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Das Hitler-Haus: Propaganda, Pilgerstätte, Polizeistation

Mythen, Fakten und Pläne zum Geburtshaus von Adolf Hitler. Plus: eine Straßenumfragen zum Thema und die Expertenmeinung von Florian Kotanko.

Neonazis reisen an, weil für sie Hitlers Geburtshaus eine Pilgerstätte ist. Es steht für den schwierigen Umgang mit Geschichte. (Foto: Gabriel Seidl)

Salzburger Vorstadt 15. So lautet die Adresse eines unscheinbaren Hauses in Braunau am Inn. Hier wurde am 20. April 1889 Adolf Hitler, der Diktator des Dritten Reiches, geboren. Bücherei, Schule, Lebenshilfe, ungewollte Neonazi-Pilgerstätte und nun die Umwandlung in eine Polizeistation: Das historische Gebäude hatte viele Funktionen und eine bewegte Geschichte. 

„Für Frieden, Freiheit und Demokratie. Nie wieder Faschismus, Millionen Tote mahnen.“ Diese Inschrift auf dem Mahnstein vor dem Gebäude macht deutlich, welche schreckliche Zeit und welcher Mensch dahinterstehen.

Ich befinde mich vor dem sogenannten Hitler-Haus in Braunau am Inn. So wie ich früher gehen viele Menschen an dem schlichten, grauen Haus vorbei, ohne ihm besondere Beachtung zu schenken. Manche lesen die Mahnworte und gedenken der Toten. Einige rechtsextreme Sympathisanten reisen hunderte Kilometer an, um Fotos vor ihrer Pilgerstätte zu schießen.

Die Adresse Salzburger Vorstadt 15 ist eine der bekanntesten und umstrittensten Orte Österreichs und sorgt seit Jahren für politische Diskussionen, insbesondere hinsichtlich der künftigen Nutzung. Um mehr über den geschichtlichen Wandel des Gebäudes zu erfahren, haben wir Florian Kotanko, Obmann des Vereins für Zeitgeschichte in Braunau und Experte für die Geschichte des Hauses, interviewt. 

Die ursprüngliche Nutzung

Heute verbinden viele Menschen das Gebäude ausschließlich mit Adolf Hitler. Dabei hatte das Haus lange davor eine völlig andere Bedeutung. Bereits seit dem 18. Jahrhundert wurde es als Gasthaus genutzt. Reisende kehrten dort ein, Pferde wurden im Stall hinter dem Haus untergebracht, Waren gelagert und Bier gebraut. In den oberen Stockwerken befanden sich Mietwohnungen. Das Gebäude war somit ein lebendiger Ort des Alltags mitten in Braunau. 

Wenn man heute vor dem Haus steht, ist von dieser früheren Atmosphäre kaum noch etwas spürbar. Stattdessen dominiert die historische Belastung des Ortes die Wahrnehmung. 

Ein entscheidender Wendepunkt kam 1938. Das Gebäude wurde von Martin Bormann, einem engen Vertrauten Hitlers und hochrangigen NSDAP-Funktionär, übernommen – vermutlich nicht freiwillig vonseiten der damaligen Eigentümer. Während der NS-Zeit wurde das Haus für propagandistische Zwecke genutzt. Im Erdgeschoss entstand eine Bücherei, in den oberen Stockwerken wurden Ausstellungen über Adolf Hitler eingerichtet. Der Ort entwickelte sich zunehmend zu einem Symbol nationalsozialistischer Inszenierung. 

Die Nutzung nach dem Zweiten Weltkrieg: 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellte sich die Frage, wie mit dem Gebäude umgegangen werden sollte. Da das Haus im Zusammenhang mit der NSDAP stand, ging es zunächst in staatlichen Besitz über. Später erhielt die Familie Pommer das Gebäude zurück, musste dafür jedoch eine hohe Summe von 150.000 Schilling bezahlen. 

In den folgenden Jahrzehnten änderte sich die Nutzung des Hauses immer wieder. Es diente unter anderem als Bücherei, als Schule, später als Bank und schließlich als Einrichtung der Lebenshilfe, die das Gebäude von 1977 bis 2011 nutzte. 

Gerade dieser Teil der Geschichte wird oft vergessen. Denn, obwohl das Haus über Jahrzehnte hinweg ein gewöhnliches Gebäude des öffentlichen Lebens war, blieb sein Name stets präsent. 

Gerüchte, Halbwissen und ,,Dark-Tourism”

Vor dem Gebäude bleiben immer wieder Touristinnen und Touristen stehen. Manche fotografieren die Fassade, andere suchen gezielt nach historischen Informationen. Genau dadurch entsteht ein Spannungsfeld zwischen Erinnerungskultur, Sensationsinteresse und sogenanntem „Dark Tourism“. 

Bis heute wird das Geburtshaus Hitlers auch von Neonazis, selten aber dennoch als symbolischer Ort aufgesucht. Gleichzeitig kursieren zahlreiche Falschinformationen rund um Adolf Hitler und die Geschichte des Hauses. 

Im Rahmen der Recherche befragten wir Passanten zu Hitler und seinem Geburtshaus. Einige Aussagen zeigten deutlich, wie gefährlich Halbwissen sein kann. Ein Mann leugnete den Holocaust mit dem Hinweis, dass es „in Afrika ja auch Genozide gibt“. Ein anderer behauptete, Hitler sei „nicht so schlimm gewesen“, da Napoleon angeblich noch mehr Menschen getötet habe. 

Experte Kotanko widerspricht solchen Aussagen klar und bezeichnet sie als „völligen Blödsinn“. Gerade deshalb sei es wichtig, historische Fakten deutlich von persönlichen Meinungen oder Gerüchten zu trennen. 

Die Zeit nach 2011 

Nach dem Auszug der Lebenshilfe im Jahr 2011 stand das Gebäude lange leer. Die damalige Eigentümerin wollte weder renovieren noch verkaufen. Die Diskussionen rund um die Zukunft des Hauses wurden zunehmend politisch geführt. 

2016 entschied sich der Staat schließlich zur Enteignung, nachdem keine Einigung erzielt werden konnte. Heute liegt die Verwaltung beim Innenministerium. Das Gebäude wird künftig als Polizeistation genutzt werden. 

Auch diese Entscheidung wird kontrovers diskutiert. Manche sehen darin einen Versuch, dem Ort eine klare und neutrale Funktion zu geben. Andere kritisieren, dass dabei die historische Einordnung zu kurz komme. 

Experte Kotanko sagt dazu: „Meiner Meinung nach ist es zu wenig. Ich habe nichts gegen die Nutzung als Polizeistation, jedoch hätte es mindestens eine kleine Information geben müssen, um einen gewissen Wiedererkennungswert zu gewährleisten.“ 

Das sogenannte „Hitler-Haus“ ist heute weit mehr als nur ein Gebäude. Es steht für den schwierigen Umgang mit Geschichte, für Erinnerungskultur und für die Frage, wie eine Gesellschaft mit historisch belasteten Orten umgehen soll. Gerade deshalb ist es wichtig, sich differenziert mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen – und den Ort nicht nur auf seinen Namen zu reduzieren. 

Wir bedanken uns bei Florian Kotanko für die ausführlichen Informationen und das Interview. 

 



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