Die Linie ohne Namen

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Volontär · BRG Oeverseegasse
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13.05.2026
3 Min.
Sonderfahrt: Was passiert da? (Foto: Shutterstock)

Als Karim die Treppen zur U-Bahn hinunterging, war der Bahnhof fast leer. Nur ein Obdachloser schlief auf einer Bank, irgendwo summte ein Getränkeautomat, und von den Gleisen zog kalte Luft nach oben. Karim hatte die letzte Bahn eigentlich verpasst. Die Anzeige über dem Gleis zeigte nur noch „Betriebsschluss“. Trotzdem hörte er plötzlich das entfernte Kreischen von Schienen.

Eine Bahn rollte ein. Seltsam war nicht, dass sie kam, sondern wie lautlos sie schließlich wurde. Kein Bremsen, kein Zischen der Türen. Auf der Front leuchtete keine Liniennummer, nur ein einzelner weißer Strich. Karim runzelte die Stirn. Vielleicht eine Leerfahrt. Vielleicht hatte er Glück.

Die Türen öffneten sich, drinnen saßen nur drei Menschen. Ein Mann im Anzug, der regungslos aus dem Fenster starrte. Eine ältere Frau mit Einkaufstaschen auf dem Schoß. Und ein Junge vielleicht zwölf Jahre alt, der barfuß auf dem Sitz kniete und Karim direkt ansah, seit er eingestiegen war.

Eine falsche Fahrt

Die Türen schlossen sich sofort hinter ihm. Er setzte sich weit weg von den anderen und griff automatisch nach seinem Handy. Kein Netz. Der Akku zeigte plötzlich nur noch ein Prozent, obwohl er ihn vor einer Stunde geladen hatte. „Perfekt“, murmelte er.

Die Bahn fuhr los, aber irgendetwas fühlte sich falsch an. Normalerweise kannte Karim jede Station auf dem Heimweg. Jede Kurve. Jedes Licht im Tunnel. Doch diesmal dauerte die Fahrt zu lange. Draußen glitten keine beleuchteten Tunnelwände vorbei, sondern nur Dunkelheit, so schwarz, dass sie fast flüssig wirkte.

Dann sprach der Junge. „Bei welcher Station steigst du aus?“ Seine Stimme war ruhig, fast neugierig. Karim sah ihn an. „Zentralfriedhof.“ Der Junge antwortete nicht sofort. Stattdessen sah er langsam zur alten Frau hinüber. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf.

Da bekam Karim zum ersten Mal ein unangenehmes Gefühl im Magen. „Was?“ fragte er. Der Junge zog die Beine an die Brust. „Die Bahn hält dort seit Jahren nicht mehr.“ Karim lachte kurz. Unsicher. „Natürlich hält sie da.“

Die Spiegelung

Niemand antwortete. Im Fenster spiegelte sich plötzlich der Wagen hinter ihm. Karim konnte die Sitze sehen, die Lampen, den leeren Gang. Aber etwas stimmte nicht.

In der Spiegelung saß direkt neben ihm jemand. Karim drehte sich sofort um. Der Platz war leer. Als er wieder ins Fenster sah, war die Person noch immer da. Ein verschwommener Mann mit nasser Kleidung, den Kopf leicht zur Seite geknickt, als wäre der Hals gebrochen.

Karim sprang auf. Der Mann im Anzug hob zum ersten Mal den Blick. Seine Augen waren rot unterlaufen, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen. „Nicht hinschauen“, sagte er leise. „Wenn sie merken, dass du sie siehst, steigen sie ein.“

Die leere Station

In diesem Moment wurde die Bahn langsamer. Draußen tauchte ein Bahnsteig aus der Dunkelheit auf. Keine Werbung. Keine Menschen. Nur graue Fliesen und eine einzelne flackernde Lampe.

Das Schild der Station war völlig leer. Die Türen öffneten sich und draußen standen Menschen. Still. Vielleicht zwanzig, alle komplett durchnässt. Nichts bewegte sich, bis auf ihre Köpfe. Denn die drehten sich gleichzeitig zu Karim.







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