TikTok und Instagram nutzen jeweils 64 Prozent der 11- bis 17-Jährigen in Österreich. Bei YouTube sind es 76 Prozent, bei Snapchat 65 Prozent. Gleichzeitig verbringen viele Jugendliche täglich mehrere Stunden am Smartphone. Dabei geht es nicht nur darum, wie lange wir soziale Medien nutzen, sondern auch darum, wie die Apps unsere Aufmerksamkeit halten.
Eine Minute wird zu einer Stunde

Das Problem beim Scrollen ist nicht nur die Zeit, die am Bildschirm steht. Es ist auch die Art, wie diese Zeit entsteht.
Wenn wir eine Serie schauen, wissen wir meistens, welche Folge wir ansehen. Bei einem Buch entscheiden wir selbst, wann wir die nächste Seite umblättern. Beim Scrollen gibt es dagegen kaum einen natürlichen Endpunkt. Ein Video endet, das nächste beginnt und danach kommt wieder eines.
Automatisches Abspielen, personalisierte Empfehlungen, Likes und Benachrichtigungen können dazu beitragen, dass wir länger bei einer App bleiben. Auch eine Untersuchung der Arbeiterkammer Wien und des Instituts für Höhere Studien beschäftigte sich 2026 mit solchen Designelementen. Von 55 untersuchten Funktionen wurden bei TikTok 44 und bei Instagram 40 als problematisch bewertet. Dazu gehörten unter anderem automatisch abspielende Inhalte und Feeds ohne klares Ende.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder, der TikTok oder Instagram häufig nutzt, abhängig ist. Viel Nutzung und problematische Nutzung sind nicht dasselbe.
Wenn der Algorithmus entscheidet
Auch die Art, wie wir soziale Netzwerke nutzen, verändert sich. Laut Saferinternet.at verschiebt sich der Schwerpunkt bei Jugendlichen zunehmend vom gezielten Austausch hin zum Konsum von Kurzvideos.
Wir öffnen eine App also nicht immer, weil wir eine bestimmte Person oder einen bestimmten Beitrag sehen wollen. Stattdessen lassen wir uns zeigen, was als Nächstes kommt.
Der Algorithmus empfiehlt dabei Inhalte auf Grundlage unseres bisherigen Nutzungsverhaltens. Je länger wir schauen, desto mehr Daten entstehen darüber, welche Videos uns interessieren könnten. So kann aus „Ich schaue kurz aufs Handy“ schnell eine längere Scrollrunde werden.
Doomscrolling ist etwas anderes
Doomscrolling bezeichnet vor allem das ständige Konsumieren negativer oder belastender Nachrichten. Krieg, Katastrophen, Gewalt, Krisen und andere schlechte Nachrichten können dabei immer wieder im Feed auftauchen.
Eine 2025 veröffentlichte Studie von Muhammed Akat und Erdal Hamarta untersuchte 301 Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren. Die Studie fand einen Zusammenhang zwischen problematischer Social-Media-Nutzung und späterem Doomscrolling. Doomscrolling allein sagte dabei aber nicht voraus, dass sich später eine Social-Media-Abhängigkeit entwickelt.
Auch eine große Übersichtsarbeit von Luisa Fassi und weiteren Forschenden, die 2024 in der Fachzeitschrift JAMA Pediatrics erschien, untersuchte Social-Media-Nutzung und psychische Belastungen bei Jugendlichen. Die Forschenden fanden Zusammenhänge mit Symptomen wie Angst und Depression. Gleichzeitig unterscheiden sich die untersuchten Studien stark voneinander.
Deshalb lässt sich nicht einfach sagen: Viel Social Media macht automatisch psychisch krank. Die Forschung ist komplizierter.
Was uns dabei verloren geht
Die vielleicht greifbarste Frage lautet deshalb: Was hätten wir sonst mit dieser Zeit gemacht?
Eine halbe Stunde Scrollen klingt zunächst nach wenig. Eine halbe Stunde täglich sind aber rund 182 Stunden im Jahr. Das entspricht mehr als sieben Tagen, wenn man diese Zeit ohne Unterbrechung zusammenzählt.
Bei einer Stunde täglich wären es bereits rund 365 Stunden im Jahr. Das sind über 15 Tage.
Diese Rechnung beweist nicht, dass wir unsere Zeit „verschwenden“. Ein lustiges Video, ein Chat mit Freunden oder ein interessanter Beitrag können genauso Teil einer guten Freizeit sein. Social Media kann Freundschaften stärken, Informationen vermitteln und Menschen miteinander verbinden.
Entscheidend ist deshalb nicht unbedingt, ob wir Social Media nutzen. Die Frage ist vielmehr, ob wir selbst entscheiden, wann wir anfangen und aufhören.
Wir merken den Unterschied oft erst danach
Beim Jugend-Internet-Monitor 2026 zeigt sich gleichzeitig eine interessante Entwicklung: Die Nutzung einiger großer Social-Media-Plattformen ist in Österreich zurückgegangen. WhatsApp liegt 2026 bei 82 Prozent, YouTube bei 76 Prozent, TikTok und Instagram jeweils bei 64 Prozent.
Gleichzeitig gibt es neue Angebote, die um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren. Laut Saferinternet.at nutzen inzwischen 94 Prozent der 11- bis 17-Jährigen KI-Chatbots.
Unsere Bildschirmzeit verschwindet also nicht einfach. Sie verteilt sich auf neue Angebote.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, wie viel Zeit wir am Bildschirm verbringen. Es geht auch darum, wer darüber entscheidet, was wir in dieser Zeit tun.
Wenn wir das Handy weglegen, endet der Feed. Die Zeit danach gehört wieder uns.
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