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"Die Entmenschlichung hat begonnen": Jürgen Högl Einsatzleiter des roten Kreuzes im Interview

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Volontär · Gymnasium Stiftung Theresianische Akademie
30.01.2026
2 Min.

Jürgen Högl, 54, Einsatzleiter des Roten Kreuzes in einigen der gefährlichsten Regionen der Welt, erlebt seit Jahren, wie Mitgefühl global erodiert. Während Bomben fallen und Menschen um ihr Leben fürchten, wachse in weiten Teilen der Erde eine erschreckende Gleichgültigkeit.

Jürgen Högl: "Die Maßnahmen der US-Regierung unter Donald Trump haben Dämme gebrochen, die Streichung internationaler Hilfsmittel bedeutet zusätzliche Not, und dass Menschen sterben müssen." (Foto: privat)

campus a college: Herr Högl, seit Jahrzehnten leben sie gefährlich. Sie bereisen ein Krisengebiet nach dem anderen. Haben Sie keine Angst?

Jürgen Högl: Ich kann mich an viele Situationen erinnern, die nicht einfach waren. Etwa, als in Kiev in unmittelbarer Nähe Raketen einschlugen oder in Gaza KollegInnen verletzt oder gar getötet wurden. Verspüre ich Angst, halte ich kurz inne und überlege, ob und wie ich die Gefahr verringern kann. Aber eines ist mir klar: Ich bin da, um zu helfen und nicht, weil ich selbst Hilfe brauche.

Warum setzen Sie sich diesen Gefahren aus?

Högl: Weil es für mich erfüllend ist. Mein Job, der auch eine Berufung ist, ist herausfordernd, aber ich wachse daran. Wir Helfer sehen, wenn Hilfe bei den Menschen ankommt und ein Lächeln in ihr Gesicht zaubert. Wir haben in den letzten Jahren aber auch gesehen, wie unsere Arbeit erschwert wird.

Wie meinen Sie das?

Högl: Die Neutralität und Unparteilichkeit des Roten Kreuzes war über Jahrzehnte die unumstrittene Basis unserer Hilfe. Menschen in Not zu helfen, wurde nicht infrage gestellt, von niemandem. Heute sehen wir ein zunehmendes Schwarz-Weiß-Denken, ein „wer nicht für mich ist, ist gegen mich“.

Woran liegt das?

Högl: Eine Entmenschlichung bzw. Entsolidarisierung der Gesellschaft hat begonnen. Es ist okay geworden, die Augen vor dem Elend der Welt einfach zu verschließen. Es ist politisch salonfähig geworden, den eigenen Vorteil im Zusammenhang mit internationaler Hilfe voranzustellen. Die Maßnahmen der US-Regierung unter Donald Trump haben Dämme gebrochen, die Streichung internationaler Hilfsmittel bedeutet zusätzliche Not, und dass Menschen sterben müssen.

Zum Beispiel?

Högl: Ukraine, Gaza, Sudan. Konfliktparteien verstoßen zunehmend gegen die Regeln. Sogar im Krieg gibt es durch das Humanitäre Völkerrecht ja gewisse Regeln. So dürfen etwa Zivilisten und humanitäre Helfer nicht angegriffen und Gefangene nicht gefoltert werden. Geschützte Orte wie Krankenhäuser und zivile Infrastruktur dürfen nicht angegriffen werden. All das passiert aber, und dagegen müssen wir als Organisationen, als Gesellschaft und als Staaten unsere Stimme erheben.

*Anm.: Dieses Interview ist ebenfalls im online Magazin Kosmo erschienen und hier verlinkt.



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