Die Uhr im Treppenhaus

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Volontär · BRG Oeverseegasse
19.05.2026
2 Min.
Diese Uhr erzählt eine besondere Geschichte. (Foto: shutterstock)

In den folgenden Wochen begegneten sie sich öfter. Er sprach wenig, aber immer höflich. Einmal trug er ihr einen schweren Karton hinauf, ein anderes Mal stellte er ihr eine Tüte Äpfel vor die Tür. Ohne Nachricht.

An einem Abend fiel im ganzen Haus der Strom aus. Das Treppenhaus lag im Dunkeln, nur durch ein kleines Fenster fiel fahles Licht herein. Lena tastete sich die Stufen hinunter und hörte unten ein leises Ticken.

Die Uhr. Obwohl alles andere still war.

Herr Winter stand davor.

„Merkwürdig“, sagte Lena. „Die läuft ja noch.“

Der alte Mann nickte langsam. „Sie lief auch damals weiter.“

„Damals?“

Er schwieg einen Moment. Dann setzte er sich auf die unterste Treppenstufe.

„Vor zwölf Jahren“, begann er leise, „kam meine Tochter jeden Abend um neun nach Hause. Immer zur gleichen Zeit. Ich wartete dann hier unten mit ihr auf den Aufzug.“

Lena sagte nichts.

„An einem Winterabend blieb die Uhr stehen. Genau um fünf nach neun.“ Er sah zur Uhr hinauf. „Und sie kam nicht nach Hause.“

Draußen rauschte Regen gegen die Fenster.

„Ein Unfall?“ fragte Lena vorsichtig.

Herr Winter nickte.

Lange sagte keiner etwas. Dann stand er auf, strich mit den Fingern über das dunkle Holzgehäuse der Uhr und lächelte müde.

„Seitdem stelle ich sie jeden Abend wieder auf fünf nach neun.“ Er zuckte leicht mit den Schultern. „Vielleicht glaubt ein Teil von mir, dass sie dann diesmal rechtzeitig zurückkommt.“

In dieser Nacht konnte Lena lange nicht schlafen.

Am nächsten Morgen hing ein Zettel neben den Briefkästen.

„Hausgemeinschaft sucht Spenden für eine neue Treppenhausuhr.“

Darunter hatte jemand mit Kugelschreiber geschrieben:

„Die alte soll bleiben.“

Niemand wusste, wer es geschrieben hatte.

Aber die Uhr hing noch viele Jahre dort. Immer fünf Minuten nach neun.


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