Die Weisheit der Schwäne

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31.08.2025
3 Min.
Manchmal beginnt Veränderung leise. In einem Blick auf Schwäne, in einem Gefühl, das bleibt, wenn der Gedanke schon verblasst ist. (Foto: Shutterstock)

Warum nur fühlte sich alles so hohl an, ausgerechnet jetzt, da die Dinge wunschgemäß liefen? Sogar mit der Liebe schien es zum ersten Mal zu klappen. Sie sollte strahlen. Warum tat sie es nicht?

Rechts von Klara öffnete sich die Häuserreihe zu einer Wiese, die hinunter zu einem Baggersee reichte. Es war noch früh am Vormittag und die aus Latten gezimmerten Liegen für Badegäste waren alle frei. Auf eine von ihnen legte sie sich, mit ihrem Rucksack als Kopfkissen, die Arme eng an den Körper gezogen, und blickte zum Himmel. Was stimmte mit ihr nicht?

Am Abend würde sie Oliver treffen, und er meinte es anscheinend ernst mit ihr. Ihre Eltern hatten ein schlechtes Gewissen wegen allem, was passiert war, dabei wäre das nicht nötig gewesen. Hauptsache, sie vertrugen sich wieder.

Nächstes Jahr würden sie einen neuen Klassenvorstand bekommen, dann wäre auch ihr Problem in Physik unerwartet gelöst. Eigentlich hätte sie dankbar sein müssen, vor allem für die Liebe, und demütig. Doch sie fühlte eine Unruhe und etwas raunte ihr zu: Das kann nicht alles gewesen sein.

Ein Schwan war aus dem Wasser gekommen und spazierte stolz über die Wiese. Anspruch ist so wie Größe eine Frage der Haltung, dachte Klara, denn er kam ihr vor wie ein Grundeigentümer, der nach dem Rechten sah. Es fühlte sich für sie wie ein Privileg an, dass er nichts gegen ihre Anwesenheit in seinem Reich einzuwenden hatte.

Wenig später bemerkte sie ihn am Rand der Wiese. Er ging zurück zum Wasser, gefolgt von sieben Jungen, die schon so groß wie er aber noch grau gefiedert waren. Sie watschelten in einer Reihe hinter ihm her, im Gleichschritt, den er vorgab. Sie wirkten kräftiger als er, dennoch war klar, wer hier der Chef war.

Kennt er Demut? Das fragte sich Klara, als sie die Gruppe beobachtete, unauffällig, wie sie normalerweise nur Menschen beobachtete. Empfindet er Dankbarkeit? Weiß er, was Liebe ist? Die Jungen folgten ihm wie Mönche ihrem Meister, dessen Weisheit in ihnen schon Früchte trug. Dieser Schwan, dachte sie, es fühlte sich an wie eine von den ganz großen, lebensverändernden Erkenntnissen, er ist Demut. Er ist Dankbarkeit. Er ist Liebe.

Sie schloss die Augen wieder, sank zurück und es war ihr, als würde etwas aus ihr heraus zwischen den Latten der Liege hindurch in die Erde und hinunter in die Tiefe sinken. Sie ließ es sinken. Sie ließ es sinken und sinken und sinken und schlief dabei ein.

Als sie wieder erwachte, hatte sie die Schwäne vergessen. Sie waren nur eine Beobachtung gewesen, eine der vielen, die sie jeden Tag machte und über die sie nachdachte. Aber ihre Unruhe war verschwunden. War da ein Traum gewesen? Nicht, dass sie wüsste. Doch etwas hatte begonnen, das fühlte sie, als sie aufstand und ihren Rucksack nahm. Etwas Gutes. Etwas, das mit dem zu tun hatte, worum es im Leben wirklich ging.

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