Der Mann mit den Krücken

Bei einer langen Busfahrt kann die Phantasie ihre Streiche spielen (Foto: Shutterstock)

Es war erst letzten Dienstag. Ich saß im Bus und langweilte mich. Der Mann mit den Krücken ist mir sofort aufgefallen. Er war groß, hatte silberne gestylte Haare, sein Erscheinungsbild war mysteriös. Er war ganz in Schwarz gekleidet. Sein kalter Blick lief mir wie ein eiskalter Schauer über den Rücken. Sein Blick fiel immer wieder auf sein gebrochenes Bein, dabei verfinsterte sich sein Blick immer ein bisschen. Seine Krücken hatte er gegen seinen Sitzplatz gelehnt.

So fuhren wir immer weiter in die Richtung, in die er fahren musste. Ich hatte eine ganze Stunde Fahrzeit und so beobachtete ich ihn genau, ich hatte ja nichts Besseres zu tun. In meinem Kopf fantasierte ich schon, was es mit seiner dunklen Miene und seinem gebrochenen Bein auf sich haben könnte. Vielleicht war er ein Dieb und hatte einen Sturz, als er vor der Polizei weglief, oder war er ein Hauptcharakter in einem Film? Das hätte gut sein können, mit seinen silbernen Haaren sticht er sofort heraus.

In Gedanken verloren starrte ich aus dem Fenster. Plötzlich gab es einen kräftigen Ruck, ich musste meine Beine gegen den Boden pressen, um nicht aus meinem Sitz zu fallen. Der Bus war abrupt stehen geblieben. Da passierte es, eine der beiden Krücken, die so friedlich da gelegen waren, fiel runter. Es erschien mir wie Zeitlupe, dann traf sie den Boden. Stille.

Langsam drehte ich mich um, um zu schauen, ob nicht jemand den Stock aufheben würde, doch da merkte ich, dass ich mit diesem Fremden außer noch einer Person ganz hinten im Bus ganz alleine war. Also fasste ich den Mut, stand auf und hob die Krücke auf.

„Hier“, sagte ich mit einem warmen Lächeln und streckte ihm die Krücke hin. Ich konnte ihm kaum ins Gesicht sehen, aber ich tat es.

Er lächelte. „Danke.“ Er nahm den Stock und schaute mich leicht fragend an. „Ist etwas?“

Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich ihn ganz komisch ansah. „Eh nichts“, sagte ich schnell und wollte gerade wieder auf meinen Platz gehen, als ich mir doch ein Herz nahm, um ihn doch etwas zu fragen. „Ehrlich gesagt ist da doch etwas.“

Er schaute mich neugierig an. „Also ich habe mich die ganze Zeit gefragt“, ich pausierte kurz, war es unhöflich, ihn so was zu fragen, „also wie es dazu gekommen ist.“

„Wie ich mir mein Bein gebrochen habe?“, fragte er mich.

„Ja genau, Entschuldigung, so was fragt man eigentlich nicht, oder?“

Er lachte ein bisschen. „Das ist doch kein Problem, mir war eh so langweilig, da schadet es nicht, mit jemandem ein bisschen zu tratschen.“ Dann zeigte er auf den Sitz gegenüber von sich und sagte: „Komm doch her, dann müssen wir uns nicht im Stehen unterhalten.“

Ich zögerte kurz, doch dann packte mich meine Neugier und ich setzte mich hin. Sobald ich saß, begann er mit seiner Erzählung:

„Es begann alles damit, dass ich mich überschätzt habe. Du musst wissen, ich bin ein Turntrainer. Meine Turngruppen lernen zur Zeit Saltos, ich gebe ihnen Anweisungen und sie versuchen es so gut zu schaffen, wie sie können. Ich helfe ihnen immer dabei. In meiner Turngruppe gibt es aber auch ein paar Kinder, die sich noch davor fürchten, einen Salto zu machen. Natürlich ist das voll normal am Anfang, also kamen sie auf die gute Idee, mich vorzeigen zu lassen, damit sie keine Angst mehr haben müssen. Ich habe schon hunderte Saltos gemacht und deswegen zugestimmt. Jetzt weißt du sicher, was gleich kommt.“

„Sie haben den Salto nicht geschafft, oder?“

„Genau, ich bin leider falsch aufgekommen und musste dann vor den ganzen verängstigten Kindern ins Krankenhaus gebracht werden. Wie du siehst, geht es mir Gott sei Dank schon besser und ich darf in vier Wochen wieder arbeiten gehen.“

Er lächelte mich an. So hatte ich mir die Geschichte ganz sicher nicht vorgestellt. Wir redeten noch, bis er aussteigen musste, doch seitdem geht mir die Geschichte nicht mehr aus dem Kopf. So leicht kann man sich in Menschen täuschen.


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