Der Gender Health Gap kostet Leben

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Volontärin · Bundes-Oberstufenrealgymnasium Ried im Innkreis
11.02.2026
3 Min.

Die moderne Medizin gilt als fortschrittlich und objektiv. Frauen sind in Studien aber noch heute drastisch unterrepräsentiert. Geschlechtsspezifische Unterschiede werden noch immer ignoriert und vernachlässigt. Das kostet Lebensqualität und Geld. Wir müssen aufhören, den weiblichen Körper als bloße Abweichung von der männlichen Norm zu behandeln.

Ungerecht: Viel zu wenig Studien und Daten zur Menstruationsgesundheit (Foto: Monika Kozub auf Unsplash)

Frauen erreichen bei einem Herzinfarkt im Schnitt zwei Stunden später die Notaufnahme, weil ihre Symptome anders aussehen als die von Männern. Die Medizin ignoriert diese Unterschiede noch zu häufig und Fachkräfte diagnostizieren und behandeln deshalb, als wären alle Körper gleich. Für viele Frauen bedeutet das den Tod. Dieses Versagen ist kein Zufall, es ist strukturell.

Der Wiener Gesundheitsverbund (WIGEV), der größte Gesundheitsdienstleister der Stadt Wien, erklärt, Gleichbehandlung müsse in der Medizin eine geschlechterangepasste Behandlung und Forschung bedeuten. Der Gender Health Gap bezeichnet die systematische Benachteiligung von Frauen im Gesundheitssystem, die entsteht, weil diese Gleichbehandlung fehlt.

Rollenstereotype führen zu verzögerten Diagnosen, unter anderem wegen der unterschiedlichen Symptomatik bei Krankheiten oder Neurodivergenzen. Eine Pflicht zur gleichwertigen Einbeziehung von weiblichen Testpersonen in medizinische Studien ist deshalb meiner Meinung nach ein unausweichlicher Schritt, um das Gesundheitssystem langfristig zu verbessern.

Neben dem Gender Health Gap ist nämlich auch der Gender Data Gap ein Problem. Die National Library of Medicine, die weltweit größte biomedizinische Bibliothek, sowie der Frauengesundheitsbericht Österreichs aus dem Jahr 2022 weisen auf die Unterrepräsentation von Frauen in Studien hin. Ärzte behandelten Frauen bei vielen Krankheiten gleich wie Männer, obwohl sich die gleiche Erkrankung unterschiedlich zeigen könne. Außerdem erforsche und berücksichtige die Pharmaindustrie geschlechterspezifische Erkrankungen wie Endometriose zu wenig. Dem Frauengesundheitsbericht nach fehlen auch zu anderen Diagnosen und zur Menstruationsgesundheit Erhebungen, um medizinisch spezifischer darauf eingehen zu können. In der Medikamententestung verzichten Forscher*innen sogar auf Tests an weiblichen Ratten, da sie befürchten, unterschiedliche Hormone würden die Ergebnisse verändern. Genau das ist aber der erste Punkt, an dem der Gender Data Gap entsteht.

Frauen erschaffen Leben, Frauen gebären und Frauen ernähren Kinder. Der weibliche Körper und Zyklus ist besonders und verdient größere Wertschätzung. Dazu zählt, ihn zu verstehen, zu respektieren und ihn selbstverständlich in Erhebungen, Studien und Medikamententestungen angemessen zu berücksichtigen.

Zu diesen Problemen gesellt sich auch die Dosis-Wirkungs-Beziehung von Medikamenten, die bei Frauen oft unbekannt ist. Dabei ist genau das eine wichtige Information, um Patientinnen optimal behandeln zu können. Unterschiedlich hohe Spiegel etwa von Sexualhormonen können sich auf die Wirkung eines Medikaments auswirken. Verbesserungen in der geschlechtersensiblen Forschung sind daher dringend nötig. Denn der Gender Health Gap wirkt sich durch jahrelange Beschwerden verheerend auf betroffene Frauen aus und zusätzlich auf die Arbeits- und somit Wirtschaftswelt.

Ein konkretes Beispiel: Laut der 2024 durchgeführten Studie „MenoSupport Austria“ leidet jede dritte Frau während ihres Klimakteriums unter starken Beschwerden, die auch ihre Arbeit beeinträchtigen. Frauen wünschen sich ein Umfeld, das sie besser unterstützt, anstatt ihr Leiden zu ignorieren. Manche der Betroffenen müssen ihre Arbeitszeit reduzieren, was wiederum finanzielle Auswirkungen hat. Sie sind dadurch wirtschaftlich schlechter gestellt, brauchen aber durch ihr Leiden noch mehr Geld für Medikation und Behandlungen. Betroffene Frauen sind also auch stärker armutsgefährdet. Großbritannien macht in diesem Punkt einen Schritt in die richtige Richtung, indem einige Unternehmen ihre Führungskräfte in dieser Thematik schulen und somit einen offeneren Umgang damit schaffen.

Die Berichterstattung zu dieser Thematik in der Medienlandschaft ist nach wie vor unzureichend und noch immer nehmen zu viele Ärzt*innen manche frauenspezifischen Beschwerden nicht ernst oder schieben diese auf psychosomatische oder hormonelle Ursachen. Das verzögert Diagnosen und zieht das Leiden der Frauen in die Länge. Aus meiner Sicht wäre es deshalb dringend nötig, die Anzahl an Frauen in Führungspositionen im medizinischen Bereich zu steigern. Die weibliche Gesundheit würde durch einen ärztlichen Perspektivenwechsel profitieren. Frauen sollten auch von Frauen repräsentiert werden, um Bezug und Empathie sicherzustellen.

Solange weibliche Körper in der Medizin als Abweichung gelten, bleibt echte Gleichberechtigung unerreichbar. Jede Stimme zählt, denn Schweigen kostet Frauen Gesundheit, Lebensqualität und das Leben selbst! Fragen Sie bei Ärzt*innen nach, bestehen Sie auf ernsthafte Abklärung, unterstützen Sie Initiativen für geschlechtersensible Forschung und thematisieren Sie den Gender Health Gap im eigenen Umfeld.





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