An unserer Schule greifen mittlerweile viele morgens zum grünen Pulver statt zum Kaffeebecher. Matcha macht wach, schmeckt milder und lässt sich mit Milch aufschäumen wie ein Latte, nur eben grün statt braun.
"Ich trink eigentlich fast jeden Tag Matcha. Meistens mach ich ihn mir selber, weil im Café ist er schon ziemlich teuer", sagt Clara Wagner, 17, Schülerin am Sacré Coeur Wien. Acht Euro für die Tasse wären ihr zu viel: "Dann würd ich's wahrscheinlich lassen und ihn nur noch selber machen."
Nicht alle verstehen den Hype. "Ich hab Matcha ein paar Mal probiert, aber ich versteh den Hype ehrlich gesagt nicht ganz", sagt Paul Steiner, 18, Schüler am Sacré Coeur Wien. Sechs Euro für ein Getränk findet er "eigentlich schon grenzwertig".
Was Matcha eigentlich ist
Matcha ist ein Pulver aus einer bestimmten Sorte grünem Tee aus Japan. Für die besten Sorten beschatten Bäuerinnen und Bauern die Teepflanzen drei bis vier Wochen vor der Ernte mit Netzen. Diese Blätter heißen Tencha. Sie werden gedämpft, getrocknet und in Steinmühlen fein zu Pulver gemahlen.
Anders als bei normalem Tee wird das Blatt komplett mitgetrunken, nicht nur aufgegossen und weggeworfen. Das gibt Matcha seinen milden Umami-Geschmack und macht wach wie Kaffee, nur sanfter. Genau das macht ihn für viele von uns zur Alternative zum Kaffee: kein bitterer Geschmack, kein harter Koffein-Kick, dafür ein Muntermacher mit ruhigerem Verlauf. Doch auf einmal wird der Matcha knapp.
Rationierung und Weiterverkauf
In vielen japanischen Onlineshops und Geschäften darf inzwischen jede Person nur noch eine Dose kaufen. Der Grund: Hamsterkäufe und ein einträgliches Geschäft mit dem Weiterverkauf. "Ich kenne mehrere Leute, die Matcha einkaufen und dann in Europa zum Vielfachen an Cafés und Restaurants weiterverkaufen", sagt Fritz gegenüber SRF.
In Wien ist die Knappheit ebenfalls längst an der Kassa spürbar. Ein Iced Matcha Latte kostet bei der Bäckerei Ströck 4,60 Euro. Im Café Chano Ma und im Café Himmelblau zahlst du 4,70 Euro. Nur Starbucks bleibt mit 4,40 Euro noch vergleichsweise günstig.
Im Teehaus in der Siebensterngasse kostet ein Matcha Latte mit Hafermilch mindestens 5,50 Euro. Mit Extras wie weißer Schokolade sind es sogar 6,50 Euro. Wer also von Kaffee auf Matcha umgestiegen ist, um dem Kaffeepreis zu entkommen, zahlt inzwischen oft ähnlich viel wie vorher, nur eben grün statt braun.
Auch deutschlandweit lässt sich der Boom an den Kassenzetteln ablesen. Cafés, die Matcha im Angebot haben, verzeichneten im Sommer 2025 ein Plus von 55 Prozent bei den Transaktionen, gegenüber 49 Prozent bei allen Cafés im Schnitt. Der durchschnittliche Einkaufswert stieg bei Matcha-Cafés um 9 Prozent. Bei Cafés ohne Matcha auf der Karte sank er im gleichen Zeitraum um 22 Prozent.
Auch außerhalb Europas macht sich die Knappheit bemerkbar. Kyoto-Produzenten hätten die Preise für die hochwertigsten Sorten kürzlich um bis zu 40 Prozent angehoben, die erste Preiserhöhung seit vielen Jahren, sagte Megumi Kanaike, Chefin des Teeladens Simply Native in Sydney, laut einem Bericht von Business Insider, der sich auf die Sydney Morning Herald beruft. "Wahrscheinlich werden auch die Preise in den Cafés steigen", sagt Kanaike.
Warum ausgerechnet jetzt die Ernte fehlt
Die Region Kyoto liefert rund ein Viertel des japanischen Tencha. Genau dort schlug im Sommer 2025 eine Hitzewelle während des heißesten Jahres in Japan seit Beginn der Aufzeichnungen zu. Die Ernte im April und Mai fiel entsprechend schwach aus.
Die Folgen zeigen sich direkt am Preis. Bei der ersten Matcha-Auktion 2025 im Anbaugebiet Uji lag der Großhandelspreis 70 Prozent über dem Vorjahr, umgerechnet rund 44 Franken pro Kilogramm. Insgesamt hat sich der Matcha-Preis gegenüber dem Vorjahr ungefähr verdoppelt, erklärt Martin Fritz, freier Journalist in Tokio, gegenüber dem Schweizer Sender SRF.
Dazu kommt ein Problem, das sich nicht in einer einzigen Saison lösen lässt. "Japan gehen wegen der alternden Gesellschaft die Arbeitskräfte aus", sagt Fritz. Zwischen 2000 und 2020 hat Japan rund 53.000 Teebauern und -bäuerinnen durch Pensionierung verloren. Neue Teefelder helfen kaum, weil frisch gepflanzte Sträucher erst nach etwa fünf Jahren erntereif sind. Die japanische Teeproduktion insgesamt ist seit 2010 um rund ein Fünftel gesunken.
Wie groß die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage inzwischen ist, zeigt ein Vergleich: Die produzierte Matchamenge hat sich in den letzten 15 Jahren etwa verdreifacht, der Wert der Exporte aber verneunfacht. "Daran erkennt man schon, dass die Nachfrage aus dem Ausland kommt und die produzierte Menge diese Nachfrage nicht mehr bedienen kann", sagt Fritz gegenüber SRF.
Ein Jahr später bricht Japan den nächsten Rekord. Im Steuerjahr 2025 exportierte das Land 13.125 Tonnen Grüntee, so viel wie seit über 70 Jahren nicht mehr. Der Exportwert hat sich mehr als verdoppelt, auf umgerechnet rund 491 Millionen Euro. Klingt nach einem guten Geschäft für Japan. Für uns bedeutet es vor allem: Immer mehr vom raren grünen Pulver geht ins Ausland. Für den Rest bleibt immer weniger übrig.
Der grüne Latte, den wir uns nächste Woche in Wien statt eines Kaffees bestellen, könnte also schon ein paar Cent mehr kosten als der von letzter Woche. Vielleicht ist genau das die Pointe an diesem Trend: Je mehr von uns den Kaffee gegen das grüne Getränk tauschen und es online zeigen, desto seltener und teurer wird es.
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