„Das ist doch nicht gesund“, sagt eine Freundin zu mir, als sie meine pflanzliche Extrawurst abwertend anstarrt, als wäre sie ein missglücktes Chemieexperiment. So etwas muss ich mir öfter anhören, seit ich mich entschieden habe bei meiner Ernährung auf Tierleid zu verzichten.
Ich lebe jetzt seit knappen drei Monaten nahezu ausschließlich vegan und habe gelernt, wie schnell aus einer privaten Mittagessensentscheidung für den ein oder anderen eine existenzielle Bedrohung werden kann. Tierische Produkte sind vielen von uns vielleicht doch ein Stückchen zu sehr ans Herz gewachsen.
Bei mir ist vor allem das Bewusstsein für das Essen gewachsen, das ich mir tagtäglich in den Mund schaufle. Vor einigen Monaten war es noch gar nicht so untypisch, dass ich mir nach der Schule einfach jeden Tag eine Tiefkühlpizza mit Salami in den Ofen geschmissen habe. Begriffe wie Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren, Ballaststoffe und Vitamine spielten für mich keine große Rolle. Seit meinem Wechsel habe ich hierbei eine 180-Grad-Wendung gemacht, nämlich nicht um irgendeine kuriose Diät zu starten, sondern weil ich mir selbst einfach bewusster sein wollte, was ich zu mir nehme.
Aus der Sahara in die Arktis
Gehen wir ein bisschen in der Zeit zurück, um es besser zu verstehen. Es ist Juni. Die Sonne scheint und der Himmel ist blau, meine Heimatstadt Wien bricht jeden Tag einen neuen historischen Hitzerekord, als wären wir bei den Olympischen Spielen, und die Straßenbahnen ähneln eher einer Sauna. Wir kommen endlich an meiner Station an und plötzlich fühlt sich die Außentemperatur im Vergleich zur Bim gar nicht mehr so heiß an.
Wir spazieren nur knappe einhundert Meter weiter und treten ein. Hier herrscht gefühlt eine andere Klimazone: Billa Plus. Wir kriegen schon fast Gänsehaut, aber das hält uns nicht von unserer eigenen Mission ab, das vegane Sortiment zu erkunden.
Auf der Suche nach dem Schatz
Auf unserer Erkundungstour durch die knapp 2400 Quadratmeter Verkaufsfläche sehen wir plötzlich ganz andere Dinge, aber nicht, weil sie gestern noch nicht hier waren, sondern weil wir sie einfach nicht richtig wahrgenommen haben. Ein ganzes Kühlregal voller verschiedenster Aufstriche, von Butter über Frischkäse bis hin zum Leberwurstaufstrich wird uns hier angeboten. Nur zwei Kühlregale weiter die verschiedensten Produkte von Planted und Co. Und das alles vegan.
Was wir hier noch nicht wissen, ist, dass wir diesem Supermarkt in den nächsten Wochen noch unzählige Besuche abstatten werden, weil wir nicht damit aufhören können, neue Produkte zu testen.
Die Hobby-Ausbildung zum Ernährungsexperten
Wir sind endlich zuhause angekommen und packen alle unsere neuen Produkte aus und legen sie quer über den Tisch und fragen uns jetzt nur mehr aufgeregt, was wir denn heute davon nur probieren wollen. Langsam beginnen wir aber Aussagen zu hinterfragen, mit denen wir schon gleich am Anfang beschossen wurden: „Ist das alles überhaupt gesund“, „Das kann doch nicht natürlich sein“, „Das hat sicher alles ur lange Zutatenlisten“.
Sobald wir nämlich Schnitzel, Käse und Milch von unserem Speiseplan streichen, tritt ein faszinierendes Phänomen auf: Alle am Esstisch verwandeln sich schlagartig in eine Runde besorgter Ernährungsexperten. Auf einmal wird uns beim Mittagessen vorgeworfen, dass uns ja wichtige Proteine fehlen und ob das nicht schrecklich teuer und kompliziert sei. Dann fällt die allseits beliebte und „gar nicht provokante“ Frage: „Warum müssen pflanzliche Ersatzprodukte überhaupt wie Wurst, Fleisch und Käse aussehen, wenn du ja keine tierischen Produkte willst??“
Wir sind langsam gereizt, im Nachhinein aber eigentlich dankbar dafür, dass wir Menschen haben, die sich um uns Sorgen machen. Nur blöd, dass die meisten dieser gut gemeinten Ratschläge auf gefährlichem Halbwissen basieren. Wenn wir nämlich genau diese Leute dann zum Beispiel fragen, wie viel Gramm Protein eine Milch oder eine Tiefkühlpizza haben, werden wir von den meisten nur ratlos angeschwiegen.
