Der Diebstahl

Bloß nicht erwischt werden. (Foto: Alexandra_Koch)

Gut gelaunt fuhr Noah mit seinem Fahrrad durch die Straßen der Vorstadt und klapperte Haus für Haus ab. Er befand sich in einem Viertel mit großen Wohnblöcken. Schließlich stand er vor einem sechsstöckigen Gebäude und begann, vom Erdgeschoss an bei den Türen zu klingeln. Im zweiten Stock hatte er Glück: Eine junge Frau öffnete ihm die Tür.

„Guten Tag“, grüßte Noah. „Ich sammle Spenden für ,Besser leben‘. Hätten Sie vielleicht die Freundlichkeit, einen kleinen Beitrag zu leisten?“

„Für diese Organisation spende ich gerne“, antwortete die Frau. „Warte kurz, ich muss nur schnell nach nebenan, dort liegt meine Geldbörse.“

Sie humpelte langsam und mühsam ins Innere der Wohnung. Offensichtlich war sie verletzt und hatte Schwierigkeiten beim Gehen. Während Noah in der offenen Tür wartete, fiel sein Blick auf eine moderne, teure Sportuhr, die auf einer Kommode ihm gegenüber lag. Eine solche Uhr hatte er sich schon lange gewünscht, doch leisten konnte er sie sich niemals.

Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Sollte er sie einfach nehmen? „Nein, spinnst du, das ist verrückt!“, rief eine Stimme in ihm. Andererseits war die Gelegenheit verlockend. Die Frau bewegte sich so langsam, dass er Zeit hatte. Plötzlich griff seine Hand nach der Uhr, als würde sie nicht ihm gehören, und schon war sie in der kleinen Tasche verschwunden, in der er auch das gesammelte Geld aufbewahrte.

In diesem Moment kam die Frau zurück und reichte ihm 20 Euro. „Und hier hast du noch eine kühle Limonade. Bei der Hitze heute – und weil du so fleißig bist.“

Noah bedankte sich und ging. „Puh, das ist ja gut gelaufen“, dachte er und schwang sich auf sein Fahrrad. Für heute hatte er genug und machte sich auf den Heimweg.

Doch schneller, als ihm lieb war, verflogen Freude und Euphorie. Ein schlechtes Gewissen kroch wie ein dunkler Schatten in sein Inneres. „Was habe ich bloß getan?“, fragte er sich entsetzt. „Die Frau war so freundlich, und ich habe sie bestohlen!“ Dazu gesellte sich Angst: Was, wenn der Diebstahl bereits entdeckt und die Polizei verständigt worden war? Mit 16 Jahren war er schließlich strafmündig.

Es gab nur einen Weg: Die Uhr musste zurück. Doch wie, ohne alles gestehen zu müssen? Nach langem Grübeln fasste Noah einen riskanten Plan. Er fuhr zurück zu dem Haus und klingelte unten an der Gegensprechanlage. Mit verstellter Stimme gab er sich als Paketbote aus und bat die Frau, herunterzukommen. Anschließend versteckte er sich unter der Kellertreppe.

Als die Frau an ihm vorbeihumpelte, huschte Noah blitzschnell und unbemerkt in den zweiten Stock. Schweißgebadet stellte er fest: Die Wohnungstür stand offen. Er legte die Uhr genau an den Platz zurück, von dem er sie genommen hatte. Danach rannte er in den dritten Stock und wartete.

Kurz darauf hörte er die Frau zurückkehren. Laut schimpfte sie über den fiesen Streich, der ihr vermeintlich gespielt worden war. Noah fiel ein Stein vom Herzen. Er war sich sicher, dass das Fehlen der Uhr unbemerkt geblieben war.

In dieser Nacht konnte er kaum schlafen. Immer wieder dachte er darüber nach, was er getan hatte und warum. Erst am nächsten Tag ließen Angst und schlechtes Gewissen langsam nach. Am Ende hatte er doch noch das Richtige getan.


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