„Ein Räuber nimmt sich alles ohne Prinzipien und mit blinder Verachtung. Nur wir, die wir uns wohlwollend hinter Tugend verstecken, nennen es einen fairen Tausch.“
Mein Leben lang schon und so weit die Erzählungen der Alten zurückreichen, stand das Haus einsam auf dem Hügel. Es ragte zwischen den Bäumen des Waldes empor, mit seinen schwarzen Wänden. Das Haus, das jeden Winter überstand. Denn solange die Erinnerungen reichten, war auch das Haus da.
Ich selbst war damals noch ein Knabe, als sich die übrigen Buben versammelten. Gebeugt über den Schein der Kerze, tuschelten wir wie Verschwörer und sprachen einzig und allein von der Mutprobe, die jeder kannte: uns des Nachts davonzumachen, gemeinsam das Haus zu erklimmen und dort bis zum Sonnenaufgang zu verweilen.
Einige, daran erinnere ich mich gut, zweifelten, weigerten sich oder hatten schlichtweg Angst, was wir damals als Knaben verlachten und als feige abtaten. Verstärkt wurde diese Furcht durch die alten Geschichten, die wir mit unvorstellbarer Neugier jedes Mal aufs Neue hören wollten. Jene Geschichten, die sich die Erwachsenen nur des Nachts, hinter verschlossenen Türen und mit vorgehaltener Hand erzählten. Wie eine verbotene Zauberformel, ein verbotenes Wissen.
Es mag ein bizarrer Zufall gewesen sein, dass ich in jener Nacht, in der wir uns trafen, genau eine solche Geschichte belauschte. Sie war wie eine verlockende Musik, die mich in ihren Bann zog, meine Neugier ins Unermessliche trieb und mich schließlich zu einer halb offenen Tür führte. Es war eine jener Geschichten, die schon von Tausenden Dichtern umgedichtet und von noch mehr Erzählern verändert worden war.
Alles begann mit den Gründerfamilien der Stadt, die sich vor langer Zeit hier niederließen und Land kauften. Unter ihnen wuchs das Land zu einer Stadt heran. Haus um Haus errichteten die Gründer aus Stein und Holz.
Die Gründer aber verachteten die Männer, die bereits dort lebten – für ihre Ungepflegtheit, für ihre Wildheit und ihre Sittenlosigkeit. Besonders des Nachts, während die Männer ihre heidnischen Rituale durchführten, fremdartige Rufe durch den Wald hallten und schattenhafte Gestalten zwischen den Bäumen tanzten, zogen sich die Gründer in ihre Häuser zurück.
Das Haus auf dem Hügel jedoch sollte ein Zeichen des Sieges über alles Barbarische sein, ein Zeichen jener Zivilisation, die die neuen Besitzer des Landes gebracht hatten.
Als das Haus vollendet und von Bäumen umgeben war, wandte sich einer der Fremden an die Gründerväter. Er sprach in einer fremden Sprache. Seine dürre Hand zeigte drohend auf sie. Er hob die mageren Finger erst über das Land und dann auf die Männer. Doch jene Siedler verlachten den alten Priester und vertrieben die schwarzen Männer, wie schon etliche Male zuvor, von ihrem Land.
Ich lehnte mich ganz nah an die Tür, um jedes Wort zu verstehen. Als sie anfingen, über etwas anderes zu reden, wandte ich mich ab, schlich Schritt für Schritt Richtung Hintertür, öffnete sie und entschwand in die dunkle Nacht.
Die kalte Sommerluft wehte mir ins Gesicht. Mein Blick löste sich vom Haus und glitt über die schwarze Landschaft aus Feldern und Wiesen. Hoch oben schenkte allein der Mond Licht, der wie ein Auge am Himmel stand und über das Land wachte.
Mit jedem Schritt wurde das Haus kleiner.
Plötzlich raschelte es im Gebüsch.
Ich schreckte auf. Mein ganzer Körper verspannte sich augenblicklich. Ich dachte damals an die Männer, von denen es hieß, sie würden Kinder rauben.
Doch im nächsten Moment erkannte ich die Silhouetten meiner Freunde. Erleichterung stieg in mir auf. Als sie mir ihre mit Essen gefüllten Säcke zeigten, lachten wir, und ich schloss mich ihnen an.
Wir gingen weiter durch die Felder und Wiesen. Ab und zu durchbrachen wir die Stille mit einem Wort. Die Stille hatte sich wie ein Schleier über uns gelegt, und wir versuchten, sie mit allen Mitteln zu durchbrechen.
Wir dachten alle an die Geschichten. Die Geschichten, die Eltern ihren Kindern erzählten. Von den schwarzen Wilden, die kommen würden, wenn sie unartig waren.
Wir wussten, dass es Märchen waren. Trotzdem erfüllte uns eine Angst, die mit jedem Schritt größer wurde. Je weiter wir gingen, desto undurchdringlicher schien die Nacht, und desto stärker wurde der Wunsch, umzukehren.
Wir würden einfach sagen, wir wären dort gewesen. Dort beim Schwarzen Haus.
Doch aus Mut – oder um nicht feige zu sein – gingen wir weiter.
Der Fußmarsch endete, als wir in den Wald kamen. Die Bäume schienen uns zu beobachten. Schattenhafte Silhouetten bewegten sich in der Nacht, während die Äste sich wie alte, knochige Finger nach uns ausstreckten. Wir glaubten, unsere eigenen Stimmen überall zu hören, wie sie leise in den Wald flüsterten.
