campus a college: Welche Aufgabe hat ein Landeshauptmann und wie sieht ein gewöhnlicher Arbeitstag in Ihrem Amt aus?
Thomas Stelzer: Formell bin ich Regierungschef der Landesregierung und laut österreichischer Verfassung sowohl für Landespolitik als auch für bestimmte Bundesaufgaben zuständig. Mein Tag beginnt meist schon auf dem Weg ins Landesamt mit E-Mails und Telefonaten. Dort folgen Besprechungen mit Mitarbeitenden sowie Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern und Vertretern von Institutionen oder Organisationen. Viele Termine finden im ganzen Land statt, etwa Betriebsbesuche, Eröffnungen, Spatenstiche oder Verhandlungen. Häufig bin ich auch in Wien zu Gesprächen mit dem Bund, oft über Finanzen und Zuständigkeiten. Abends stehen fast täglich Veranstaltungen wie Diskussionsrunden oder repräsentative Termine an.

Schule bereitet Jugendliche oft nur teilweise auf das Leben vor. Themen wie finanzielle Bildung, Umgang mit Stress oder digitale Medienkompetenz werden zwar an manchen Schulen behandelt, jedoch nicht an allen. Welche konkreten Pläne hat das Land, um Jugendliche besser auf den Alltag vorzubereiten?
Stelzer: Bildung soll junge Menschen in ihrer Persönlichkeit stärken, damit sie Chancen erkennen und mit zukünftigen Herausforderungen gut umgehen können. Das ist noch nicht in allen Bereichen ausreichend im Schulalltag verankert. Für Unterrichtsinhalte und Lehrpläne ist grundsätzlich der Bund zuständig. Als Land können wir jedoch sehr viel dazu beitragen, dass die Rahmenbedingungen passen. Zum Beispiel die finanzielle Unterstützung des Landes zur Digitalisierung an Schulen oder die Instandhaltung, Wartung und Errichtung von modernen Schulgebäuden.
Viele Jugendliche stehen unter enormen Druck. Noten, Zukunft und Social Media. Was tut Oberösterreich konkret für die mentale Gesundheit an Schulen?
Stelzer: Mentale Gesundheit beginnt mit einer flächendeckenden, gut erreichbaren Gesundheitsversorgung. Das Land Oberösterreich stellt sicher, dass medizinische und psychosoziale Angebote nicht nur im urbanen Raum, sondern in allen Regionen verfügbar sind, etwa durch Krankenhäuser und regionale Versorgungsstrukturen. An den Schulen selbst wurde das Unterstützungssystem in den vergangenen Jahren deutlich erweitert. Neben dem Unterricht kommen zunehmend schulpsychologische, sozialpädagogische und psychosoziale Dienste zum Einsatz. Gemeinsam mit dem Bund arbeiten wir kontinuierlich daran, diese Unterstützungsangebote auszubauen. Dabei stehen wir auch vor der Herausforderung, ausreichend qualifiziertes Fachpersonal zu gewinnen und Schulen entsprechend auszustatten. Ziel ist es, Jugendlichen verlässliche Unterstützungsangebote sowohl innerhalb als auch außerhalb des schulischen Umfelds bereitzustellen.

Haben Sie Sorge, dass Jugendliche irgendwann nicht mehr motiviert sind, sondern wütend, weil sie das Gefühl haben, es wird zu wenig gegen den Klimawandel unternommen?
Stelzer: Das haben wir schon erlebt, auch vor dem Landhaus wurde mehrfach kräftig demonstriert. Ohne das massive Auftreten der jungen Leute wäre die gesellschaftliche Akzeptanz, die Klimaziele zu erreichen, wesentlich langsamer gewachsen. Trotzdem versuche ich in vielen Diskussionen mit engagierten Jugendlichen klarzumachen: Oberösterreich ist ein Industriestandort und muss gleichzeitig die Klimaziele erreichen. Viele junge Menschen sagen, es muss schneller gehen, was isoliert betrachtet stimmt. Doch wir müssen unsere Betriebe erst so weit bringen, dass sie unter diesen Bedingungen weiterhin groß produzieren und Arbeitsplätze halten können.
Wie gut lassen sich Familie und Beruf in Oberösterreich miteinander vereinbaren?
Stelzer: Es ist mir wichtig, dass Familien selbst entscheiden können, wie sie Erwerbsarbeit und Familienleben gestalten. Ein zentraler Faktor für diese Vereinbarkeit ist das Angebot an Kinderbetreuung. Hier hat Oberösterreich in den vergangenen Jahren deutlich aufgeholt. Das Land hat den Ausbau von Krabbelstuben und Kindergärten vorangetrieben und zusätzliche Gruppen geschaffen, um das quantitative Angebot wesentlich zu erweitern. Entscheidend ist, ob das Betreuungsangebot vor Ort tatsächlich zu den Bedürfnissen der Familien passt. Viele Familien wünschen sich Kinderbetreuung in der Nähe ihres Arbeitsplatzes und nicht ausschließlich in der Wohnsitzgemeinde. Gerade für berufstätige Mütter ist dies ein zentrales Thema, bei dem noch Handlungsbedarf besteht.
Was sagen Sie zu jungen Frauen, die sich zwischen Karriere und Kind entscheiden müssen?
Stelzer: Familie und Kinder sind kein reines Organisations- oder Rechenmodell, sondern Teil des persönlichen Lebensentwurfs und des individuellen Lebensglücks. Unser Ziel muss es sein, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit es nicht zu einer ausschließlichen Entscheidung zwischen Karriere und Familie kommt. Gerade gut ausgebildete junge Frauen übernehmen heute früh Führungsverantwortung. Wenn sich dann die Familiensituation verändert, darf das kein automatisches Hindernis für Leitungsfunktionen sein.

