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Die Namen unter unseren Füßen

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Redakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
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28.07.2026
4 Min.

Nur wenige Gehminuten von meiner Wohnung entfernt erinnern kleine Messingplatten an Menschen, die während der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden. Lange ging ich daran vorbei, ohne ihnen Beachtung zu schenken. Erst die Geschichte von Franz und Elfriede Hauser ließ mich meinen eigenen Bezirk mit anderen Augen sehen.

Franz und Elfriede Hauser lebten bis zu ihrer Deportation im Jahr 1941 in der Hainburger Straße 20 im 3. Wiener Gemeindebezirk. Die 2024 verlegten Steine des Gedenkens erinnern heute an ihr Schicksal. (Foto: Simon Prinz)

Die Hainburger Straße gehört zu meinem Alltag. Ich gehe hier vorbei, wenn ich Freunde treffe, zum Rochusmarkt gehe oder einfach durch den dritten Bezirk spaziere. Vor Hausnummer 20 bin ich schon oft vorbeigekommen. Erst vor Kurzem blieb ich stehen.

Zwischen den Pflastersteinen liegen zwei kleine Messingplatten. Darauf stehen die Namen Franz und Elfriede Hauser. Mehr weiß ich in diesem Moment nicht. Also beginne ich zu recherchieren.

Im Lehmanns Adressbuch von 1938 finde ich Franz Hauser als Kaufmann. Gemeinsam mit seiner Frau Elfriede wohnte er in diesem Haus. Welches Geschäft er führte oder ob er selbstständig war, lässt sich heute nicht mehr nachweisen. Fotos oder persönliche Erinnerungen sind ebenfalls kaum erhalten. Trotzdem entsteht langsam ein Bild von zwei Menschen, die genau dort lebten, wo heute andere ihren Alltag verbringen.

Ich wollte wissen, was nach ihrer Zeit in der Hainburger Straße aus Franz und Elfriede Hauser geworden war. Die wenigen Informationen aus dem Adressbuch reichten mir nicht. Also suchte ich weiter.

Eine Transportliste erzählt mehr als tausend Worte

Während meiner Recherche stoße ich auf die Datenbank des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands. Dort finde ich eine Transportliste vom 23. Oktober 1941. Zwischen Hunderten Namen stehen auch Franz und Elfriede Hauser. Direkt hintereinander. Franz mit der Nummer 379, Elfriede mit der Nummer 380.

Die Spur führt weiter zum United States Holocaust Memorial Museum in Washington. Dort finde ich einen weiteren Eintrag zu Franz Hauser. Er kam mit dem dritten Transport aus Wien in das Ghetto Łódź, das die Nationalsozialisten in Litzmannstadt umbenannten. In dem abgeriegelten Stadtteil mussten Zehntausende jüdische Menschen auf engstem Raum leben. Hunger, Krankheiten und Zwangsarbeit gehörten zum Alltag. Viele starben bereits dort, andere wurden später in Vernichtungslager deportiert und ermordet.

Franz Hauser überlebte das Ghetto fast drei Jahre. Laut den Unterlagen des Holocaust Memorial Museum starb er dort am 6. Juli 1944. Auch Elfriede wurde nach Łódź deportiert. Von beiden bleibt heute nur wenig erhalten. Keine Briefe, keine Fotos aus ihrem Alltag und keine Erzählungen von Menschen, die sie gekannt haben. Umso eindrucksvoller wirken die wenigen Dokumente, die geblieben sind.

Als ich die Transportliste und die Einträge aus den Datenbanken nebeneinander lege, fällt mir auf, wie wenig Platz ein Menschenleben in einem Archiv manchmal einnimmt. Ein Name, ein Geburtsdatum, eine Adresse, ein Transport und ein Todesdatum. Erst wenn ich vor der Hainburger Straße 20 stehe, bekommen diese wenigen Zeilen wieder einen Ort.

