Ich saß auf einer Bank in Wien und habe auf einen Freund gewartet. Ein paar Meter weiter lag ein trockenes Stück Semmel auf den Pflastersteinen. Eine Taube ist im typisch ruckartigen Gang darauf zugesteuert. Sie hat kurz innegehalten, den Kopf schief gelegt, das Brot fixiert und zugepickt.
In demselben Moment kam ein Fußgänger zügig vorbei. Die Taube ist erschrocken, zwei Meter zur Seite geflattert, hat kurz gewartet und ist sofort wieder zum Brot gerannt. Das Ganze hat sich innerhalb von zwei Minuten vielleicht vier oder fünf Mal wiederholt. Das Tier war gefangen in einer endlosen Schleife aus Hunger, Annäherung, Flucht und Rückkehr.
Die beunruhigende Parallele
Zuerst fand ich die Szene fast amüsant. Ein Vogel, der vollständig von seinen Instinkten gesteuert wird. Reiz und Reaktion. Hunger geteilt durch Angst. Das Tier hatte schlichtweg keine Wahl. Es musste zum Brot, es musste flüchten, es musste zurückkehren.
Aber dann hab ich mich mal selbst beobachtet. Ich habe mein Handy aus der Hosentasche gezogen, weil mein Freund fünf Minuten zu spät war. Ich habe das Display entsperrt, Apps geöffnet, geschlossen und nach drei Sekunden wieder geöffnet. Nicht weil dort etwas Wichtiges passiert wäre. Sondern weil die Langeweile ein winziges Signal gesendet hat und meine Hand automatisch reagiert hat. Genau wie die Taube beim Brot.
Die philosophische Frage nach der Freiheit
Wir bilden uns enorm viel auf unsere menschliche Vernunft ein. Wir glauben fest daran, dass wir freie Wesen sind, die jeden Tag eigenständige Entscheidungen treffen. Aber wie viel davon stimmt wirklich?
Wenn man den Alltag genauer betrachtet, wirken viele unserer Handlungen wie ein "komplexeres Tauben Programm". Wir kaufen Dinge, weil die Werbung bestimmte Reize setzt. Wir greifen zum Handy, weil eine Benachrichtigung leuchtet. Wir reagieren auf Stress mit Gereiztheit, ohne kurz innezuhalten. Wir laufen durch den Tag und folgen unsichtbaren Faden, die andere für uns knüpfen oder die biologisch fest verdrahtet sind.
Wenn eine Taube nicht anders kann als nach dem Brot zu picken, wie oft handeln wir Menschen dann wirklich frei? Und ab wann fängt echte Freiheit überhaupt an? Vielleicht beginnt sie genau in dem einen kleinen Moment, in dem man die eigene Automatik bemerkt, die Hand anhält und einfach nur beobachtet.
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