Schüler werden oft nach Leistung gemessen, doch was passiert, wenn das System die individuelle Förderung versäumt? Werden Schwierigkeiten als persönliches Versagen gesehen, oder sind manche Schüler einfach nicht ausreichend gefordert worden? Haben Lehrkräfte jemals bereut, einem Kind in seiner akademischen Laufbahn Steine in den Weg gelegt zu haben? Im Nachhinein wissen wir alles besser, vielleicht. Doch vielleicht liegt die eigentliche Pflicht darin, auch die Schüler in der letzten Reihe zu bemerken, ihre Träume anzuerkennen und zu fördern.
Jeder ist ein Genie
„Aber wenn du einen Fisch danach beurteilst, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein ganzes Leben glauben, dass er dumm ist.“ – Albert Einstein
Wie ein Lehrer einen Schüler behandelt, ist oft entscheidender als der Vermittlungsansatz, die Anzahl der Hausaufgaben oder sogar, wie sehr einem ein Fach liegt. Lustigerweise stehen diese Faktoren in engem Zusammenhang. Lehrer haben großen Einfluss darauf, wie Schüler sich selbst wahrnehmen, welche Leistungen sie erbringen und wie sie ihr eigenes Talent einschätzen. Welches Fach einem „liegt“, wird also maßgeblich auch vom Lehrer mitbestimmt.
Der Rosenthal-Effekt
Dieser Gedanke wird durch den sogenannten Rosenthal-Effekt gestützt. Entdeckt wurde er 1966 von den US-Psychologen Robert Rosenthal und Lenore Jacobson bei einem Experiment mit Schülern: Als Lehrer eine neue Klasse übernahmen, erzählten die Forscher, die Klasse setze sich aus den besten Schülern zusammen. Doch die Psychologen hatten gelogen, die Klasse bestand in Wahrheit aus einer Zufallsauswahl. Dennoch war die Klasse nach Ablauf des Schuljahres tatsächlich besser als alle anderen.
Das gleiche Phänomen kann auch in die andere Richtung wirken: der sogenannte „Andorra“-Effekt, benannt nach dem gleichnamigen Theaterstück von Max Frisch. Schüler, die regelmäßig negatives Feedback aufgrund niedriger Erwartungen erhalten, passen sich diesen Erwartungen an und erfüllen sie. Der schnellste Weg, Talent verkümmern zu lassen.
Die selbsterfüllende Prophezeiung und der Lehrer als Orakel
„Am meisten hasste ich das wettbewerbsorientierte System dort, und besonders den Sport. Deshalb war ich nichts wert, und mehrmals schlugen sie vor, ich solle gehen.“ – Albert Einstein
Einstein, ein Schulabbrecher? Ein Schulabbrecher, der der nächste Einstein wird? Tatsächlich waren beide Lebenswege an einem gewissen Punkt gleichermaßen wahrscheinlich. Der Kipppunkt? Eine ganze Reihe von Faktoren, doch der Lehrer spielt dabei definitiv eine Rolle.
Lehrer werden zu einer Art „Orakel“. Sie bilden sich Vorurteile, handeln danach und formen so die Realität oft erschreckend genau nach ihren Erwartungen. Doch es gibt auch Licht im Dunkeln: So effektiv der Rosenthal-Effekt ist, er hat Grenzen. Allein das Wissen um diesen Mechanismus kann dazu führen, dass er nicht mehr eintritt. Werden Lehrkräfte über die Auswirkungen ihrer eigenen Erwartungshaltung informiert, fallen unbewusste Effekte weg oder treten deutlich schwächer auf.
„Ich hatte das Gefühl, dass mein Wissensdurst von meinen Lehrern erstickt wurde; Noten waren ihr einziges Maß.“ – Albert Einstein
Noten werden oft als objektiv wahrgenommen, doch Subjektivität ist unvermeidbar: bei der Einteilung von Projektgruppen, der Vergabe von Strafarbeiten oder der Einschätzung der mündlichen Mitarbeit. Gerade deshalb ist es entscheidend, bewusst hinzusehen und sensibel zu bleiben. Lehrkräfte sollten sich immer wieder fragen: Beurteile ich die Leistung oder unbewusst die Person? Behandle ich Schüler fair und bilde mir stets neue Eindrücke, oder lasse ich mich von Erwartungen leiten, die sich längst verselbstständigt haben?
Denn eines ist klar: Auch in der letzten Reihe sitzt die Zukunft. Die Zukunft kennt keinen Sitzplan. Sie zeigt sich dort, wo man sie erkennt. Potenzial schlummert in jedem Einzelnen.
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