Als wir schließlich aufatmeten, sahen wir die Umrisse des Hügels, die vom Mond erhellt wurden.
Wir überwanden die letzten Meter, bis eine alte Tür vor uns stand. In die Balken waren alte Symbole eingeritzt. Unsere Kehlen wurden trocken, als wir leise besprachen, wie wir weitermachen sollten.
Ich hoffte damals, dass das Tor verschlossen war. Dass wir umkehren konnten. Nach Hause.
Mein ganzer Körper verkrampfte sich. Ich starrte die Tür an, und sie erschien mir wie ein schwarzes Tor, das mit Zauberzeichen versiegelt worden war, um niemanden in seine Gruft einzulassen.
Zögerlich ergriff eine Hand den bronzenen Knauf. Mit einem letzten Blick auf meine Freunde drückte ich ihn hinunter.
Die Tür gab nach.
Vorsichtig schritten wir nach innen, während das Knarzen der Holzdielen unnatürlich widerhallte. Unsere Augen versuchten, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, während wir uns orientierten.
Der Raum selbst war schlicht. Es gab einen Holzstuhl, eine alte Urkunde über dem Kamin und ein Fenster.
Wir flüsterten, während wir unseren Plan besprachen, wie wir die Nacht verbringen sollten. Als der Letzte durch die Türschwelle trat, schloss sich die Tür hinter uns.
Die Dunkelheit umschloss uns nun vollkommen.
Wären da nicht die Worte unserer Freunde gewesen, wären wir wohl schnell wieder umgekehrt. Doch mit der Zeit begann die Angst zu weichen. Wir fingen an, Witze zu machen und über unsere Träume und unsere Zukunft zu sprechen.
Der Erste schnappte sich einen Stuhl, sprang darauf und begann stolz, gleich einem General, zu erzählen, dass er Bürgermeister, nein, Kanzler werden würde.
Der Nächste ergriff den Stuhl, zerrte ihn zu sich und warf ein, dass er Banker werden würde – so reich, dass er das gesamte Land kaufen könnte.
Dann kam ein Dritter, dann ein Vierter.
Politiker, Banker, Polizist, Unternehmer …
Sie alle erzählten, was sie sich für ihr Leben vorstellten. Wir lachten für einen Moment, und die Finsternis wich.
Am Ende blieben nur unsere Geschichten und der Mond, der durch das Fenster auf uns herabsah.
Das Lachen und Kichern verstummte, als ich selbst auf den Stuhl stieg und alle auf mich warteten.
Doch dann hörte ich ein dumpfes Geräusch.
Ich blickte mich um. Meine Freunde schauten mich nur an.
Der Lärm nahm stetig an Stärke zu.
Jetzt erkannte ich es.
Trommeln.
Unheimliche, wilde Trommeln, die unaufhörlich weiterspielten.
Ich blickte zu meinen Freunden, die noch immer warteten. Ich versuchte, etwas zu sagen. Dann schrie ich, doch ich wurde von den Trommeln übertönt.
Je lauter ich schrie, desto heftiger wurde das Geräusch.
Es verwandelte sich in den heftigen Galopp etlicher Pferde.
Ich versuchte zu rennen. Versuchte, einen meiner Freunde zu packen.
Doch die Holzdielen waren zu einer zähen Masse geworden, in der jeder Schritt versank. Die Stimmen der anderen wurden dumpfer. Sie klangen weit entfernt, wie aus einem langen, endlosen Korridor.
Dann kam die Finsternis wieder.
Der heftige Galopp der Pferde schwoll zu dem unaufhörlichen Donner von Artillerie an, während schreiende Chöre einsetzten. Fast wie eine fremdartige Melodie spielte es sich um mich herum ab.
Getrieben von Hass und Verbitterung fiel alles über mich her.
So klingt es auch jetzt.
In dem feuchten Graben, in den ich mich gelehnt habe, steigt der Rauch der letzten Zigarette langsam höher, während der Mond auf mich herabsieht.
Über mir fallen Schüsse. Dazu die Schreie der Menschen, deren Stimmen wie ein Chor widerhallen.
So wie damals durch die Tür wage ich einen kurzen Blick nach oben.
Ich sehe die Männer, deren Gestalten sich als schwarze Schatten gegen den Himmel abzeichnen.
Ich halte die Waffe, die neben mir liegt, fester.
Die Kugeln fliegen und klingen wie heftige Trommelschläge.
Sie sagten, es wäre Ruhm.
Sie sagten, ich solle an meine Liebsten denken, als sie mir das Gewehr in die Hand drückten.
Sie erzählten mir, genau wie die Erwachsenen damals, Geschichten über die bösen schwarzen Männer.
Dabei waren sie in ihrer Art und ihrem Aussehen genauso wie wir.
Sie hatten einen Kopf, in dem ein gesundes Gehirn lag. Eine Brust, in der sicherlich ein liebevolles Herz schlug. Gliedmaßen wie die unseren.
Mein Körper versteifte sich, als mein Blick ein letztes Mal über das blutige Schlachtfeld glitt. Über die Körper, die auf dem zerstörten Land lagen.
Die Männer standen uns gegenüber.
Und wir ihnen.
Ich dachte an die Urkunde im alten Haus.
Während die Trommeln weiter erklangen, fragte ich mich:
War es gerecht?
Würden die Trommeln jemals aufhören zu erklingen?
Dann setzte wieder die Dunkelheit ein.
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