Viele Jugendliche erleben Politik oft als etwas Entferntes. In Nachrichten wird über Pensionen, Budgets oder Parteien gestritten, während Themen wie Schule, Klimaschutz, mentale Gesundheit oder leistbares Wohnen für junge Menschen besonders wichtig sind. Im Gespräch mit unserer Klasse machte der Politikwissenschaftler Laurenz Ennser-Jedenastik aber klar, dass Demokratie nicht nur etwas ist, das man von außen bewertet. Er ist Professor für Österreichische Politik im europäischen Kontext an der Universität Wien und forscht unter anderem zu politischen Parteien, Eliten und dem österreichischen politischen System.
Schon früh im Gespräch sagte Ennser-Jedenastik einen Satz, der hängen bleibt: „Demokratie ist nichts, das wir konsumieren, sondern etwas, das wir aktiv gestalten.“ Genau darum geht es beim Wahlrecht ab 16. Es ist nicht nur ein Symbol, sondern eine Möglichkeit, früher mitzureden.
Warum Populismus attraktiv wirkt
Populistische Parteien sprechen junge Menschen oft direkter an als klassische Parteien. Sie arbeiten mit einfachen Botschaften, emotionaler Sprache und klaren Feindbildern. Laut Ennser-Jedenastik basiert Populismus auf der Vorstellung, dass es einen Konflikt zwischen einer angeblich korrupten Elite und einem „wahren Volk“ gibt. Das klingt für manche überzeugend, weil es komplizierte politische Probleme leicht verständlich wirken lässt.
Klassische Politik erklärt Zusammenhänge oft ausführlicher und vorsichtiger. Das ist zwar ehrlicher, wirkt aber manchmal weniger stark. Auf Social Media setzen sich kurze, zugespitzte Botschaften außerdem leichter durch als lange Erklärungen. Gerade für junge Menschen, die viele Informationen über TikTok, Instagram oder YouTube bekommen, kann populistische Kommunikation deshalb besonders wirksam sein.
Wählen macht einen Unterschied
Österreich hat das Wahlalter 2007 auf 16 Jahre gesenkt. Bei der Nationalratswahl 2008 durften Jugendliche erstmals ab 16 wählen. Das war international besonders, weil Österreich zu den wenigen Ländern gehört, in denen junge Menschen auf Bundesebene so früh wählen dürfen.
Wählen verändert nicht sofort alles. Auch Ennser-Jedenastik erklärte, dass eine einzelne Stimme selten allein eine Wahl entscheidet. Aber in Summe bestimmen Wählerinnen und Wähler, welche Parteien Macht bekommen und welche Themen wichtiger werden. Wenn viele junge Menschen wählen gehen, müssen Parteien ihre Anliegen ernster nehmen.
Was passiert, wenn Jugendliche nicht wählen?
Das Problem ist, dass ältere Menschen deutlich häufiger wählen gehen als jüngere. Dadurch bekommen ihre Interessen automatisch mehr Gewicht. Wenn Jugendliche nicht wählen, obwohl sie dürfen, entsteht eine Schieflage. Dann entscheiden andere stärker über Themen, die gerade junge Menschen lange betreffen.
Studien zeigen außerdem, dass 16 und 17 Jährige politisch nicht plötzlich viel unreifer sind als 18 oder 20 Jährige. Laut Ennser-Jedenastik gibt es keinen magischen Moment, in dem man mit 18 politisch „aufwacht“. Viele Jugendliche können sich informieren, eine Meinung bilden und verantwortungsvoll entscheiden.
Wird Politik dadurch jugendrelevanter?
Es gibt Hinweise darauf, dass das Wahlrecht selbst politisches Interesse stärken kann. Wer wählen darf, muss sich eher mit Parteien, Themen und Entscheidungen beschäftigen. Dadurch wird Politik konkreter. Sie betrifft einen nicht nur irgendwann später, sondern sofort.
Gleichzeitig zeigen aktuelle Daten, warum das Thema gerade jetzt wichtig ist. Rund 90 Prozent der jungen Menschen in Österreich sehen Demokratie zwar als beste Staatsform. Aber nur noch 44 Prozent finden, dass das politische System in Österreich gut funktioniert. 2018 waren es noch 69 Prozent. Diese Entwicklung ist ein Warnsignal.
Demokratie lebt vom Mitmachen
Das Wahlrecht ab 16 allein reicht nicht. Es bringt nur dann wirklich etwas, wenn junge Menschen es auch nutzen. Wer nicht wählen geht, überlässt anderen die Entscheidung. Wer wählt, zeigt Parteien, dass junge Anliegen nicht ignoriert werden können.
Demokratie passiert also nicht nur im Parlament oder im Fernsehen. Sie beginnt auch in der Wahlkabine, in der Schule, in Diskussionen und überall dort, wo Menschen ihre Meinung einbringen. Gerade junge Menschen sollten diese Möglichkeit nutzen, weil es um ihre eigene Zukunft geht.
Kommentare