Dabei lässt sich die brennende Frage nach der Optik pflanzlicher Ersatzprodukte überraschend einfach beantworten: Die wenigsten werden vegan, weil ihnen der Geschmack von Schnitzel, Wurst oder Käse plötzlich nicht mehr gefällt. Viele verzichten auf das Tierleid, nicht auf Traditionen, Erinnerungen und den Genuss.
Eine pflanzliche Extrawurst ist nichts anderes als eine andere Art sein gewohntes Essen zu genießen, bis auf, dass sie ohne Qualen auskommt. Nebenbei bemerkt wächst das beste Proteinpulver schon seit Jahrtausenden ganz ohne Antibiotikum und Schlachthof auf unseren Feldern: Linsen, Bohnen, Erbsen und alle sonstigen Hülsenfrüchte. Sie sind alle top Proteinquellen und auf die reinen Proteine runtergerechnet meist viel billiger.
Kein Verzicht, sondern Sojasahne und Workarounds
Eines habe ich in diesen drei Monaten nämlich ganz deutlich gespürt: Ich hatte kein einziges Mal das Gefühl, wirklich auf irgendetwas verzichten zu müssen. Warum? Weil es für fast jedes Gericht da draußen mittlerweile einen genialen Workaround gibt. Statt mich einzuschränken, hat mir der Wechsel die Tür zu einer riesigen Welt voll neuer Rezepte aufgestoßen, die ich sonst in meinem ganzen Leben vermutlich nie ausprobiert hätte.

Abgesehen vom eigenen Kochen hat mich vor allem das Zusammenleben zuhause erstaunt. Wenn abends etwas gekocht wird, das nicht vegan ist, stelle ich mich selbst kurz an den Herd und mache mir was Schnelles und das hinterfragt mittlerweile niemand mehr. Oft passiert sogar das Gegenteil: Meine Familie schließt sich spontan an und schüttet einfach beim gemeinsamen Pasta-Kochen statt dem herkömmlichen Obers vegane Sojasahne (die quasi ident schmeckt) in die Soße. Ohne große Diskussionen oder Glaubenskriege.
Genau so entsteht ein richtig angenehmes Miteinander, das auf beiderseitigem Respekt basiert, und ganz nebenbei tun wir damit auch noch unserem Planeten etwas Gutes in einer Zeit, in der er es erst recht braucht.
Wenn ich heute also auf die vergangenen drei Monate zurückblicke, spüre ich eine tiefe Zufriedenheit. Am Anfang war da noch die leise Unsicherheit, die Sorge vor Fehlkäufen und der ständige Druck, mich am Esstisch wie auf einer Anklagebank rechtfertigen zu müssen. Doch dieser Frust hat sich längst in echtes Selbstbewusstsein verwandelt und das Bewusstsein, dass ich mich so viel ausgewogener ernähre, als zuvor.

Wenn mir also heute die besagte Freundin heute wieder gegenübersitzt und skeptisch auf meinen Teller schaut, muss ich nicht mehr lange diskutieren. Die pflanzliche Extrawurst ist auch kein seltsames Chemieexperiment mehr, sondern ein ganz normales Alltagsprodukt, das ironischerweise keine künstlichen Zusatzstoffe beinhaltet. Aus einer tiefliegenden Skeptik ist bei Familie und Freunden teilweise sogar eine Art Respekt geworden.
Wie du also vermutlich schon unschwer herausgelesen hast, habe ich mir meine Meinung zum Thema Ernährung schon längst gebildet und sie beruht auf einem Zitat, das Schiller schon vor zweihundert Jahren gesagt hat:
„Leben und leben lassen“
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