Wir sitzen bei Lukas vor dem Fernseher, Bundesliga-Spiel, zweite Halbzeit. Sein Handy liegt griffbereit auf dem Sofatisch. Ecke für die Heimmannschaft, kurzer Griff zum Handy, drei Klicks, das Gerät wandert zurück auf den Tisch. Keiner in der Runde dreht sich danach um.
„Bei uns im Freundeskreis ist das eigentlich ziemlich normal. Wenn wir gemeinsam Fußball schauen, setzt schon öfter mal wer ein paar Euro auf das Spiel. Ich selber mach das vielleicht ein- bis zweimal in der Woche, aber meistens echt nicht um viel“, sagt Lukas, 18, Schüler aus Wien.
So beiläufig, wie er das erzählt, ist es in unserem Umfeld für viele. Ein paar Euro auf ein Tor, eine Ecke, den Sieg der eigenen Mannschaft. Schnell gesetzt, schnell wieder vergessen.
Was harmlos beginnt, wird für manche zu einem Problem, aus dem sie schwer wieder herauskommen.
Rund 300.000 Menschen in Österreich zeigen laut aktuellem Drogenbericht der Gesundheit Österreich zumindest ein mildes problematisches Spielverhalten. Sportwetten fallen dabei rechtlich nicht unter Glücksspiel. Aus Sicht der Suchtforschung zählen sie trotzdem zu den Spielformen mit dem höchsten Risiko.
Die Männer werden immer jünger
In den Beratungsstellen sieht man, wohin dieser eine harmlose Klick führen kann. Wer einmal in eine solche Spirale gerät, kommt schwer wieder heraus.
Auch Lukas kennt das Gefühl. „Ich hab schon manchmal mehr gesetzt, als ich eigentlich wollte. Dann denk ich mir halt, okay, jetzt noch einmal, damit ich das Geld wieder drin hab. Das ist wahrscheinlich genau der Punkt, wo man ein bisschen aufpassen muss“, sagt er.
„Die Männer werden immer jünger, die zu uns kommen“, sagt Eliane Eder-Manser, klinische Psychologin bei der Spielsuchtberatung in Wels.
Oft beginnt es klein, mit ein paar Euro auf das Lieblingsteam. Dann kommt der erste Gewinn, das Kribbeln, der Wunsch nach mehr. Und irgendwann wird nachgelegt, um Verluste wieder hereinzuholen. Fachleute sprechen von einer Spirale, weil sie sich immer schneller dreht, je tiefer jemand darin steckt.
Für die Spielsuchthilfe Wien ist dabei weniger die einzelne Wette entscheidend. „Was wir uns anschauen, ist unter anderem, wie sich das Wettverhalten entwickelt hat. Also wie oft wird gewettet, wie viel Geld wird eingesetzt und vor allem: Kann die Person noch selbst entscheiden, wann Schluss ist? Das ist meistens wichtiger als eine einzelne Wette“, sagt eine Mitarbeiterin der Fachstelle.
Was ein Trainer im Verein mitbekommt
Wie normal das Wetten unter jungen Sportlern geworden ist, merkt man dort, wo sie zusammen Fußball schauen.
„Bei den Jugendlichen bekommt man schon mit, dass über Wetten geredet wird. Vor allem bei den älteren Spielern. Die schauen halt gemeinsam Fußball und dann kommt schnell einmal: ,Ich hab auf das Spiel gewettet‘“, erzählt Daniel Hofer, 29, Fußballtrainer in Wien.
Anfangs wirke das harmlos. „Wenn einer fünf oder zehn Euro setzt, wirkt das ja nicht dramatisch. Schwierig wird's halt, wenn das regelmäßig passiert oder wenn man unbedingt gewinnen muss“, sagt Hofer. Rund um eine WM oder EM falle ihm das besonders auf, wenn überall Fußball läuft und gleichzeitig für Wetten geworben wird. Für Jugendliche sei es dann schwer, dem komplett aus dem Weg zu gehen.
Das deckt sich mit der Beobachtung der Spielsuchthilfe Wien. „Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen spielt auch das Umfeld eine große Rolle. Wenn im Freundeskreis ständig über Quoten, Gewinne und die nächste Wette gesprochen wird, kann das schnell normal wirken. Gerade deshalb ist es wichtig, überhaupt einmal darüber zu reden“, sagt eine Mitarbeiterin der Fachstelle.
Warum Sportwetten so gefährlich sind
Sportwetten haben unter den Glücksspielen einen starken Sog, und das hat Gründe. Anders als beim Lotto am Kiosk läuft alles über das Handy, jederzeit und überall.
