Die Liegewiesen werden leerer, nasse Handtücher verschwinden in Taschen und aus den Lautsprechern kommt die Durchsage, dass das Freibad bald schließt. Trotzdem läuft noch jemand zum Beckenrand und springt ein letztes Mal hinein. Seitdem frage ich mich, ob es dabei wirklich noch ums Schwimmen geht.
Die Sonne steht schon tief und spiegelt sich orange auf der Wasseroberfläche. Auf der Wiese klappen Eltern ihre Sonnenschirme zusammen, Kinder suchen nach verschwundenen Badeschuhen und irgendwo zischt noch eine Luftmatratze, aus der jemand die Luft drückt. Das Stimmengewirr vom Nachmittag ist fast verschwunden. Nur aus dem Becken hört man noch vereinzeltes Platschen.
Meine Freunde und ich haben unsere Handtücher bereits eingepackt. Die Kleidung klebt noch ein wenig auf der feuchten Haut und eigentlich wollen wir los. Dann läuft ein Junge am Beckenrand entlang. Seine Mutter ruft ihm zu, dass sie jetzt wirklich gehen müssen. Er hebt kurz die Hand, dreht sich um und springt noch einmal ins Wasser.
Für ein paar Sekunden ist er verschwunden. Dann taucht er wieder auf, streicht sich die Haare aus dem Gesicht und schwimmt langsam zurück zum Rand. Es wirkt nicht so, als hätte ihm davor noch eine Runde gefehlt. Eher, als hätte er etwas abschließen müssen.
Den Tag noch nicht loslassen
Seit dieser Szene achte ich darauf. Kurz bevor ein Tag im Freibad endet, springt fast immer jemand noch einmal hinein. Manchmal sind es Kinder, manchmal Jugendliche und manchmal Erwachsene, die schon vollständig angezogen am Becken stehen und dann doch noch einmal ins Wasser gehen.
Vielleicht gehört dieser letzte Sprung einfach dazu. So wie das letzte Lied auf einer Feier oder der letzte Blick zurück, bevor eine Tür zufällt. Wir wissen, dass der Moment vorbei ist. Trotzdem wollen wir ihn nicht einfach enden lassen.
Ich kenne dieses Gefühl auch von mir. Wenn ein Sommertag besonders schön war, gehe ich langsamer nach Hause. Ich bleibe noch kurz stehen, schaue auf den Himmel oder suche einen Grund, noch nicht loszumüssen. Vielleicht hoffe ich, dass sich ein Moment verlängert, wenn ich ihn nicht sofort verlasse.
Es geht nicht nur ums Schwimmen
Der letzte Sprung ist deshalb wahrscheinlich keine Entscheidung gegen das Nachhausegehen. Er ist eher ein Versuch, den Übergang hinauszuzögern. Solange wir noch nass sind, ist der Freibadtag nicht ganz vorbei. Erst wenn die Kleidung wieder trocken ist und das Eingangstor hinter uns zufällt, wird aus dem Erlebnis eine Erinnerung.
In den Sommerferien passiert das ständig. Wir sitzen noch ein paar Minuten länger draußen, obwohl es längst dunkel wird. Wir gehen noch eine Runde durch den Ort, obwohl wir müde sind. Wir erzählen dieselbe Geschichte ein zweites Mal, weil niemand den Abend beenden möchte.
Vielleicht merken wir gerade im Sommer stärker, wie schnell Zeit vergeht. Die Tage wirken lang, doch plötzlich ist wieder eine Woche vorbei. Auf einmal beginnen Geschäfte bereits mit Schulsachen zu werben und jemand sagt zum ersten Mal, dass die Ferien bald enden. Vielleicht versuchen wir deshalb, einzelne Momente festzuhalten, obwohl wir wissen, dass das nicht möglich ist.
Was vom Moment bleibt
Als der Junge aus dem Wasser steigt, wartet seine Mutter noch immer am Ausgang. Er greift nach seinem Handtuch und läuft zu ihr. Wenige Minuten später ist das Becken leer. Das Wasser bewegt sich noch eine Weile, obwohl niemand mehr darin schwimmt.
Dieses Bild ist mir geblieben. Vielleicht können wir schöne Momente nicht anhalten. Aber wir können ihnen einen bewussten Abschluss geben. Einen letzten Blick, ein letztes Gespräch oder einen letzten Sprung.
Seitdem verstehe ich diese kleinen Verzögerungen besser. Es geht nicht darum, den Sommer wirklich zu verlängern. Es geht darum, ihn nicht verschwinden zu lassen, ohne sich noch einmal richtig von ihm verabschiedet zu haben.
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