Kaum ein Trend hat in den sozialen Medien so lange überlebt wie der „Clean Girl“-Look, denn seit 2022 prägt er die Instagram-Startseiten vieler junger Frauen. Der Begriff steht für Bilder von makellosen, schlanken, überwiegend weißen Frauen. Pastellfarbene Outfits beim Pilates, dieselbe Make-up-Routine, schlichte Nägel und reine Haut. Der Auftritt soll rein und gepflegt sein und trotzdem so mühelos wie möglich wirken. Ein Fleck auf der Kleidung oder ein Pickel im Gesicht stören diese Inszenierung. Doch je mehr Frauen diesem Bild nacheifern und damit dieses Schönheitsideal immer bekannter machen, desto dringlicher stellt sich die Frage: Ist das ein Rückschlag für den Feminismus?
Über eine Millionen Beiträge gibt es zum #cleangirl auf TikTok. Die einzelnen Videos von vor allem weiblichen TikTokerinnen, die zeigen sollen, wie makellose Reinheit aussieht, erreichen mehrere Hunderttausend Aufrufe. Ein Beispiel für so ein Vorbild ist Hailey Rhode Bieber (US-Model und erfolgreiche Beauty-Unternehmerin). Mit ihrer Marke Rhode beeinflusst sie den Trend und bietet Skincare-Produkte an, die genau auf das Clean-Girl-Ideal zugeschnitten sind und sich durch gezieltes Marketing erfolgreich verkaufen. Angetrieben von diesen Influencerinnen und Prominenten verleitet der Trend so auch zu übermäßigem Konsum.
Der Ausdruck „Clean Girl“ an sich vermittelt den Eindruck, es ginge um kleine Mädchen. Dabei sind es erwachsene Frauen, die dieses Bild vorleben und ihm nacheifern. Wer sich als „Clean Girl“ bezeichnet, macht sich selbst kleiner, wenn auch nur unterbewusst. Solche Frauen verstecken sich hinter einem Begriff, der nicht ansatzweise ihre Stärke, ihr Talent und ihre Einzigartigkeit beschreiben kann. Sie wählen freiwillig einen Titel, der eher an Kinder gerichtet scheint. „Clean Girls“ trauen sich nicht, mehr Raum einzunehmen, als ihnen zusteht. Sie halten sich vermehrt zurück.
Diese inszenierte Makellosigkeit ist in Wirklichkeit kaum erreichbar. Obwohl die typischen Merkmale für diesen Trend, wie glatt zurückgekämmter Dutt, goldene Hoop-Ohrringe und Lipgloss, schon lang die Markenzeichen von schwarzen und Latina-Frauen sind oder es nun eher waren, diskriminiert dieser Trend vor allem Menschen mit dunkler Haut. Er schließt dunkelhäutige Personen und auch Menschen mit breiterem Körperbau aus. Im Optimalfall ist der Körper schlank. Das vermittelt das Ideal von schwächeren und fügsameren Frauen.
Die Idee des Trends ist ein äußeres Erscheinungsbild, mit dem Frauen kein Aufsehen erregen. Bloß nicht zu laut oder zu wild sein, das zerstört das Image. Diese Darstellung erinnert stark an frühere Rollenbilder, die Frauen unterdrückt und diskriminiert haben. An Rollenbilder, gegen die viele mutige Frauen jahrelang gekämpft haben.
Die dreifache Bestseller-Autorin Tara-Louise Wittwer, auf Instagram @wastarasagt, macht darauf aufmerksam, wie sogar Parfums den Trend umsetzen. Düfte für Frauen sind leicht, sanft und unaufdringlich geworden, weit entfernt von den rebellischen, selbstbewussten Parfums der 1920er-Jahre, die signalisierten: Diese Frau nimmt Raum ein und macht auf sich aufmerksam. Es fühlt sich fast so an, als würde ein vorerst unschuldig wirkender Trend diesen Kampf für Freiheit jetzt überrollen und zunichtemachen, als gäben Frauen ihre Selbstbestimmung plötzlich selbst her.
Der Trend transportiert eine politische Botschaft, die nicht auf den ersten Blick erkennbar ist. Liegt der Fokus auf dem Erreichen dieses Ideals, können Frauen nicht mehr so stark gegen das Patriachat vorgehen, weil sie abgelenkt sind. Warum also schaffen Frauen selbst solch einen Trend? Machen sie sich den Fortschritt des Feminismus nun kaputt?
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