„Wir erleben durchaus, dass Sportwetten für junge Männer ein Thema sind. Gerade durch die Apps ist der Zugang sehr einfach geworden. Man muss nicht mehr irgendwo hingehen, sondern kann innerhalb von ein paar Sekunden eine Wette abschließen“, sagt eine Mitarbeiterin der Spielsuchthilfe Wien.
Besonders heikel sind Live-Wetten, bei denen ständig neu gewettet werden kann: auf die nächste Ecke, die nächste gelbe Karte, das nächste Tor.
Dazu kommt ein gefährlicher Denkfehler. Fußballwissen weckt den Glauben, das Ergebnis besser einschätzen zu können als beim reinen Zufall. Doch am Ende gewinnt fast immer der Anbieter, denn genau darauf ist das Geschäft ausgelegt.
„Ich glaub, bei uns ist das einfach so, dass man das nicht wirklich als Glücksspiel sieht. Es sind halt zehn Euro auf ein Fußballspiel und nicht irgendwie Casino. Deshalb denkt man sich auch nicht groß was dabei“, sagt Lukas.
Die WM macht alles schlimmer
Rund um ein großes Turnier dreht die Werbemaschine voll auf. Vor jedem Spiel, in jedem Stream, auf jeder Plattform tauchen Quoten und Wettanbieter auf.
Bei der WM 2026 gibt die FIFA sogar offizielle Spieldaten an Wettanbieter weiter, und Fans können Spiele direkt über deren Plattformen streamen. So wird das Wetten Schritt für Schritt zum normalen Teil des Zuschauens.
Am Wiener Anton-Proksch-Institut, der größten Suchtklinik des Landes, spürt man die Folgen sofort. In der Ambulanz melden sich während der WM deutlich mehr Männer als sonst.
Werbung dürfe nicht dazu führen, „dass Sportwetten als völlig harmlos gelten“, warnt Oliver Scheibenbogen vom Anton-Proksch-Institut. Gerade auf Kinder und Jugendliche wirke diese Dauerwerbung, weil sie die Schwelle senke, später selbst einzusteigen.
Ein Spiel, das offiziell kein Glücksspiel ist
Ein Punkt macht Österreich zum Sonderfall. Hierzulande gelten Sportwetten rechtlich nicht als Glücksspiel, sondern als Geschicklichkeitsspiel. Damit ist Österreich laut Fachleuten das einzige Land in der EU, das Wetten auf diese Weise einstuft.
Allein 2025 lag der Bruttowettertrag aus Sportwetten in Österreich bei rund 520 Millionen Euro, ein Plus von knapp drei Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Klingt nach einer trockenen Formulierung, hat aber echte Folgen. Als Geschicklichkeitsspiel gelten für Wetten weniger strenge Werberegeln, ein schwächerer Spielerschutz und eine niedrigere Steuer.
Kurz gesagt: Der Gesetzgeber behandelt genau das Produkt mit dem höchsten Suchtrisiko am lockersten. Kritiker fordern deshalb seit Jahren strengere Regeln, vor allem beim Schutz junger Menschen.
Warum uns das angeht
Klar, ab und zu ein Euro auf ein Spiel wirkt harmlos. Und für die meisten stimmt das auch.
Doch genau das ist der Trick der Branche. Je normaler das Wetten beim Fußball wirkt, desto leichter rutscht der eine oder andere hinein, oft ohne es zu merken. Aus dem Spaß beim Spiel wird ein Griff zum Handy in jeder Halbzeit, dann bei jedem Match, dann auch ohne Match.
Wer bei sich selbst oder bei Freunden merkt, dass aus dem Tippen ein Zwang wird, sollte das ernst nehmen.
„Bei einer Erstberatung muss niemand mit einem fertigen Problem kommen. Viele kommen erstmal, weil sie selber merken, dass ihnen ihr Verhalten nicht mehr ganz geheuer ist. Dann schaut man gemeinsam, was dahintersteckt und welche Unterstützung sinnvoll sein könnte“, sagt eine Mitarbeiterin der Spielsuchthilfe Wien. Hilfe gibt es kostenlos und anonym, lange bevor die Spirale zu schnell wird.
Zurück aufs Sofa
Beim nächsten Spiel läuft wieder derselbe Ball, die Freunde jubeln, auf den Banden leuchten dieselben Quoten. Handy raus, drei Klicks, ein paar Euro gesetzt. Handy wieder weg, weiterreden, als wäre nichts passiert.
Nur diesmal fällt auf: Der eine tippt, der andere nicht – und keiner der beiden findet das mehr erwähnenswert.
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