Die Verbrechen der NS-Medizin zeigen zu welcher Grausamkeit Menschen fähig sind, wenn Ideologie, Macht und fehlende moralische Grenzen zusammentreffen. Wenn selbst nicht vor Kindern Halt gemacht wird. Wenn Menschen ihrer Würde beraubt werden. Wenn Mitgefühl und Gewissen verstummen.
Gerade deshalb ist die Erinnerung an die Opfer von besonderer Bedeutung. Geschichte darf nicht in Vergessenheit geraten, denn mit dem Vergessen wächst die Gefahr der Wiederholung. Und genau deshalb schreibe ich diese Geschichte.
Die Mahnung „wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“ sollte uns daran erinnern, dass Gedenken kein Rückblick ist, sondern auch Verantwortung für die Zukunft.
Unfassbare Gräueltaten
Die medizinischen Menschenversuche während der Zeit des Nationalsozialismus (1939-1945) gehören zu den schwersten Verbrechen der Wissenschaftsgeschichte. Unter dem Deckmantel der Forschung wurden Menschen verstümmelt, bewusst mit Krankheitserregern infiziert oder qualvollen Operationen unterzogen. Was offiziell als medizinischer Fortschritt bezeichnet wurde, war in Wirklichkeit systematische Entmenschlichung.
Ärztinnen und Ärzte, die eigentlich Menschenleben schützen sollten, missbrauchten ihre Position, um Kinder, Frauen und Männer als Objekte der Forschung zu missbrauchen. Die Betroffenen waren vor allem Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, politische Gefangene, Kriegsgefangene sowie andere Gruppen, die von den Nationalsozialisten als „minderwertig“ oder „lebensunwert“ eingestuft wurden.
Eine genaue Zahl der Opfer lässt sich heute nicht mehr bestimmen. Historiker gehen jedoch von mehreren tausend bis über 10.000 Personen aus, die infolge dieser Experimente starben.
„Kaninchen von Ravensbrück“
Im Konzentrationslager Ravensbrück wurden zahlreiche Frauen Opfer grausamer medizinischer Versuche. Die Betroffenen nannten sich selbst „Króliki“, polnisch für „Kaninchen“, weil sie von den Ärzten wie Versuchstiere behandelt wurden. Die sogenannten „Kaninchen von Ravensbrück“ waren überwiegend junge Polinnen, an denen NS-Ärzte grausame Menschenversuche durchführten.
Die ihnen zugefügten Wunden an Beinen und Knochen wurden absichtlich mit Bakterien infiziert oder mit Fremdkörpern wir Staub, Holz-Glas- und Bombensplitter verunreinigt.
Ziel war es, neue Medikamente gegen Wundinfektion und für eine bessere Blutgerinnung für verwundete Soldaten der Wehrmacht zu erproben. Diese Eingriffe erfolgten oft ohne Betäubung oder Schmerzmittel.
Viele der Frauen starben an den Folgen der Experimente und nur wenige dieser Frauen überlebten- mit schweren Verletzungen und dauerhaften Verstümmelungen und lebenslangen körperlichen und psychischen Wunden.
Eine der Überlebenden, Wanda Półtawska, erinnerte sich: „Ich war überzeugt, dass ich sterben würde. Doch wir mussten weiterleben, um zu erzählen, was geschehen war.“
Die Experimente von Josef Mengele im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau
Der Lagerarzt Doktor Josef Mengele (1943-1945) gilt als einer der bekanntesten Täter der Medizinverbrechen des Nationalsozialismus.
Besonders interessierten ihn Zwillingskinder, Menschen mit körperlichen Besonderheiten sowie Angehörige der Sinti und Roma. Schätzungsweise etwa 1.500 Zwillingspaare wurden zu Opfern seiner Untersuchungen. An ihnen ließ er Körpermaße fassen, entnahm große Mengen Blut und führte schmerzhafte Eingriffe ohne Betäubung durch- darunter Infektionen mit Krankheitserregern, Amputationen, Kastrationen oder dem operativen Verbinden von Blutkreisläufen.
Im Mittelpunkt stand seine sogenannte „Rassenforschung“, mit der er Versuchte, vermeintliche Erb- und Rassenmerkmale zu untersuchen und zu manipulieren. Vor allem Kinder wurden Objekte seiner Grausamen Versuche. So träufelte er Chemikalien in ihre Augen, in der Absicht die Irisfarbe zu ändern. Die Folgen waren schwere Entzündungen, Erblindungen oder der Tod der Betroffenen.
Waren die Zwillinge für Mengele nicht mehr „wissenschaftlich verwertbar“, so wurden sie oft nach Versuchsreihen getötet, etwa durch Phenol- oder Chloroform Injektionen direkt ins Herz oder er schickte sie in die Gaskammern, um anschließend Obduktionen durchführen zu lassen.
Zudem arbeitete er eng mit dem Kaiser Wilhelm Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik zusammen. Während seiner Tätigkeit im Konzentrationslager ließ er für Forschungszwecke Organe, Skelette, Augen, Embryonen und Leichname von Kinder an das Institut nach Deutschland schicken, um sie fort wissenschaftlich untersuchen zu lassen, wie Ernst Klee in „Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer“ berichtet.
Giftmunition-Versuche im KZ Sachsenhausen
Im KZ Sachsenhausen wurden im Zeitraum 1942/43 im Auftrag der deutschen Wehrmacht unter Leitung des Lagerarztes Heinz Baumkötter (SS-Hauptstrumführer) Munitionsarten getestet.
An russischen Kriegsgefangenen wurden Dum-Dum Geschosse, Phosphorkugeln und andere Expansionsmunition getestet, um die Wundwirkung zu dokumentieren. Die Expandiergeschosse sind aufgrund ihrer grausamen großen Verletzungen seit der Haager Konvention 1899 verboten.
Die Versuchspersonen der Munitionsversuche in Sachsenhausen starben durch die schweren, aufplatzenden Wunden der Dum-Dum-Geschosse, Phosphorkugeln und Giftmunition, oft unter qualvollen, tollwutähnlichen Symptomen wie Zuckungen, Krämpfen, Raserei und Schaum vor dem Mund.
Warum beteiligten sich Ärzte an diesen Verbrechen?
Diese kurzen Berichte sind tragischerweise nur Bruchstücke der vielen Gräueltaten im Nationalsozialismus. Dennoch werfen sie eine zentrale Frage auf: Warum opferten so viele Ärzte im dritten Reich Ethik und Menschlichkeit für ideologische Ziele?
Diese Verbrechen entstanden durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Die nationalsozialistische Ideologie stellte den „Volkskörper“ über das Leben des Einzelnen. Menschen wurden nach in „wertvoll“ und „wertlos“ eingeteilt.
Gleichzeitig bot das Regime Forschern Möglichkeiten und Ressourcen, die in normalen wissenschaftlichen Systemen undenkbar gewesen wären- das experimentieren direkt am Menschen. Ohne Zustimmung der Betroffenen. Ohne ethische Grenzen.
Karrierechancen, ideologische Überzeugung und die schrittweise Verschiebung moralischer Grenzen führten dazu, dass viele Mediziner ihre ethischen Grundsätze aufgaben. Die Konzentrationslager wurden so zu Orten, an denen medizinische Forschung ohne jede Rücksicht auf das menschliche Leben durchgeführt werden konnte.
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