Das Ende des Mobbings

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31.08.2025
4 Min.
Mädchen vor Schule
„Sieh dich um, da sind immer auch andere.“ Man muss sie nur erkennen. (Foto: Shutterstock)

„Sieh dich um, da sind immer auch andere.“ Das hatte ihr Großvater gesagt und ihr damit mehr Hoffnung gemacht als die Schulpsychologin, die immer nur mit ihr „darüber reden“ wollte. Dabei wusste Mahi gar nicht genau, was er gemeint hatte. Es war mehr die Art, wie er es gesagt hatte. Unaufgeregt. Mit einer Geste, die aus einem großen Problem ein kleines zu machen schien.

„Sieh dich um, da sind immer auch andere.“ Der Satz ging ihr durch den Kopf, als sie vor der Schule die Treppen hinunter zum Fahrradabstellplatz lief. Zuerst dachte sie, es wäre Einbildung, aber tatsächlich lag dort Anja am Boden, halb unter ihrem Rad, gegen das sie sich zu wehren schien wie gegen ein Tier. Eins von Anjas Knien war aufgeschlagen.

Es war seltsam für Mahi, Anja in Not zu sehen. Die Anja, über die sie schon so oft mit der Psychologin gesprochen hatte. Die einen Schatten über ihr Laben warf. Doch jetzt wirkte Anja verwirrt, verletzlich. Verletzt. Sie brauchte Hilfe, das war klar. Da zählte nichts anderes.

Während Mahi auf Anja zueilte, verstand sie, was geschehen sein musste. Anja war mit ihrem weißen Bubble-Maxi-Rock in die Fahrradkette geraten und gestürzt, als sie losfahren wollte. Mahi erinnerte sich, wie eilig es Anja gehabt hatte. Sie hatte die Deutschlehrerin gebeten, drei Minuten früher gehen zu dürfen und hier lag sie nun. „Keine Sorge“, sagte Mahi mit ihrer tiefen vibrierenden Stimme. „Das kriegen wir hin.“

Als sie sich zu Anja beugte, drängte sie jemand zur Seite. Es waren Alina und Duru, die auch zu Anjas mächtiger Clique gehörten. Sie schnaubten dabei unwirsch, ehe sie sich mit liebevollem Gesäusel über Anja beugten. Alina strich ihr die Haare aus der Stirn und Duru zerrte am Rock, um ihn aus der Kette zu kriegen, ohne sich die Hände schmutzig zu machen.

Mahi trat einen Schritt zurück und da war es wieder, dieses Gefühl, das sie in ihren Stunden mit der Schulpsychologin schon einige Male zu erklären versucht hatte. Sie schämte sich. Sie hatte sich in etwas einzumischen versucht, das sie nichts anging. Es fühlte sie sich an, als hätte sie sich aufgedrängt. Als wäre sie es gewesen, die Hilfe gebraucht und darum sogar gebettelt hatte, um zurückgewiesen zu werden. „Wer gemoppt wird, ist niemals selbst schuld, das müssen viele Opfer erst lernen“, hatte die Psychologin gesagt. Doch für Mahi war das immer abstrakt geblieben. Diese Scham kam nicht aus dem Kopf, sondern aus ihrem tiefsten Inneren.

Zwei, drei Schritte ging sie im Rückwärtsgang, um die inzwischen größer gewordene Gruppe um Anja mit weitem Bogen umgehen zu können. Dabei sah sie sich instinktiv um. Hatte sie jemand in ihrer Schmach beobachtet?

Da traf sich ihr Blick mit dem von Leni, die offenbar alles beobachtet hatte, und auf einmal wusste sie aus ihrem Tiefsten Inneren heraus, was ihr Großvater mit diesem Satz gemeint hatte. „Sieh dich um, da sind immer auch andere.“

Denn in Lenis Augen lag tiefes Verständnis. Wortlos wussten sie Beide … alles: Jemanden nicht helfen zu lassen, wenn Hilfe gefragt ist und er oder sie bereit dazu ist, das ist eine besonders perfide Art von Mobbing.

Dieses Einsicht teilten sie in dieser Sekunde und Mahi fragte sich, wo Leni, die in eine der Parallelklasse ging, immer gewesen war in diesem Geschehen, in dem es die Starken gab und Opfer wie sie. Sie mischte sich nie ein. Sie führte anscheinend ein Parallelleben. In den Pausen stand sie immer bei einigen Freunden, wenigen scheinbar, aber guten. War sie eine von den anderen, die ihr Großvater gemeint hatte?

„Wenigstens sind deine Hände sauber geblieben“, sagte Leni und lächelte, während sie ihr Rad aufschloss. Ihr neuerlicher Blickkontakt dauerte einen Sekundenbruchteil länger, als es nötig gewesen wäre, und währenddessen sah Mahi einen kurzen Film vor ihrem inneren Auge ablaufen. Er zeigte, wie sie in einer Pause vorsichtig aber doch zu der Gruppe mit Leni trat und sie war sicher, dass es in Ordnung sein würde. Als sie losfuhr, vergaß sie ganz, noch einmal zu Anja und ihren Freunden hinüberzusehen.

„Opa“, sagte sie daheim. „Wie hast du das eigentlich gemeint, du weißt schon, als wir über Mobbing geredet haben.“

Ihr Großvater war etwas zerstreut und wirkte manchmal etwas schusselig, aber das war er schon immer gewesen. „Du siehst heute zufrieden aus. Hat das mit mir zu tun?“ Er wirkte stolz. „Was habe ich denn gesagt?“

„Dass da immer auch andere sind.“

Jetzt lachte er. „Ach ja“, sagte er. „Ist es dir aufgefallen? Am Anfang wirken sie immer blass, als würden sie im Schatten stehen, aber dann gewinnen sie Farbe. Wenn deine Gedanken immer nur um deine Feinde kreisen, werden diese Feinde stärker. Wenn du dich mit denen befasst, die es gut mit dir meinen, verlieren deine Feinde ihre Macht. Altes äthiopisches Sprichwort.“

Das mit dem alten äthiopischen Sprichwort sagte er immer, wenn er etwas von sich gegeben hatte, das ihm bedeutsam erschien. Meistens nervte das Mahi ein bisschen, aber nicht dieses Mal. Sie freute sich auf einmal auf ihr nächstes Treffen mit der Schulpsychologin. Sie würde ihr diesen Satz schenken, der vielleicht auch vielen anderen Mädchen und Jungen in ihrer Situation helfen würde: Da sind immer auch andere.


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