In den Sommerferien verändert sich unser Zeitgefühl. Oder zumindest unser Umgang mit der Zeit. Ich bemerke es zum ersten Mal an einem Badetag. Wir sitzen schon seit einer Weile am See, als jemand vorschlägt, noch schnell zwei Paar Snacks zu kaufen. „Schnell“ ist dabei eigentlich völlig übertrieben. Wir stehen auf, suchen unsere Schuhe, diskutieren darüber, wer das Geld hat, und bleiben zwischendurch noch stehen, weil jemand eine Libelle entdeckt. Normalerweise würde ich irgendwann sagen: „Jetzt kommt endlich, wir haben nicht so lange Zeit.“ Diesmal sage ich aber nichts.
An der Kassa stehen schließlich fünf Menschen vor uns. Hinter uns werden es immer mehr. Jemand seufzt. Ein anderer schaut auf die Uhr. Aber niemand wirkt wirklich gestresst. Die Schlange bewegt sich im Schneckentempo vorwärts. Eine Frau überlegt minutenlang zwischen zwei Eissorten. Ein Kind bekommt sein Eis, lässt es fallen und bekommt ein neues. Komisch, niemand ruft: „Dafür haben wir jetzt keine Zeit!“
Und plötzlich schießt es mir ein. Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Ferien und Alltag? Nicht, dass wir mehr Zeit haben. Sondern dass wir nicht ständig das Gefühl haben, sie verlieren zu können.
Die Hektik im Alltag
Im Alltag ist Zeit oft etwas, das man einteilt, zumindest mache ich das oft so. Fünf Minuten bis zum Bus. Zehn Minuten für ein hastiges Frühstück. Eine Stunde für Hausaufgaben. Abends noch schnell duschen, schnell etwas essen, schnell Nachrichten beantworten und allen zurücksnappen auf Snapchat. Selbst freie Zeit fühlt sich für mich manchmal an wie ein Termin, den ich möglichst effizient nutzen muss.
In den Ferien passiert dann etwas Merkwürdiges. Man wacht auf und weiß vielleicht nicht genau, welcher Wochentag ist. Man geht zum See, um zu baden, ohne festzulegen, wie lange man bleibt. Man öffnet ein Buch und liest nur eine Seite oder, ganz im Gegenteil, hundert. Man sitzt draußen in der Sonne und macht eigentlich nichts. Und irgendwann merkt man, dass dieses „Nichts“ überraschend viel Zeit gebraucht hat.
Ferien machen langsamer
Vielleicht ist das die eigentliche Beobachtung: In den Ferien werden Menschen langsamer, obwohl die Zeit nicht langsamer vergeht. Ich sehe es auch an anderen Dingen bzw. in anderen Situationen. Menschen gehen barfuß über den Asphalt, obwohl der Boden brennend heiß ist. Sie bleiben stehen, um den Sonnenuntergang in der Ferne zu fotografieren, obwohl die Sonne doch jeden Tag untergeht. Sie kaufen sich ein Eis, obwohl sie gerade erst gegessen haben. Sie liegen auf einer Decke und schauen minutenlang in den Himmel, solange sie davor nicht schon Kopfschmerzen von der Helligkeit bekommen. Sie sitzen am Abend draußen und hören den Grillen beim Zirpen zu, während sie von Gelsen zerstochen werden. Im Alltag würden viele dieser Dinge wahrscheinlich als die reinste Zeitverschwendung gelten.
Nichts tun hat auch einen Zweck
Vielleicht brauchen wir deshalb Ferien. Nicht nur, weil Schule oder Arbeit anstrengend sind, sondern vielleicht brauchen wir sie auch, weil wir uns daran erinnern müssen, dass nicht jede Minute einen Zweck erfüllen muss. Dass man nicht immer produktiv sein muss. Und dass ein Nachmittag, an dem nichts Besonderes oder Produktives passiert, trotzdem ein guter Nachmittag sein kann.
Am Ende des Tages liegen wir noch immer am See. Die Sonne ist fast verschwunden, das Wasser wird langsam kälter und die Snacks sind auch schon längst gegessen. Jemand fragt, ob wir jetzt gehen. Niemand antwortet sofort. Und für ein paar Sekunden, dann Minuten passiert gar nichts. Eigentlich ist das vielleicht die schönste Beobachtung von allen, finde ich.
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