Es regnet in Strömen. Überall auf der Straße tauchen bunte Schirme auf, manche werden vom Wind fast umgedreht. Menschen ziehen ihre Jacken enger um den Körper und hasten über den Gehsteig. Ich halte meinen Schirm fest und bin froh, heute daran gedacht zu haben.
An der nächsten Kreuzung fällt mir ein Mann auf. Er hat keinen Schirm.
Seine Haare sind bereits völlig nass, auf den Schultern seiner Jacke zeichnen sich dunkle Flecken ab. Trotzdem läuft er nicht schneller als die anderen. Kein Blick nach einem Vordach, kein Versuch, dem Regen auszuweichen. Er geht einfach weiter, als wäre der Regen kein Grund, sich zu beeilen.
Ich schaue ihm nach.
Hat er seinen Schirm vergessen? Das ist mein erster Gedanke. Vielleicht kommt er nur schnell irgendwoher. Vielleicht besitzt er gar keinen. Oder vielleicht ist ihm einfach egal, ob er heute nass wird.
Der Mann bleibt an der roten Ampel stehen. Wasser läuft ihm über die Stirn. Er wischt es mit der Hand weg und schaut auf die andere Straßenseite.
Ich kenne ihn nicht. Trotzdem habe ich mir innerhalb weniger Sekunden eine Geschichte über ihn zurechtgelegt.
Die rote Ampel
Neben ihm wartet eine Frau mit einem kleinen roten Schirm. Der Wind drückt ihn immer wieder gegen ihre Schulter. Sie hält ihn mit beiden Händen fest und schaut ungeduldig auf die Ampel.
Der Mann sieht kurz zu ihr hinüber.
Die Frau bemerkt seinen Blick und schaut zurück. Für einen Moment sehen sich die beiden an. Dann dreht sie sich wieder zur Straße.
Ich frage mich, ob sie sich fragen würde, warum er keinen Schirm hat.
Wahrscheinlich nicht.
Die Ampel bleibt rot. Ein Auto fährt durch die Kreuzung und spritzt eine Wasserfontäne auf den Gehsteig. Der Mann macht einen kleinen Schritt zurück. Dann stellt er sich wieder an seinen alten Platz.
Ich muss plötzlich daran denken, dass ich selbst wahrscheinlich genauso aussehe, wenn ich beobachtet werde. Jemand könnte mich zehn Sekunden lang sehen und sich eine Erklärung für mein Verhalten überlegen. Vielleicht würde sie stimmen. Vielleicht auch überhaupt nicht.
Die Ampel wird grün.
Die Frau geht los. Der Mann wartet noch einen Moment, dann folgt er ihr.
Auf der anderen Seite
Auf der anderen Straßenseite bleibt der Mann vor einem Geschäft stehen. Ich gehe weiter, aber nach ein paar Metern drehe ich mich noch einmal um.
Er steht vor der Auslage.
Hinter der Scheibe liegen Schuhe. Mehrere Paare, ordentlich nebeneinander aufgereiht. Der Mann schaut eine Weile darauf. Dann fährt er mit der Hand über seine nassen Haare und geht weiter.
Ich bleibe kurz stehen.
Vielleicht sucht er etwas. Vielleicht wartet er auf jemanden. Vielleicht hat er gar nichts mit dem Geschäft zu tun.
Wieder habe ich einen Gedanken, obwohl ich eigentlich nichts weiß.
Dann geht er um die nächste Ecke und ist verschwunden.
Was bleibt
Ich gehe weiter nach Hause. Der Regen wird schwächer, und auf dem Gehsteig werden die Pfützen langsam kleiner. Nach ein paar Minuten habe ich den Mann schon fast vergessen.
Erst zu Hause fällt er mir wieder ein. Der Mann ohne Regenschirm.
Nicht, weil etwas Besonderes passiert ist. Er hat nichts gesagt. Er hat niemanden getroffen. Er ist nur durch den Regen gegangen.
Trotzdem weiß ich jetzt mehr über ihn, als ich eigentlich wissen kann. In meinem Kopf ist aus einem fremden Mann eine Person mit einer Geschichte geworden.
Und vielleicht ist genau das das Seltsame daran.
Ich habe ihn vielleicht eine halbe Minute lang gesehen. Er kennt mich überhaupt nicht. Wahrscheinlich hat er mich nicht einmal bemerkt. Und trotzdem werde ich mich morgen noch daran erinnern, dass es an diesem Tag einen Mann gab, der ohne Regenschirm durch den Regen ging.
Warum er keinen hatte, werde ich nie erfahren. Ich hatte einen.
Kommentare