Bevor ich in den Ring steige, habe ich noch einmal alle meine Leute um mich, die mir letzte Tipps geben und mich bestmöglich unterstützen. Der Trainer versucht, mich zu beruhigen. In diesem Moment habe ich alle Techniken noch im Kopf. Mir ist klar, wie ich kämpfen soll, aber sobald ich im Ring stehe, ist alles weg. Alles. Einfach weg. Egal, was ich gelernt habe, ich vergesse wirklich alles, das ist ganz normal, wird mir gesagt. Trotzdem fühlt es sich nicht gut an.
Der Ringrichter kontrolliert, ob ich wirklich korrekt geschützt bin: Ellbogenschutz, Tiefschutz. Danach beginnt das Wai Khru, das Ritual vor dem Kampf, das bei traditionellen Thai-Kämpfen dazugehört. Jeder hat seine eigene Art des Wai Khru, es gibt unzählige Varianten. Mein Gegner zeigt eine etwas ungewöhnliche Form, das ist das Einzige, was ich in diesem Moment wirklich wahrnehme. Meine Zähne klappern, mein Kiefer ist angespannt, ich beiße die Zähne zusammen, um mich zu stabilisieren und nicht in dieses „Ich kann mich nicht mehr erinnern“-Gefühl zu rutschen. Es ist das erste Mal, dass ich wirklich an einem Wettkampf teilnehme.
Im Ring
Sobald ich im Ring stehe, merke ich, dass die nervöse Stimmung und die ganze Aufregung davor verschwunden sind. Es ist deutlich ruhiger als in dem Moment, in dem wir hineingestiegen sind, weil alle Zuschauer gespannt auf den Beginn warten. Jetzt gibt es noch eine kurze Wartezeit, da der Ringrichter und der Showman, der den Einzug geleitet hat, die Regeln erneut besprechen. Der Ring ist sehr groß – zumindest für meine Verhältnisse. Es ist das erste Mal, dass ich in so einem großen Ring kämpfe. Ich merke, dass genug Platz für alle Bewegungen und auch zum Ausweichen vorhanden ist.
Mein Gegner
Grundsätzlich beginnt die erste Runde ruhiger. Sie dient dazu, den Gegner kennenzulernen, zu sehen, welche Techniken er verwendet und welche Muster er zeigt. Erst ab der zweiten Runde beginnt der eigentliche Kampf.
Ich sehe meinen Gegner zum ersten Mal richtig. Er ist groß und dünn, ein Vorteil im Muay Thai, da es andere Regeln als im Kickboxen gibt. Ellbogen dürfen stärker eingesetzt werden, ebenso der Clinch, eine Technik, bei der der Gegner festgehalten wird. In dieser Position sind Kniestöße und Sweeps möglich, also das Zu-Boden-Bringen des Gegners. In Amateurkämpfen ist das jedoch eingeschränkt, im Profibereich stärker ausgeprägt.
Während des Kampfes wird mir bewusst, wie viel Ausdauer notwendig ist. Auch die richtige Atmung ist entscheidend. Mein Gegner versucht, mich mit Low Kicks zu treffen, und trifft schließlich einen Tiefschlag. Die Gefahr in diesem Sport ist hoch. Der Kick war nicht erlaubt, der Schiedsrichter unterbricht den Kampf kurz und gibt mir Zeit zur Erholung.
Im besten Fall bekommt der Gegner einen Punktabzug, was für mich wichtig ist, da dieses Punktesystem entscheidend ist. Es bewertet erfolgreiche Techniken und dominante Aktionen, besonders Knockdowns zählen stark. In den Pausen zeigt mir der Trainer, was gut war und was verbessert werden muss. Zwischen den Runden gibt es eine einminütige Pause, in der Wasser getrunken oder kurz gesessen werden kann.
Angst
Zu Beginn der zweiten Runde ist da kurz Todesangst. Alles ist angespannt. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Schläge meines Gegners nicht so stark sind, wie zunächst befürchtet. Die Angst vor einem K.-o. lässt nach, auch wenn die Treffer natürlich weiterhin spürbar sind.
Im Kopf herrscht Chaos. Es muss in Sekundenbruchteilen reagiert werden. Der Gegner darf nicht die Kontrolle übernehmen, doch alles passiert aus Reflex, ohne Zeit zum Nachdenken. In jeder Sekunde kann etwas passieren. Plötzlich wird bemerkt, dass die Energie nachlässt, weil die Atmung nicht mehr richtig funktioniert. Eigentlich ist Nasenatmung geplant gewesen, aber in der Aufregung ist das schwer umzusetzen.
In der dritten und letzten Runde werden die eigenen Grenzen erreicht. Jeder Treffer belastet den Körper stärker, die Angst vor völliger Erschöpfung wird größer. Im schlimmsten Fall müssten Rettungssanitäter eingreifen, die bei solchen Veranstaltungen immer vor Ort sind.
Der Ringrichter beendet den Kampf. Ich habe verloren. Im Nachhinein wird klar, dass alles außerhalb des Rings ausgeblendet war. Im Ring gab es nur mich und meinen Gegner. Es bleibt eine Erfahrung: der erste gezählte Kampf.
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