Hinter einer Haustür beginnt Geschichte

Vor der Hainburger Straße 20 wurden die Steine des Gedenkens erst 2024 verlegt. Sie gehören zu einem Projekt, das seit 2005 ehemalige jüdische Bewohnerinnen und Bewohner Wiens sichtbar macht. Historikerinnen und Historiker recherchieren gemeinsam mit Schulen, Bezirken, Angehörigen und Freiwilligen ihre Lebensgeschichten. Finanziert werden die Steine durch Patenschaften, Spenden und öffentliche Unterstützung.

Franz und Elfriede Hauser waren allerdings nicht die einzigen Opfer aus diesem Haus. Nach Recherchen des Vereins Steine des Gedenkens wurden aus der Hainburger Straße 20 insgesamt 14 jüdische Bewohnerinnen und Bewohner verfolgt. Von außen wirkt das Gebäude völlig unscheinbar. Menschen kommen mit Einkaufstaschen nach Hause, Kinder fahren mit dem Roller vorbei und Nachbarn unterhalten sich vor dem Eingang. Wer nicht auf den Boden schaut, ahnt nichts von den Geschichten, die mit diesem Haus verbunden sind.

Noch eine Familie

Wenige Gehminuten entfernt stoße ich in der Apostelgasse auf die nächsten Steine des Gedenkens. Vier Messingplatten erinnern an die Familie Hirschkron. Ludwig Hirschkron wurde am 19. Oktober 1941 nach Łódź deportiert und dort ermordet. Seine Frau Therese wurde wenige Monate später nach Izbica verschleppt und ebenfalls ermordet. Den beiden Kindern gelang die Flucht. Kurt erreichte Riga, Hilde Israel.

Vor dem Haus herrscht heute derselbe Alltag wie überall im Bezirk. Menschen gehen zur Arbeit, Kinder spielen auf dem Gehsteig und Fahrräder lehnen an der Hauswand. Erst die kleinen Messingplatten machen sichtbar, welche Geschichte sich hinter dieser Fassade verbirgt. Aus einzelnen Namen werden Familien, aus einer Adresse ein Ort der Erinnerung.


Familie Hirschkron

Vier Steine des Gedenkens in der Apostelgasse erinnern an Ludwig, Therese, Kurt und Hilde Hirschkron. Die Eltern wurden während der NS-Zeit deportiert und ermordet, den beiden Kindern gelang die Flucht.Simon Prinz


Mein Blick auf den dritten Bezirk

Geschichte war bei uns zu Hause schon immer präsent. Mein Vater ist Geschichtsprofessor und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Zweiten Weltkrieg. Bücher über den Holocaust gehörten für mich deshalb schon als Kind zum Alltag. Trotzdem blieben viele Geschichten abstrakt. Die Orte lagen weit weg und die Namen sagten mir nichts.

Heute bleibe ich manchmal noch einmal vor der Hainburger Straße 20 stehen. Während ich auf die kleinen Messingplatten schaue, gehen Menschen an mir vorbei. Eine Frau telefoniert und zieht einen Einkaufstrolley hinter sich her. Zwei Jugendliche lachen über etwas auf ihrem Handy. Ein Mann steigt aus der Straßenbahn und verschwindet im Hauseingang. Keiner von ihnen bleibt stehen. Wahrscheinlich geht es vielen so wie mir noch vor ein paar Wochen. Die Messingplatten gehören einfach zum Gehsteig.

Dabei werden sie wahrscheinlich noch dort liegen, wenn die Menschen, die heute an ihnen vorbeigehen, längst nicht mehr da sind, wenn auch ich nicht mehr da bin. Manchmal frage ich mich, ob dann wieder jemand stehen bleibt. Vielleicht nimmt wieder jemand das Handy heraus und gibt die Namen Franz und Elfriede Hauser in eine Datenbank ein. Vielleicht beginnt dann dieselbe Recherche noch einmal. Und vielleicht sorgt das dafür, dass zwei Menschen, die vor über 80 Jahren aus dieser Straße verschwanden, auch in Zukunft nicht ganz vergessen werden.



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