Etwa 30 Prozent der Frauen, die mit Symptomen wie depressiven Verstimmungen, Atemnot, Erbrechen oder Rückenschmerzen die Notaufnahme aufsuchen, bekommen eine falsche Diagnose oder müssen wegen angeblicher psychosomatischer Probleme wieder nach Hause. Das berichtet Dr. Tanja Boßmann, Ansprechpartnerin für Gesundheitsthemen der Sana Kliniken AG. Diese Warnsignale können bei Frauen aber auf einen Herzinfarkt hindeuten, was nur wenige wissen. Allgemein bekannt und ernst genommen sind hingegen die Brustschmerzen, Engegefühle und das Ausstrahlen der Schmerzen in Arme und Kiefer, die häufig bei Männern während eines Herzinfarktes auftreten.
Das Bundesministerium für Gesundheit nennt Herz-Kreislauf-Erkrankungen als die Todesursache von 47 Prozent der Frauen und 38 Prozent der Männer in Österreich. Die Zahl der Männer, die an vergleichbaren Krankheiten leiden, ist aber laut mehreren Studien höher als die der Frauen. Die zuvor angeschnittenen Fehldiagnosen und daraus resultierenden Todesfälle sind wohl auf die starke Unterrepräsentation von Frauen in Studien der Kardiologie zurückzuführen. Insbesondere in Erhebungen bezüglich Vorhofflimmerns, Schlaganfällen und der koronaren Herzkrankheit, die als häufiger Auslöser von Herzinfarkten gilt, lässt sich ein erschreckender Mangel an Probandinnen feststellen.
Können Forschungsergebnisse von Probanden auf Probandinnen übertragen werden?
Die Benachteiligung von Frauen in der medizinischen Forschung endet nicht bei kardiologischen Studien. Frauen machten auch in Arzneimittelstudien in den USA zwischen 2017 und 2023 lediglich 34,2 Prozent aus. Dabei wäre eine repräsentative Gruppe bei Medikamentenstudien besonders wichtig. Denn ein Mittel, das bei männlichen Probanden nur milde oder gar keine Nebenwirkungen verursacht, kann bei weiblichen zu schweren Beschwerden oder schlimmstenfalls sogar zum Tod führen.
Auch außerhalb der Kardiologie gibt es viele Beispiele für bekannte Symptomatiken, die hauptsächlich auf männliche Patienten zutreffen und die Ärzt*innen fälschlicherweise eins zu eins auf die weiblichen übertragen. Bei Asthma, zum Beispiel, tritt das typische, rasselnde Atemgeräusch bei Burschen häufig auf, während sich die Krankheit bei Mädchen eher durch trockenen Husten zeigt. Weiters führt Alzheimer bei Männern öfter zu physischen Symptomen, während die Beschwerden von Frauen mit der gleichen Krankheit eher emotionaler Natur sind.
Mädchen verhalten sich anders als Burschen
Die Gesellschaft bezeichnet Frauen als emotional und hysterisch, wirft ihnen das Simulieren vor und behauptet, ihre Beschwerden fänden nur in ihrem Kopf statt, während es sich tatsächlich um „atypische“ Symptome einer medizinischen Störung handelt. In der Psychologie, sagt die klinische und Gesundheitspsychologin Bettina Langenfelder, ist es ähnlich. „Auch bei der Diagnostik von ADHS oder Autismus-Spektrum-Störungen zeigen sich bei Mädchen andere Verhaltensweisen als bei Burschen. Da Mädchen oft angepasster sind und in der Schule nicht negativ auffallen, werden diese auch weniger psychologisch vorgestellt.“
Das Problem existiert also fachübergreifend und schreit nach einer Lösung. Eine fairere Repräsentation von Frauen in Studien und ein gesteigertes Bewusstsein für genderspezifische Medizin wären ein guter Anfang. Bis dahin müssen wir Frauen auf unsere Körper hören und eine ernsthafte Behandlung durch unsere Ärzt*innen einfordern.
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