Viele Jugendliche überlegen wegzugehen wegen Jobs, Ausbildung oder Freizeitangebot. Warum lohnt es sich heute als junge Person in Oberösterreich zu bleiben?
Stelzer: Weil es nirgends besser ist. Selbst jetzt, in der angespannten Wirtschaftslage, suchen viele Unternehmen in Oberösterreich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Daher versuchen wir mit unserer Standortagentur Fachkräfte mit Vorteilen anzupreisen. Was sind unsere Vorteile? Eine außergewöhnliche Lebensqualität: Von zu Hause oder vom Arbeitsplatz geht es in kürzester Zeit mitten ins Grüne. Zweitens gibt es bei uns ganz viele Perspektiven für die Weiterbildung. Wir verfügen über eine große Fachhochschule, neue Universitäten und zahlreiche berufsbegleitende Angebote. Außerdem achten wir sehr darauf, ein Kulturland zu sein, von der Volksmusik bis hin zur Hochkultur.
Viele Jugendliche haben das Gefühl, von Erwachsenen nicht ernst genommen zu werden. Warum werden junge Menschen oft nicht wirklich gehört, obwohl sie mitreden und mitgestalten wollen?
Stelzer: Ich würde nicht abstreiten, dass dieses Gefühl existiert. Das gibt es und viele haben das vermutlich selbst schon erlebt. Entscheidend ist aber auch, ob man sich davon entmutigen lässt oder ob man sich einbringt. Gleichzeitig ist das für uns Erwachsene und für die Politik eine klare Verpflichtung: Jeder Mensch ist wichtig und verdient es, gehört zu werden. Beteiligung fällt jedoch nicht automatisch zu, sie muss sich manchmal auch erarbeitet werden. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass wir sehr viele Rückmeldungen bekommen, über E-Mails, Social Media oder direkte Ansprachen. Solange es sich nicht um reine Beschimpfungen handelt, gibt es Rückmeldungen und den Versuch, in Kontakt zu treten. Eine große Gefahr in der Politik ist es, sich in einer eigenen Blase zu bewegen, gemeinsam mit Medien, mit eigenen Themen und einer eigenen Sprache und dabei den Bezug zu den Anliegen der Menschen zu verlieren.

Was erwarten Sie von uns jungen Menschen und was dürfen wir im Gegenzug von der Politik in Oberösterreich erwarten?
Stelzer: Ich hoffe, junge Menschen stoßen auf Offenheit und auf keine verschlossenen Türen. Das gilt nicht nur für das Landhaus mit Angeboten wie Jugendlandtag oder Demokratiebildung, sondern auch für politische Vertreter auf Gemeinde-, Stadt- und Landesebene. Präsenz und Zugänglichkeit sollen es erleichtern, Anliegen direkt anzusprechen. Worum ich junge Leute bitte: Bringt euch ein, ob in der Schule oder darüber hinaus in Vereinen und auf Gemeindeebene. Wir haben zurzeit oft Diskussionen über Demokratie. “Alle reden mit, Entscheidungen dauern lange, und es wäre doch super, wenn es jemanden gibt, der zeigt, wo es langgeht.“ Ein Blick zurück in die Vergangenheit Österreichs und Deutschlands zeigt, wie schnell persönliche Freiheit verschwindet, wenn Demokratie nicht gelebt wird. Wer will, dass unser Leben so frei bleibt, wie wir es gewohnt sind, muss selbst darauf achten, dass Demokratie funktioniert.
Wir bedanken uns recht herzlich für das Gespräch.
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