Ich gehe mit Lisa ins Wasser vor Barcelona. Beim ersten Schritt wirkt das Mittelmeer eigentlich kalt. Nach ein paar Minuten denke ich trotzdem an frühere Urlaube und habe das Gefühl, das Wasser damals kälter erlebt zu haben. Wir schwimmen, gehen wieder an den Strand und der Gedanke ist bald weg.
Heute wirkt diese kleine Erinnerung anders. Am 22. August erreichte die durchschnittliche Meeresoberflächentemperatur zwischen 60 Grad Süd und 60 Grad Nord 21,1 Grad. Der bisherige Tagesrekord aus März 2024 lag bei 21,09 Grad. Ein Hundertstel Grad Unterschied klingt winzig. Hier geht es jedoch um einen Mittelwert über fast alle Weltmeere außerhalb der Polarregionen und nicht um einen einzelnen Strand.
Ein Rekord, den wir beim Baden kaum erkennen können
Mein Eindruck aus Barcelona widerspricht dem Rekord nicht. Wie warm wir Wasser empfinden, hängt von Lufttemperatur, Wind, Strömungen und unserem eigenen Körper ab. Auch innerhalb des Mittelmeers schwankt die Temperatur je nach Küste und Tag. Ein globaler Mittelwert sagt deshalb wenig darüber aus, wie sich ein einzelner Sprung ins Wasser anfühlt. Er zeigt dafür, wie viel Wärme sich über riesige Meeresflächen verteilt. Für uns ist das wichtig, weil ein Ozeanrekord viel größer ist als ein besonders warmer Badetag.
21,1 Grad zu einer ungewöhnlichen Jahreszeit
Normalerweise erreicht die globale Meeresoberflächentemperatur ihren jährlichen Höchststand im März oder April, nach dem Sommer auf der Südhalbkugel. 2026 fiel der neue Rekord in den August. Copernicus nennt zwei zentrale Gründe. Im tropischen Pazifik entwickelt sich El Niño, ein natürliches Klimaphänomen mit ungewöhnlich warmem Wasser, das Wetter und Temperaturen weltweit beeinflussen kann. Gleichzeitig trifft El Niño auf einen Ozean, der sich durch den menschengemachten Klimawandel seit Jahrzehnten erwärmt. Samantha Burgess vom Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage warnt: „Dieser Rekord ist ein weiteres klares Signal für einen Ozean unter wachsendem Stress.“
Das Mittelmeer war im Juli so warm wie nie zuvor
Für meinen Urlaub mit Lisa ist vor allem der Blick auf das Mittelmeer spannend. Im Juli lag seine durchschnittliche Oberflächentemperatur bei rund 27,1 Grad, dem höchsten Juliwert der Messreihe seit 1982. Laut Mercator Ocean waren 79 Prozent des Mittelmeers im Juli zumindest an einem Tag von einer starken oder noch intensiveren marinen Hitzewelle betroffen.
Eine marine Hitzewelle ist eine Phase, in der das Meer für die jeweilige Region und Jahreszeit ungewöhnlich warm bleibt. Besonders betroffen war der westliche Teil des Mittelmeers, also auch die Region rund um die spanische Küste. Eine aktuelle Analyse von World Weather Attribution kommt für die extreme Wärme in europäischen Meeren zu dem Ergebnis, der menschengemachte Klimawandel habe die Temperaturen im Mittelmeer um rund zwei Grad erhöht.
Wenn ein warmes Meer für Tiere zum Problem wird
Für uns kann warmes Wasser im Urlaub angenehm wirken. Unter der Oberfläche sieht es anders aus. Länger anhaltende Hitze belastet etwa die Posidoniawiesen im Mittelmeer. Diese großen Seegraswiesen bieten Fischen Schutz und Kinderstube, speichern Kohlenstoff und stabilisieren den Meeresboden. Hohe Temperaturen können Wachstum und Widerstandskraft schwächen. Auch andere Arten verändern ihre Verbreitung oder geraten bei langen Hitzephasen an ihre Belastungsgrenze. Copernicus berichtet, die Zahl der Tage mit marinen Hitzewellen habe sich weltweit seit den frühen 1990er Jahren über verdreifacht.
Die Wärme bleibt nicht nur im Wasser
Ozeane haben über Jahrzehnte rund 90 Prozent der zusätzlichen Wärme im Klimasystem aufgenommen. Dadurch erwärmen sie sich langsamer als Land, speichern aber enorme Energiemengen. An Küsten kann sehr warmes Wasser die Abkühlung in der Nacht bremsen und die Luft feuchter machen. Wer am Mittelmeer Urlaub macht, kann die Folgen also auch Stunden nach dem Strandbesuch spüren. Warmes Meerwasser kann Wetterlagen zusätzlich mit Feuchtigkeit und Energie versorgen, sofern die passenden Bedingungen in der Atmosphäre zusammenkommen. Ein warmer Ozean verursacht damit nicht jeden Sturm, verändert aber die Ausgangslage, in der Wetter entsteht.
Warum uns dieser Rekord etwas angeht
Für Jugendliche klingt eine globale Durchschnittstemperatur von 21,1 Grad zuerst weit weg. Unsere Verbindung dazu liegt oft am Strand. Wir reisen nach Spanien, Italien, Kroatien oder Griechenland, gehen schwimmen und erleben Küsten als Orte für Urlaub und Freizeit. Gleichzeitig leben dort Menschen von Fischerei, Tourismus und funktionierenden Meeresökosystemen. Wenn marine Hitzewellen häufiger und länger werden, verändern sich diese Orte mit. Unser nächster Sommerurlaub fällt deswegen nicht automatisch aus. Die Entwicklung kann aber beeinflussen, welche Arten wir im Wasser sehen, wie heiß Küstennächte werden und wie widerstandsfähig das Meer rund um unsere Urlaubsorte bleibt.
Wieder vor Barcelona im Wasser
Wenn ich an Barcelona zurückdenke, sehe ich keine Klimakurve. Ich sehe Lisa neben mir und das Meer vor uns. Das Wasser fühlte sich an diesem Tag eher kühl an, nur eben weniger kühl, als ich es in Erinnerung hatte. Aus diesem Gefühl lässt sich kein Klimarekord ableiten. Der Rekord gibt meinem kleinen Eindruck dafür einen größeren Zusammenhang.
Beim nächsten Sprung ins Mittelmeer werde ich vermutlich wieder zuerst überlegen, ob mir das Wasser kalt vorkommt. Nur weiß ich jetzt, wie wenig dieser eine Moment über den Zustand des ganzen Meeres erzählt. Unter der Oberfläche kann ein Ozean Wärme speichern, lange bevor wir sie beim ersten Schritt ins Wasser überhaupt bemerken.
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