Beim Abendessen fällt mir ein Platz auf, der eigentlich gar nicht gebraucht wird. Trotzdem behandelt ihn meine Oma, als würde dort jemand sitzen.
„Stell die Schüssel bitte nicht dort hin.“ Meine Oma nimmt den Salat und reicht ihn über den freien Stuhl hinweg. Ich schaue auf den Platz zwischen uns. Vor dem Stuhl steht ein Teller, daneben liegt ein Besteck. Niemand sitzt dort.
Meine Mutter schiebt das Brot weiter, mein Vater erzählt etwas aus der Arbeit und meine Oma fragt, wer noch Wasser möchte. Alle reden weiter, als wäre nichts Besonderes. Nur wenn etwas über den Tisch gereicht wird, macht es einen kleinen Umweg um diesen einen Platz.
„Kommt noch jemand?“, frage ich irgendwann.
Meine Oma schaut kurz auf den Stuhl. „Nein.“
Mehr sagt sie nicht.
Ich esse weiter, aber mein Blick wandert immer wieder zu dem freien Platz. Als mein Vater seine Tasche auf den Stuhl stellen will, sagt meine Oma nur: „Lass das bitte.“
Er nimmt die Tasche wieder herunter. Keiner fragt nach. Das Gespräch geht weiter.
Später stehen alle auf. Die Teller werden abgeräumt, die Gläser kommen in die Küche. Meine Oma nimmt das Besteck vom freien Platz und stellt den Teller zur Seite. Dann schiebt sie den Stuhl zurück an den Tisch.
Ich frage nicht mehr nach.
Aber als wir später gehen, muss ich noch einmal an den Platz denken. Für niemanden war er frei genug, um dort zu sitzen.
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