Wie sehr ich die Weihnachtszeit hasse! Nicht, weil ich die schön geschmückten Städte oder die Weihnachtsbäume mit ihren vielen Lichtern und Kugeln nicht mag. Oder weil es eine Zeit ist, in der sich Familien treffen und gemeinsam Zeit verbringen. Sondern, weil mir die Weihnachtszeit meinen Vater wegnimmt.
Mein Vater ist Postbote und muss täglich hunderte schwere Pakete liefern. Jeden Tag steht er um drei Uhr auf und beginnt um fünf Uhr zu arbeiten. Er kommt erst um 19 Uhr nach Hause und ist völlig erschöpft. Das ist schließlich sein Job. Dennoch kann er weder mit uns zu Abend essen noch etwas mit uns unternehmen.
In der Weihnachtszeit muss er wegen der vielen Geschenkbestellungen noch drei Stunden länger arbeiten. Jetzt sehe ich ihn noch weniger als zuvor. Hunderte Pakete, die vielleicht mehr wiegen als ich, muss er jeden Tag vor Türen abstellen. Manchmal sind es Gebäude ohne Aufzug, und er muss jede einzelne Treppe hinaufgehen. Vielleicht muss er sich alle zehn Sekunden kurz ausruhen, und niemand sieht es.
Wer weiß, wie sehr er täglich leidet, wie sehr ihm seine Beine und Hände wehtun oder wie müde er jeden Tag ist. Doch er spricht nie darüber, wie es ihm wirklich geht. Nie erzählt er uns, wie er sich fühlt, und beschwert sich nicht. Er erzählt nicht, wie er sich bei der Arbeit verletzt hat und wie sehr es wehgetan hat, weil er weiß, dass es sich lohnt, alles für seine Familie.
Er freut sich jedes Mal sehr, wenn er Trinkgeld bekommt, und gibt es immer mir und meinen Geschwistern. Doch einmal hat er etwas erzählt, das mich sehr getroffen hat.
Mein Vater kann kein gutes Deutsch. Eines Tages hinterließ eine Frau, die ein Paket bekommen sollte, eine Notiz. Sie musste dringend mit ihren Hunden Gassi gehen und bat meinen Vater, das Paket vor ihrer Tür abzustellen. Mein Vater verstand jedoch „dringend“ als „Trinkgeld“ und suchte lange danach. Er suchte überall, in jede Ecke, konnte das Geld aber nicht finden. Während er mir das erzählte, hat er gelacht, aber ich habe innerlich geweint. Ich konnte mein gezwungenes Lächeln nicht mehr halten und bin in mein Zimmer gelaufen, um zu weinen. Ich wollte meine Trauer vor meinem Vater nicht zeigen, ich wollte nicht, dass er sich schlecht fühlt, weil er mich zum Weinen gebracht hat.
In diesem Moment habe ich verstanden, wie schwer es ist, Geld zu verdienen und was man alles dafür machen und ertragen muss. Da habe ich realisiert, wie Menschen wie mein Vater jeden Tag bis zu 14 Stunden oder sogar mehr arbeiten, nur um ihre Familien zu versorgen.
Noch schlimmer ist, dass es einfacher ist, Geld auszugeben, als es zu verdienen. Auch wenn wir eigentlich keine finanziellen Sorgen haben, fühle ich mich schuldig, das Geld, das mein Vater so hart erarbeitet, einfach auszugeben.
Ich schreibe diesen Text für meinen Vater, obwohl er ihn niemals lesen wird, weil ich nicht will, dass er sieht, wie sehr ich um ihn trauere. Ich will ihn nicht mit meinen Gefühlen belasten. Ich danke ihm hier für jedes schwere Paket, das er für uns trägt, und für jede Stunde, die er für uns arbeitet.
Danke, Baba.
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