Der letzte Zug nach Hietzing

Kein Profil-Bild gefunden.
Volontär · BRG Oeverseegasse
19.05.2026
2 Min.
Schon ein kurzer Anruf kann so viel bewirken (Foto: Shutterstock)

Es war kurz nach Mitternacht, als Elias am beinahe leeren Bahnsteig stand. Der Regen hatte aufgehört, aber die Schienen glänzten noch im Licht der Laternen. In seiner Jackentasche zerknitterte er den Brief, den er seit drei Tagen mit sich herumtrug, ohne ihn zu öffnen.

Der Zug kam mit einem langen Quietschen zum Stehen. Elias stieg ein und setzte sich ans Fenster. Außer ihm war nur eine ältere Frau im Waggon, die einen kleinen Stoffhund auf dem Schoß hielt. Sie nickte ihm kurz zu, sagte aber nichts.

Die erste Zeile sagt so viel

Während der Zug durch die dunklen Tunnel fuhr, zog Elias endlich den Brief heraus. Die Handschrift kannte er sofort. Seine Mutter. Zwei Jahre hatte er nichts von ihr gehört.

„Wenn du das liest, habe ich wahrscheinlich endlich den Mut gefunden, dir zu schreiben.“

Mehr stand nicht in der ersten Zeile, und trotzdem musste Elias schlucken. Er erinnerte sich an die vielen Abende, an denen er behauptet hatte, sie wäre ihm egal. Aber manche Lügen erzählt man so oft, bis man selbst hofft, daran zu glauben.

Eine Begegnung führt zu einem Lächeln

Der Zug hielt ruckartig. Die ältere Frau stand auf, ging an ihm vorbei und blieb kurz stehen. „Manchmal wartet jemand länger auf eine Antwort, als man denkt“, sagte sie leise. Dann stieg sie aus.

Elias sah ihr nach, bis sich die Türen schlossen. Erst danach bemerkte er, dass der Stoffhund auf dem Sitz liegen geblieben war. Er nahm ihn in die Hand. Das Fell war alt und an einer Stelle geflickt. Da musste er lächeln.

Ein Anruf genügt

Als der Zug die Endstation erreichte, steckte Elias den Brief wieder ein, stand auf und verließ den Waggon. Draußen war die Luft kalt, aber zum ersten Mal seit Langem fühlte sie sich nicht leer an.

Er zog sein Handy heraus, suchte eine Nummer, die er eigentlich gelöscht glaubte, und drückte auf „Anrufen“.

Kommentare