Der erste Tag der neuen Regeln ist ein Dienstag. Am 1. September 2026 sitzen in Innsbruck Führerscheinkandidat*innen vor den Bildschirmen der theoretischen Prüfung. Vorrangregeln, Bremswege, Verkehrszeichen. Ein Klick pro Antwort. Im Raum wachen Prüfungsaufsichtsorgane der Landespolizeidirektion Tirol, an diesem Tag gemeinsam mit Beamt*innen der Polizeiinspektion Saggen. Zwei Prüflinge sollen technische Hilfsmittel verwendet haben, um sich durch die Prüfung helfen zu lassen. So berichtet es MeinBezirk unter Berufung auf Polizeiberichte. Was die beiden am Körper trugen, steht in dem Bericht nicht. Wie die Sache für sie ausgeht, schon.
Innsbruck lieferte die ersten Fälle am ersten Geltungstag der 23. Novelle des Führerscheingesetzes. Die Novelle trifft die Führerscheinprüfung mitten in ihrer Hochsaison. Wer im Sommer 17 oder 18 geworden ist, sitzt jetzt in der Fahrschule oder vor dem Prüfungscomputer. Der NEOS-Abgeordnete Dominik Oberhofer beschrieb das Führerscheinwesen im Nationalrat als Saisongeschäft: Die meisten Prüfungen fänden im September statt. Für viele Oberstufenschüler*innen fällt der Theorietermin damit in dieselben Wochen wie die ersten Tests des Schuljahres.
Stefan Stanisavljevic ist 18, kommt aus Wien und steckt zurzeit mitten in der Theorie. Gelernt wird hauptsächlich mit der App seiner Fahrschule. „Am Anfang hab ich’s ein bisschen vor mir hergeschoben, und jetzt, wo die Prüfung näher kommt, muss ich halt doch mehr machen“, sagt er. „Ich mach meistens so die Fragen durch und schau mir an, was ich immer falsch hab.“
Dass es auch anders gehen soll, bekommt er am Handy mit. „Ja, solche Sachen hab ich schon auf TikTok gesehen“, erzählt Stefan. Offene Angebote, alles vorzusagen, seien das nicht unbedingt, eher Videos von Leuten, „die irgendwie damit angeben, dass man sich bei der Prüfung helfen lassen kann“. Und: „In irgendwelchen Gruppen wird sowas auch herumgeschickt.“ Er selbst hält davon wenig. „Ich find’s ehrlich gesagt ziemlich dumm, weil du willst ja irgendwann selber fahren können.“
Eineinhalb Jahre Zwangspause
Der Kern der Novelle ist eine Zahl. Wer bei der Theorieprüfung unerlaubte Technik einsetzt und sich von Personen außerhalb des Prüfungsraums helfen lässt, darf nach einem Abbruch oder einer negativen Bewertung erst nach 18 Monaten wieder antreten. Bisher betrug diese Sperre neun Monate. Die Frist hat sich also verdoppelt.
Was das bedeutet, zeigt ein Rechenbeispiel. Angenommen, eine Schülerin tritt mit 17 ½ Jahren zur Theorieprüfung an, eine Minikamera im Hemdknopf, einen Funkhörer im Ohr. Sie fliegt auf. Nach der alten Regel hätte sie mit etwas über 18 wieder vor dem Bildschirm sitzen dürfen, rechtzeitig vor der Matura. Nach der neuen Regel ist sie beim nächsten Versuch 19. Die Matura, der erste Ferienjob mit Auto, der Sommer mit Freund*innen am See: Das alles passiert dann ohne Führerschein.
„Die 18 Monate Sperre sind schon zach“, sagt Stefan. „Andererseits, wenn du wirklich absichtlich schummelst, weißt du ja, dass es nicht erlaubt ist. Aber eineinhalb Jahre ist halt schon brutal lang.“
Für ehrliche Prüflinge bringt dieselbe Novelle eine kleine Erleichterung. Wer die Theorie- oder Fahrprüfung regulär nicht schafft, darf künftig nach zwölf Tagen statt nach zwei Wochen wieder antreten. Das Gesetz unterscheidet damit schärfer als bisher zwischen Pech und Betrug.
Ein Geschäft mit Funk und Knopflöchern
Die Methoden erinnern an einen Agentenfilm, und sie sind seit Jahren bekannt. In Oberösterreich deckte die Polizei eine Masche auf, bei der Kandidat*innen ein Handy in einem präparierten T-Shirt versteckten. Durch ein kleines Loch, geschickt in einem Schriftzug platziert, filmte die Kamera den Prüfungsbildschirm. Ein bezahlter Helfer draußen las die Fragen mit und gab die Antworten per Funk in einen Knopf im Ohr durch. So schilderte es der ORF Oberösterreich. Eine noch weiter entwickelte Variante beschrieb laut Autorevue das ZIB Magazin des ORF: Dort soll ein Mittelsmann angeboten haben, den Prüfungscomputer per Fernzugriff zu übernehmen und die Fragen von außen zu beantworten.
Billig ist diese Abkürzung nicht. Ertappte Prüflinge gaben laut Polizei an, bis zu 2.000 Euro bezahlt zu haben. Das Land Oberösterreich sprach 2023 in einer Aussendung von Landesrat Günther Steinkellner von rund 2.500 Euro und mehr pro Kandidat*in. Zum Vergleich: Der Komplettpreis für einen B-Führerschein liegt bei der Wiener Fahrschule Rainer bei 1.829 Euro, bei der Fahrschule WIVUS in Floridsdorf bei 1.899 Euro. Wer sich durch die Theorie einsagen lässt, zahlt also ungefähr ein zweites Mal den ganzen Führerschein. Dafür lernt er oder sie keine einzige Vorrangregel.
