Noch kurz vor dem Kinofilm einen eigenen Cola-Mix ausprobieren? Für viele gehört genau das zum Erlebnis am Coca-Cola-Freestyle-Automaten dazu. Ein bisschen Cola, vielleicht Kirsche oder Vanille dazu. Fertig ist die persönliche Lieblingsmischung. Was dabei kaum jemand bemerkt: Jeder Klick auf dem Bildschirm liefert auch Informationen an Coca-Cola.
Seit dem 23. Juni ist bei Coca-Cola an der Getränkefront vieles neu: An diesem Tag hat der Konzern in den USA seine Freestyle-Automaten mit einer komplett überarbeiteten Oberfläche ausgestattet, „Freestyle Equinox“ genannt. Es ist der größte Umbau seit der Einführung des Automaten vor 15 Jahren: neue Bildschirmführung, mehr Sichtbarkeit für limitierte Sorten und ein kleineres Modell für Standorte mit wenig Platz.
Was auf den ersten Blick wie ein gewöhnliches Software-Update klingt, ist in Wahrheit eine klare Ansage: Der Getränkeautomat wird immer stärker zu einem Werkzeug, das zeigt, was Menschen gerne trinken.
Ein Coca-Cola-Manager erklärte bei der Vorstellung, der Konzern entwickle die Ausschankgeräte zu einer vernetzten, intelligenten Plattform weiter, die immer genauer zeigt, welche Geschmäcker und Vorlieben bei den Kundinnen und Kunden beliebt sind. Damit bestätigt Coca-Cola offiziell, was der Automat schon seit Jahren tut, nur jetzt in noch größerem Stil.
Vom Automaten zum Datenlabor
Der Coca-Cola Freestyle ist kein gewöhnlicher Getränkeautomat. Er kam 2009 in den USA auf den Markt und steht heute in vielen Ländern. Entworfen wurde das auffällige Design von Pininfarina, der italienischen Firma, die auch Ferraris gestaltet. Im Inneren steckt eine Technik zur Mikrodosierung, die ursprünglich für die Medizin entwickelt wurde.
Damit lassen sich aus wenigen Kartuschen mittlerweile bis zu 200 Geschmacksrichtungen mischen. Das eigentlich Besondere ist aber nicht nur die Technik, sondern das, was im Hintergrund passiert: Jede einzelne Auswahl wird erfasst und an Coca-Cola weitergeleitet.
Elf Millionen Datenpunkte am Tag
Die Dimension dahinter ist enorm. Nach Angaben des Unternehmens sammelt Freestyle täglich Daten aus fast elf Millionen ausgeschenkten Getränken. Coca-Cola bezeichnet seinen Automaten deshalb selbst als den größten Live-Geschmackstest der Welt.
Der Konzern sieht dabei nicht nur, welche Sorte gewählt wird, sondern auch, zu welcher Tageszeit bestimmte Getränke besonders beliebt sind und welche Mischungen immer wieder auftauchen. Aus diesen Mustern erkennt die Firma, welche Geschmäcker gerade im Trend liegen – sofort und in Echtzeit.
Wenn aus unserem Mix ein Produkt im Regal wird
Der eigentliche Clou steckt in dem, was danach passiert. Wenn eine bestimmte Mischung besonders oft gewählt wird, kann daraus ein echtes Produkt im Supermarkt entstehen.
Getränke wie Coca-Cola Orange Vanilla oder Sprite Cherry gehen zumindest teilweise auf genau dieses Verhalten an den Freestyle-Automaten zurück. Wir Konsumentinnen und Konsumenten werden damit unbewusst zu Produktentwicklern, ohne selbst gefragt zu werden und ohne einen Cent dafür zu bekommen.
Aus Sicht des Konzerns liegt der Vorteil auf der Hand: Statt teure Umfragen durchzuführen, erhält Coca-Cola Daten direkt aus dem tatsächlichen Verhalten seiner Kundinnen und Kunden.
Warum Daten oft wertvoller sind als Zucker
Für Coca-Cola ist dieses System aus mehreren Gründen interessant. Zum einen spart der Konzern laut Branchenberichten mit den Freestyle-Automaten jährlich rund 160 Millionen Dollar, unter anderem weil weniger verschiedene Flaschen und Dosen produziert werden müssen. Zum anderen kann die Firma aus einer beliebten Mischung in nur rund 90 Tagen ein fertiges Produkt für den Handel entwickeln.
Mit Equinox soll dieser Kreislauf aus Auswahl, Auswertung und neuen Produkten noch schneller und sichtbarer werden. Die neue Oberfläche stellt limitierte und „empfohlene“ Sorten gezielt in den Vordergrund, um genau die Daten zu sammeln, die der Konzern für zukünftige Produkte braucht.
Wie wir das selbst sehen
So beeindruckend die Zahlen des Konzerns sind: Im Alltag denkt beim Mixen kaum jemand von uns an Datensammlung. Für die meisten ist der Automat einfach ein Spaß.
„Nicht oft, vielleicht ein paar Mal im Jahr. Ich nehme meistens Cola als Basis und probiere dann Kirsch oder Vanille dazu. Gerade das Ausprobieren macht Spaß“, sagt Lena Gruber, 16, Schülerin aus Wien.
Dass hinter diesem Spaß ein System steckt, überrascht viele. „Ich dachte, ich mische einfach ein Getränk. Dass daraus Daten werden, war mir gar nicht bewusst“, sagt Gruber.
Auch Miriam Steiner, 15, Schülerin aus Wien, reagiert nachdenklich. „Eigentlich ist es mir egal, aber wenn ich darüber nachdenke, würde ich schon gerne selbst entscheiden, welche Daten gespeichert werden“, sagt Steiner.
Genau solche Reaktionen zeigen, wie selbstverständlich wir Informationen über unser Verhalten weitergeben – oft ohne darüber nachzudenken. Gleichzeitig wird darüber noch wenig gesprochen, obwohl Coca-Cola inzwischen offen damit umgeht.
Was das für uns bedeutet
Jetzt könnte die Frage lauten: Na und, es geht doch nur um Limo. Tatsächlich werden hier keine Namen oder Handynummern gespeichert, sondern vor allem anonyme Auswahldaten.
Trotzdem lohnt sich ein zweiter Blick. Denn mit Equinox macht Coca-Cola öffentlich, was bisher nur zu erahnen war: Der Automat ist nicht nur ein Zapfhahn, sondern auch ein Sensor.
Was beim Getränkeautomaten mit unserer Sortenwahl passiert, geschieht an vielen anderen Stellen mit unseren Klicks, unseren Wegen und unseren Vorlieben. Wir bezahlen oft nicht nur mit Geld, sondern auch mit Informationen über uns selbst.
Beim nächsten Kinobesuch schmeckt die selbst gemixte Cola deshalb vielleicht ein kleines bisschen anders, wenn uns bewusst ist: Wir liefern mit jeder Auswahl Daten, die bei der Entwicklung neuer Produkte helfen und genau dieses System ist seit Kurzem noch ein Stück cleverer geworden.
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