15 Minuten nichts
16:42 Uhr.
Die Hausaufgaben sind noch nicht fertig, am Freitag schreibe ich eine Schularbeit und auf meinem Handy warten drei neue Nachrichten.
Eigentlich hätte ich also genug zu tun.
Trotzdem möchte ich gerade nichts davon machen.
Mein erster Gedanke: Handy nehmen, TikTok öffnen, ein bisschen scrollen. Nur fünf Minuten. Vielleicht zehn.
Stattdessen lege ich das Handy auf den Tisch. Ich stelle einen Timer auf 15 Minuten.
Kein TikTok. Keine Musik. Kein YouTube. Kein Chat. Nicht einmal ein Buch.
Einfach nichts.
Am Anfang ist das sogar ganz angenehm. Ich lehne mich zurück und schaue aus dem Fenster. Ein Bus fährt vorbei. Ich denke kurz an die Schularbeit. Dann an die Hausaufgaben. Und natürlich wieder an mein Handy.
Ich schaue auf die Uhr.
Drei Minuten.
Ernsthaft?
Ich versuche, nicht gleich wieder hinzusehen. Also starre ich weiter aus dem Fenster.
Ein Auto fährt vorbei. Jemand geht mit einem Hund über die Straße. Eigentlich passiert nichts Besonderes.
Und genau das fühlt sich plötzlich ungewohnt an.
Nach ein paar Minuten greife ich fast automatisch nach meinem Handy. Ich merke es erst, als meine Hand schon auf dem Tisch liegt.
Stopp.
Genau deshalb mache ich diesen Versuch.
Wie oft greife ich eigentlich zum Handy, nur weil gerade nichts passiert?
Warum greifen wir sofort zum Handy?
Diese Frage fällt mir auch in den nächsten Tagen immer wieder auf.
Im Bus, vor dem Unterricht, beim Warten auf Freunde oder wenn ich mit den Hausaufgaben fertig bin: Es gibt ständig kleine Momente, in denen eigentlich nichts passieren muss.
Früher waren solche Minuten einfach leer. Heute reicht ein Griff in die Tasche und schon gibt es etwas zu sehen.
Das Handy ist dabei nicht automatisch ein Problem. Ich schreibe meinen Freunden, höre Musik, informiere mich und unterhalte mich damit. Aber ich merke bei meinem Selbstversuch, wie schnell aus einer kurzen Pause wieder Bildschirmzeit wird.
Deshalb mache ich fünf Tage lang dasselbe: Jeden Nachmittag verbringe ich 15 Minuten ohne digitale Unterhaltung.
Ich darf sitzen, herumgehen oder aus dem Fenster schauen. Nur bewusst beschäftigen will ich mich mit nichts.
Schon am ersten Tag merke ich, wie oft ich mich ablenken möchte.
Nach ungefähr fünf Minuten denke ich darüber nach, mein Handy doch zu nehmen. Dann fällt mir ein, dass ich jemandem antworten wollte. Danach denke ich an die Schule. Dann wieder ans Handy.
Langeweile fühlt sich zunächst weniger nach Erholung und mehr nach Warten an.
Der zweite Tag fühlt sich anders an
Am nächsten Tag gehe ich für die 15 Minuten nach draußen und setze mich auf eine Bank.
Menschen gehen vorbei. Autos fahren auf der Straße. Irgendwo bellt ein Hund.
Ich schaue einfach ein bisschen herum.
Diesmal vergeht die Zeit etwas schneller. Vielleicht liegt es daran, dass draußen mehr passiert. Vielleicht achte ich aber auch einfach mehr darauf.
Nach einer Weile denke ich über das Wochenende nach. Dann fällt mir eine Idee ein, die ich schon länger habe.
Ich frage mich kurz: Ist das jetzt Kreativität?
Ganz so einfach ist es laut Forschung nicht.
Eine 2024 veröffentlichte Übersichtsarbeit untersuchte 27 Studien zum Zusammenhang zwischen Langeweile und Kreativität im Bildungsbereich. Einige Studien fanden einen positiven Zusammenhang, andere einen negativen oder gar keinen eindeutigen Zusammenhang. Die Forschenden konnten deshalb nicht feststellen, dass Langeweile automatisch kreativer macht.
