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Der Sinn des Lebens? Κλέος, die Unterblichkeit durch große Taten

κλέος (Kleos): Dies Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens hast du bestimmt nicht oft gehört. Denn "ewiger Ruhm", so die Bedeutung des Wortes, ist hier zwischen Liebe, Glück und Selbstverwirklichung ein Außenseiter. Zunächst klingt auch Kleos nach Selbstverwirklichung. Wer davon träumt, ein berühmter Sänger zu werden – bitte sehr. Doch in der Sagenwelt des antiken Griechenlands war ewiger Ruhm mehr als nur das. Er war Synonym mit Unsterblichkeit

Heldentaten erforderlich: Die alten Griechen wollten Großes vollbringen, um in den Überlieferungen weiterzuleben. Das war ihre Form von Longevity. (Foto: Shutterstock)

Kleos (griechisch: κλέος) bedeutete im antiken Griechenland „Ruhm“ oder „Nachruhm“ und war eine zentrale Wertvorstellung, besonders für Helden und Krieger. Kleos beschreibt den Ruhm, der durch große Taten, hauptsächlich in der Schlacht, erlangt wird und der über den Tod hinaus fortlebt, da man in der Dichtkunst verewigt wurde.

Auch in der modernen Gesellschaft streben Menschen weiterhin danach, die bisher nur Göttern vorbehaltene Unsterblichkeit zu erlangen. Vor allem einige Technologiemillionäre setzen vermehrt auf biologische Mittel und Selbstexperimente (Stichwort: Longevity), um ihre Lebensspanne zu verlängern.

Doch die antiken Griechen hofften nur auf ein Vermächtnis in den Erinnerungen ihrer Liebsten und der Gesellschaft. Wollte man nicht innerhalb von zwei Generationen langsam verblassen, musste man wohl oder übel Großes vollbringen. Dabei spielte Kleos nicht nur für den Einzelnen eine Rolle, sondern war auch sozial relevant. Großartige Taten brachten Ehre und Ansehen für die ganze Familie und die Gemeinschaft. So beanspruchten etwa Theben, Argos und Athen die Heimat des Helden Herakles zu sein.

Vererbbares Vermächtnis

Kleos war gewissermaßen auch vererbbar. Der Ruhm des Vaters wurde auf den Sohn übertragen. Damit entstand auch eine Art von „Generationenschuld“: Die Pflicht, das Andenken zu ehren und den Familienruhm zu erhalten, gegenüber Beleidigungen zu verteidigen oder sogar zu vermehren.

Das wichtigste Beispiel dafür ist das von Odysseus und seinem Sohn Telemachos. Telemachos machte sich Sorgen, sein Vater könnte auf See einen jämmerlichen und bemitleidenswerten Tod gestorben sein, anstatt eines ehrenvollen und anmutigen Todes in der Schlacht. Er fürchtet, dass ihm der Kleos genommen wurde.

Somit war Kleos für die Griechen nicht bloß Eitelkeit, sondern identitätsprägend, sowohl für das Individuum als auch das Umfeld.


Achilles’ Entscheidung: Ruhm oder Leben

Kleos bildet den Kern vieler Heldengeschichten, doch in Homers Ilias wird es zur treibenden Kraft des gesamten Geschehens. Besonders zentral ist das Konzept von Kleos für den Werdegang des Achilles.

Ein Schlüsselmoment im 9. Buch der Ilias, illustriert die Wichtigkeit von Kleos ganz deutlich:

Achilles muss sich zwischen einem langen, friedlichen Leben ohne Ruhm oder einem kurzen, glorreichen Leben mit unsterblichem Namen entscheiden.

„Meine Mutter, die Göttin Thetis mit silbernen Füßen, spricht,
dass zwei Lose mir bestimmen, des Todes Ende.
Bleib’ ich hier und kämpf’ um die Stadt der Troer, so kehr’ ich
nimmer zurück in die Heimat; doch unvergänglich ist dann mein Ruhm.
Zieh’ ich heim von Troja, des Kampfes ledig, so leb’ ich
lange noch, doch bleibt mir der Ruhm versagt.“

Homer, Ilias 9, 410–416 (Übersetzung: Johann Heinrich Voß)

Achilles wählt den frühen Tod auf dem Schlachtfeld von Troja, mit dem Wissen, dass nur so sein Name in Liedern und Geschichten weiterleben wird. Diese Entscheidung ist exemplarisch für das antike Heldenideal, in dem Ehre und Ruhm über das individuelle Leben gestellt wurden.

Auch wichtig anzumerken ist, dass Achilles, anders als alle anderen Heeresfürsten im Trojanischen Krieg, nicht an einen Eid gebunden war, seine Teilnahme am Krieg erfolgte freiwillig, auch mit der Gewissheit des Todes, und gründet allein auf der Aussicht, unvergängliches Kleos zu erlangen.

„Unvergänglich wird mein Ruhm sein“ (ἄφθιτον ἔσται κλέος, Ilias 9, 413)

Dass Achilles oder vielmehr sein Autor Homer Kleos erlangte, ist unbestreitbar. Selbst nach über zweitausend Jahre kennt man seinen Namen: Bücher, Lieder, Filme erwecken seine Figur immer wieder erneut zum Leben. Seine Sage hat als Eponym Einzug in die Alltags- und Fachsprache erhalten, man denke nur an Begriffe wie Achillessehne oder Achillesferse.

Platon:  Kritik am κλέος -Ideal

Die antike Philosophie setzte sich gerne mit der Ilias und dem Kleos-Ideal auseinander. Platon etwa kritisiert Achilles für seine Unbeherrschtheit und seinen Zorn. Sein irrationales Streben nach äußerem Ruhm, widerspricht Platons Ideal der Selbstbeherrschung, seiner Auffassung eines tugendhaften Lebens.

Er plädiert sogar dafür, Homer aus dem Erziehungssystem zu verbannen, da er negative Vorbilder vermittle:

„Wir dürfen keine Dichter dulden, die sagen, es sei besser Unrecht zu tun als Unrecht zu leiden, oder die Achilleus verherrlichen, weil er den Tod vor dem Verzicht auf Ruhm gewählt hat.“

Platon "Politeia", Buch 3, Abschnitt 394b–c

(Übersetzung von Johann Heinrich Friedrich Binder, 1839)

Moderne Parallele in der Pop-Kultur!

Ein moderner Song, der das Streben nach Ruhm zum Ideal erhebt, ist „Centuries“ von Fall Out Boy.

In der Hook heißt es:

„Some legends are told

Some turn to dust or to gold

But you will remember me

Remember me for centuries“

Hier ist der Wunsch nach Unsterblichkeit im Gedächtnis der Menschen ganz klar zu hören.


Wähle das zweite Los!

Ich finde es ironisch, sich die Unsterblichkeit zum Lebensziel zu machen. In meiner idealen Welt sollte jede Form von Ruhm lediglich ein Nebenprodukt eines erfüllten Lebens sein – kein Zweck.

Ein Wissenschaftler forscht im besten Fall aus Neugier, aus Liebe zur Wissenschaft oder zum Wohl der Menschheit. Nie sollte die Aussicht später eine Methode, eine Entdeckung oder Formel nach sich benannt zu bekommen, über die Forschungsarbeit gestellt werden. Albert Einstein etwa wurde berühmt, weil er die Welt veränderte, nicht, weil er es darauf angelegt hatte.

In diesem Punkt entspricht meine Haltung eher der Philosophie des Aristoteles: Ruhm kann entstehen, wenn man tugendhaft lebt, doch wer nur danach strebt, verfehlt das eigentliche Ziel.




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