftsprache spricht, würden wir vermutlich, ohne nachzudenken, mit „Sie“ ansprechen, beim „Bergbauern“ sieht es da vielleicht schon wieder anders aus.
Natürlich wäre es nicht fair, mit einer Person, die noch nicht gut Deutsch spricht, in starkem Dialekt zu sprechen. Gerade in solchen Situationen ist es wichtig, sich seiner Rolle als Sprachvorbild bewusst zu sein. Am wichtigsten im Umgang mit Mitmenschen ist, Rücksicht auf die jeweiligen Bedürfnisse zu nehmen. Um jemanden fair zu behandeln, müssen wir nicht alle gleich behandeln, sondern jeden so, wie wir ihn unterstützen können, seine Ziele zu erreichen. Aber die Möglichkeiten, die wir haben, um eine Person wirklich zu unterstützen und fair zu behandeln, entsprechen nie dem, was wir basierend auf Vorurteilen über die Person tun würden
Vorurteile hinterfragen
Wir müssen Menschen nicht immer in Schubladen stecken und sie entsprechend der starren Stereotype behandeln. Nicht selten kommt es nämlich vor, dass der „Professor“ eigentlich Elektrotechniker oder Kindergartenpädagoge ist und sich ziemlich wundert, warum ihm so übertrieben höflich der Weg beschrieben wurde. Im Gegensatz dazu ist der „Ausländer“ vielleicht in Österreich geboren, hat eine zweite Muttersprache und ist ziemlich verletzt, weil keiner „normal“ mit ihm spricht.
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