Fünf Geschwister, Lara, die Älteste, die Zwillinge Matt und Natt, Jana, die zweitjüngste, und der kleine Yves, hatten etwas Besonderes für ihre vierzigjährige Mutter zum Muttertag vorbereitet.
Eigentlich konnte man Yves kaum mitzählen, schließlich war er erst eineinhalb Jahre alt. Trotzdem half der Kleine eifrig mit, auch wenn er nicht wirklich verstand, worum es ging.
Lara, die fünfzehn Jahre alt war, hatte bei einem Gewinnspiel von BIPA tatsächlich einen hundert-Euro-Gutschein gewonnen. Jana bastelte währenddessen mit viel Mühe ein kreatives und berührendes Geschenk für ihre Mutter.
Und die Zwillinge?
Nun ja, ihr erster Plan war es, ihre Mutter wenigstens eine Woche lang nicht mit ihren ständigen Streitereien, frechem Verhalten und Anrufen aus der Schule in den Wahnsinn zu treiben. Zumindest wollten sie es versuchen. Tatsächlich gaben sie sich Mühe, sich von ihrer besten Seite zu zeigen, und übernahmen sogar die Aufgabe, die Lieblingsblumen ihrer Mutter zu kaufen.
Jeder einzelne von ihnen strengte sich für den kommenden Sonntag an.
Lara wollte, dass alles perfekt für die Frau wurde, die sie alle alleine großgezogen hatte. In ihren Augen verdiente ihre Mutter nur das Beste. Jeder Cent, jede Minute und jede Mühe waren es wert.
Die Tage vergingen wie immer.
Stressige Morgen an Schultagen, gemeinsames Abendessen, Hausarbeit, Einkaufen, Hausübungen, Streitereien um die Fernbedienung und schließlich Schlaf.
Doch am Sonntag vereinten sich alle für denselben Zweck:
ihrer Mutter einen unvergesslichen Tag zu schenken.
Unter dem Vorwand, gemeinsam im Park Volleyball spielen zu wollen, verließen die Geschwister das Haus und teilten sich auf.
Die Zwillinge gingen zu dem Blumengeschäft, das ihre Mutter so sehr liebte, um dort ihre Lieblingsblumen zu kaufen. Währenddessen eilten Lara und Jana zu BIPA, um ein persönliches Geschenkspaket zusammenzustellen.
Nach gut einer Stunde trafen sie sich wieder bei den Bänken nahe der Geschäfte.
Das bunte Rosenbouquet roch herrlich und sah wunderschön aus. Obwohl ursprünglich gar nicht geplant gewesen war, noch etwas anderes zu kaufen, hatten Matt und Natt zusätzlich ein Sechserpack der Lieblings-Red-Bull-Sorte ihrer Mutter besorgt.
Die Mädchen standen den Jungen in nichts nach.
Von Pflegeprodukten bis hin zu Haarprodukten war in ihrem Geschenkpaket alles enthalten, was man für einen richtigen Selfcare-Tag brauchen konnte.
Doch die Überraschung war noch nicht vorbei.
Die Geschwister folgten Lara zu einer der bekanntesten Konditoreien der Stadt und sahen staunend dabei zu, wie sie dort tatsächlich einen Tisch für den Muttertag reservierte.
Die Aufregung der Kinder wurde mit jedem Tag größer.
Als schließlich der Sonntagmorgen anbrach, wachten die Geschwister ausnahmsweise schon früh auf, nicht wie sonst erst gegen zehn Uhr.
Sofort begannen die Vorbereitungen.
Matt und Jana räumten sorgfältig das Wohnzimmer und die anderen Räume auf, während Lara und Natt in der Küche beschäftigt waren und Frühstück vorbereiteten.
Überraschenderweise arbeiteten diesmal alle friedlich zusammen. Natürlich gab es hier und da kleine Diskussionen, doch an diesem Tag schafften sie es immer wieder, sich zusammenzureißen.
Nach etwa eineinhalb Stunden standen die Kinder schließlich vor dem Bett ihrer Mutter und weckten sie mit einem absichtlich schief gesungenen Lied auf.
Verschlafen lächelte Elise und zog ihre Kinder sofort in eine Umarmung. Mit Yves auf dem Arm ließ sie sich mit geschlossenen Augen von ihnen führen.
Als sie den gedeckten Frühstückstisch sah, musste sie erneut lächeln.