Das finde ich eigentlich ganz beruhigend.
Denn manchmal wird Langeweile so dargestellt, als müsste aus ihr zwangsläufig eine geniale Idee entstehen. Man sitzt herum, hat nichts zu tun und plötzlich ist man kreativ.
Bei mir funktioniert das jedenfalls nicht so spektakulär.
Manchmal denke ich über interessante Dinge nach. Manchmal denke ich einfach an gar nichts Besonderes.
Fünfzehn Minuten können ziemlich lang sein
Am dritten Tag fällt mir die Pause schon leichter.
Vor allem schaue ich nicht mehr ständig auf die Uhr.
Ich merke aber auch: Es macht einen Unterschied, wie mein Tag vorher war.
Nach einem anstrengenden Schultag möchte ich manchmal einfach ein Video schauen. Wenn ich viel gelernt habe, fühlt sich das nicht unbedingt wie etwas Schlechtes an. Manchmal möchte ich mich einfach kurz ablenken.
Deshalb wäre es auch ziemlich unfair, aus fünf Tagen eine allgemeine Regel für alle Jugendlichen zu machen.
Die Forschung zu Langeweile und Kreativität ist selbst nicht eindeutig. Außerdem untersuchen die vorhandenen Studien unterschiedliche Situationen und Methoden. Ein kurzer Selbstversuch kann diese wissenschaftlichen Fragen nicht beantworten.
Er kann aber zeigen, wie sich so eine Pause für eine einzelne Person anfühlt.
Was passiert, wenn wirklich nichts passiert?
Am vierten Tag passiert etwas, das ich vorher nicht erwartet habe.
Während der Pause kommt mir eine Idee für einen Text.
Ich merke sie mir und schreibe sie erst danach auf.
War die Idee wegen der Langeweile da?
Keine Ahnung.
Vielleicht wäre sie mir auch mit Musik gekommen. Vielleicht beim Spazierengehen. Vielleicht hätte ich sie sowieso gehabt.
Genau deshalb möchte ich meinen fünf Tagen auch nicht mehr Bedeutung geben, als sie haben.
Am fünften Tag sind meine Erwartungen ziemlich niedrig.
Ich setze mich hin und warte.
Nach ein paar Minuten wird mir langweilig. Dann denke ich über die Schule nach. Danach über das Wochenende.
Irgendwann fällt mir auf, dass ich schon länger nicht mehr darüber nachgedacht habe, wie viel Zeit eigentlich vergangen ist.
Ich schaue auf den Timer.
Noch ein paar Minuten.
Diesmal stören sie mich weniger.
Als der Timer klingelt, nehme ich mein Handy.
Es fühlt sich nicht besonders aufregend an. Ich habe auch nicht das Gefühl, fünf Tage lang etwas völlig Neues gelernt zu haben.
Aber eine Sache fällt mir auf:
Mein Griff zum Handy passiert oft, bevor ich überhaupt darüber nachdenke.
Die leere Minute
Vielleicht ist genau das das Interessante an diesem Versuch.
Langeweile ist kein Zaubertrick. Sie macht uns nicht automatisch kreativer, entspannter oder glücklicher.
Manchmal ist sie einfach langweilig.
Aber eine leere Minute muss auch kein Problem sein.
Wir müssen nicht jede Wartezeit nutzen. Nicht jede Pause muss produktiv sein. Und vielleicht muss auch nicht jede freie Minute mit neuen Informationen gefüllt werden.
Manchmal kann man einfach dasitzen und warten, bis der Bus kommt.
Mein Handy liegt danach wieder neben mir.
Ich werde deshalb nicht plötzlich auf Social Media verzichten. Und ich glaube auch nicht, dass 15 Minuten ohne Handy jeden Nachmittag mein Leben verändern werden.
Aber wenn ich jetzt auf mein Handy schaue, denke ich manchmal kurz darüber nach, ob ich es gerade wirklich nehmen will.
Oder ob gerade einfach nur nichts passiert.
Und vielleicht muss das für ein paar Minuten auch reichen.
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