Wie oft geschummelt wird, weiß niemand verlässlich. Eine österreichweite Statistik gibt es in den öffentlich zugänglichen Quellen nicht. Die bekannteste Zahl stammt aus der erwähnten Aussendung aus Oberösterreich: Dort flogen in einem einzigen Jahr mehr als 30 Manipulationsversuche auf, mit steigender Tendenz. Diese Zahl ist mehrere Jahre alt, sie betrifft ein einziges Bundesland, und sie erfasst nur die Fälle, die entdeckt wurden. Die Dunkelziffer bleibt offen.
Warum Schummeln bisher glimpflich ausging
Dass der Gesetzgeber jetzt eingreift, hat mit einem Urteil aus dem Jahr 2023 zu tun. Das Bezirksgericht Graz-Ost hatte drei Personen verurteilt, die bei Führerscheinprüfungen getrickst hatten. Der Vorwurf lautete auf mittelbar unrichtige Beurkundung im Amt. Der Oberste Gerichtshof hob das Urteil im Sommer 2023 auf. Die Begründung, stark vereinfacht: Die Lenkberechtigung selbst sei trotz der Schummelei keine inhaltlich falsche Urkunde. Strafrechtlich war der Betrug bei der Theorieprüfung damit kaum zu fassen. Die Helfer*innen im Hintergrund kassierten weiter.
Die Novelle schließt diese Lücke über das Verwaltungsrecht. Erstmals ist ausdrücklich verboten, unerlaubte technische Unterstützung bei der Theorieprüfung anzubieten, zu organisieren oder durchzuführen. Laut Heute beträgt die Mindeststrafe 726 Euro, im ordentlichen Verfahren sind bis zu 2.180 Euro oder bis zu sechs Wochen Ersatzfreiheitsstrafe möglich. Auch in Innsbruck bleibt es nicht bei den beiden Prüflingen: Die Polizei ermittelt nach dem Verwaltungsstrafgesetz gegen weitere Personen.
Was die Politik sagt
Im Nationalrat wurde die Novelle mit Mehrheit beschlossen. Der SPÖ-Abgeordnete Bernhard Herzog nannte das Schummeln mit Minikameras und Knopf im Ohr dort „kein Kavaliersdelikt“. Sein Argument: Wer sich durch die Prüfung schummle, könne sich auf der Straße nicht mehr durchschummeln. Der ÖVP-Abgeordnete Franz Hörl hielt die 18 Monate Wartezeit für gerechtfertigt. Verkehrsminister Peter Hanke (SPÖ) wollte die Maßnahmen gegen technisch unterstützten Prüfungsbetrug nach eigenen Worten „mit drei Rufzeichen“ verankert wissen.
Die Grünen setzten in der Debatte einen anderen Schwerpunkt. Die Abgeordnete Nina Tomaselli kritisierte, die Novelle enthalte keine Verbesserung für Fahrschüler*innen, die Prüfer*innen aus fadenscheinigen Gründen durchfallen ließen. In Vorarlberg sei bis vor Kurzem jede*r Zweite bei der Fahrprüfung durchgefallen, im österreichischen Schnitt seien es drei von zehn. Laut einer Anfrage ihrer Fraktion an das Verkehrsministerium gebe es in vielen Bundesländern Prüfer*innen, bei denen mehr als sechs von zehn Kandidat*innen durchfallen. Sie erinnerte daran, dass Geld mit 18 knapp sei und jeder neue Antritt etwas koste. Oberhofer entgegnete, die Regierung arbeite an einem weiteren Paket für transparente und faire Prüfungen.
Diese Aussagen fielen in der Plenardebatte. Es sind politische Stellungnahmen, keine unabhängig geprüften Zahlen.
Eine Prüfung, die im Verkehr weiterwirkt
Die Theorieprüfung wirkt auf viele wie ein bürokratisches Hindernis. Hunderte Fragen, auswendig gelernt in einer App, abgefragt an einem Vormittag. Die Befürworter*innen der Novelle halten dagegen: Die Fragen behandeln das, was im Straßenverkehr über Unfälle entscheidet. Wer Vorrang, Bremsweg und Sichtweite nicht versteht, versteht sie auch hinter dem Lenkrad nicht. Die Grünen-Abgeordnete Elisabeth Götze nannte in derselben Debatte 397 Verkehrstote für das Vorjahr, rund 15 Prozent mehr als im Jahr davor.
Für Fahrschüler*innen hat die neue Regel eine nüchterne Konsequenz. Das Angebot, sich einsagen zu lassen, kostet ungefähr so viel wie der ganze Führerschein. Das Risiko sind eineinhalb Jahre ohne zweiten Versuch. Stefan hat seine Rechnung schon gemacht: „Da würd ich vorher lieber ein paar Stunden mehr lernen.“
Zurück nach Innsbruck. Das Verkehrsamt der Landespolizeidirektion Tirol sperrt die beiden Prüflinge für 18 Monate. Ihr nächster Versuch wäre damit frühestens im März 2028 möglich. Dann sitzen sie wieder vor dem Bildschirm. Vorrangregeln, Bremswege, Verkehrszeichen. Ein Klick pro Antwort. Diesmal ohne Stimme im Ohr.
Kommentare
Super Text, weiter so bitte ;)