Gemeinsam aßen sie Frühstück, lachten und räumten danach zusammen auf.
Anschließend drängten die Kinder ihre Mutter dazu, sich schick anzuziehen. Eigentlich hatte Elise gar nicht vorgehabt, irgendwohin zu gehen, doch gegen die Begeisterung ihrer Kinder hatte sie keine Chance.
Kurze Zeit später spazierten sie gemeinsam durch den Park, durch kleine Straßen und Gassen, bis sie schließlich vor der Konditorei standen.
Verwirrt blickte Elise auf, als ein Mitarbeiter sie begrüßte und zu einem reservierten Tisch führte.
Noch überraschter war sie, als Lara grinsend erklärte, dass sie alles organisiert hatte.
Die Familie setzte sich zusammen, bestellte verschiedene Desserts und verbrachte den Nachmittag lachend und redend miteinander.
Mitten während des Essens gab Lara ihren Brüdern heimlich ein Zeichen.
Matt und Natt standen auf und brachten die Blumen und das Red-Bull-Paket zum Tisch. Gleichzeitig schlich Jana sich hinter ihre Mutter und hielt ihr vorsichtig die Augen zu.
Lara stellte das große Geschenkpaket vor Elise ab.
„Okay“, sagte Jana grinsend, „jetzt darfst du schauen.“
Noch bevor Elise überhaupt richtig verstand, was gerade geschah, drückte Jana ihr eine Karte in die Hände.
Die Vorderseite war voller kleiner Herzen, Zeichnungen und schiefer Schriftzüge.
Langsam begann Elise zu lesen.
Liebe Mama, Mami und MamaBär (rawrr),
heute ist ein ganz besonderer Tag — ein Tag für Mütter wie dich.
Heute wollten wir dir zeigen, wie dankbar wir dir sind und wie sehr wir dich lieben, auch wenn wir das vielleicht nicht immer gut zeigen können.
Wir möchten uns für alle Streitereien, für unsere Frechheiten, das Schreien und für alles entschuldigen, was dich traurig gemacht hat oder traurig machen könnte.
Wir alle wissen, wie sehr du uns liebst und wie viel du für uns getan hast.
Denn du warst diejenige, die uns von den kalten Novemberstraßen gerettet hat.
Der nächste Satz war in der krakeligen Schrift der Zwillinge geschrieben:
„…und du warst diejenige, die uns eine zweite Chance gegeben hat.“
Weiter unten stand ein Satz in Janas kleiner, ordentlicher Handschrift:
„…und du hast mich keinen einzigen Tag die Abwesenheit meiner Mutter spüren lassen.“
Du hast uns gezeigt, dass Liebe nicht unbedingt etwas mit Blut zu tun haben muss und dass ein Zuhause wirklich existiert.
Danke für alles, Suppi-Mami.
Du bist ein Kämpfer, ein Heiler, eine Lehrerin und vor allem unsere Mutter.
Wir lieben dich von ganzem Herzen. <3
Noch bevor Elise die Karte zu Ende gelesen hatte, verschwammen die Wörter vor ihren tränengefüllten Augen.
Als sie den letzten Satz las, brach sie endgültig in Tränen aus.
Sie zog ihre Kinder fest an sich, küsste ihre Stirnen und Köpfe immer wieder und konnte wegen ihrer Tränen kaum noch richtig sehen.
Für Elise fühlte sich dieses Geschenk wertvoller an als alles andere auf der Welt.
Mit zitternder Stimme bedankte sie sich immer wieder bei ihren Kindern und sagte ihnen, wie dankbar sie war, dass sie in ihr Leben gekommen waren.
Denn in Wahrheit waren sie nicht alle blutsverwandt.
Lara war erst zehn Jahre alt gewesen, als Elise sie im kalten November auf der Straße um Essen bitten gesehen hatte.
Matt und Natt waren gerade einmal acht gewesen, als sie nach schwierigen Familienverhältnissen ins Kinderheim gebracht worden waren.
Jana war die Tochter von Elises verstorbener Schwester und hatte nach deren Tod bei ihrer Tante ein neues Zuhause gefunden.
Und Yves war das einzige leibliche Kind von Elise, geboren aus einer Beziehung, die am Ende zerbrochen war.
Doch trotz allem waren sie eine Familie.
Denn Familie entstand nicht nur durch Blut.
Sondern durch Liebe.
Kommentare