„Welche Kopfhörer bekomme ich für 100 Euro?“ Für viele von uns landet so eine Frage längst nicht mehr zuerst bei Google. Wir schreiben sie in ChatGPT, nennen vielleicht noch unser Budget, unser Handy und wofür wir die Kopfhörer brauchen.
Seit vergangenen Montag kann unter der Antwort in Österreich etwas Neues erscheinen: Werbung. Das verändert für mich den Blick auf ChatGPT stärker als ein klassisches Werbebanner.
In einem Chat erzählen wir oft viel konkreter, was wir suchen. Wir planen Reisen, vergleichen Produkte, lassen uns bei Schulaufgaben helfen oder fragen nach Ideen für unseren Alltag. Eine Anzeige kann dadurch genau in einem Moment auftauchen, in dem wir bereits über eine Entscheidung nachdenken.
Werbung kommt jetzt auch nach Österreich
OpenAI hat ChatGPT Ads auf 31 europäische Märkte ausgeweitet. Österreich gehört dazu. Anzeigen können bei erwachsenen Nutzerinnen und Nutzern im kostenlosen Free Plan und im günstigeren Go Plan erscheinen.
Plus, Pro, Business, Enterprise und Edu bleiben werbefrei. Accounts, die Personen unter 18 zugeordnet werden, sollen ebenfalls keine Anzeigen sehen.
Die Werbung erscheint laut OpenAI unter einer ChatGPT Antwort. Sie wird als gesponsert gekennzeichnet und optisch vom eigentlichen Text getrennt.
Für viele Schülerinnen und Schüler dürfte sich deshalb vorerst wenig verändern. Wer 18 ist und den kostenlosen Tarif nutzt, kann die neue Funktion dagegen bereits betreffen.
Warum das für uns besonders interessant ist
KI Chatbots gehören inzwischen fest zum Alltag junger Menschen. Eine Studie von Saferinternet.at unter 500 österreichischen Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren zeigt: 94 Prozent nutzen KI Chatbots. 90 Prozent verwenden ChatGPT. 24 Prozent sogar täglich.
Barbara Buchegger von Saferinternet.at beschreibt KI Tools als „oft die erste Anlaufstelle für Jugendliche“.
Das macht Werbung in einem Chatbot besonders spannend. Auf Instagram sehen wir Werbung zwischen Fotos und Videos. Bei ChatGPT kommt sie während einer Unterhaltung, in der wir selbst ein Ziel formulieren.
OpenAI nennt dafür Beispiele wie Reiseplanung, Einkäufe, Software oder ein neues Hobby. Wer nach einem Hotel fragt, könnte also eine passende Reiseanzeige sehen. Wer Produkte vergleicht, möglicherweise Werbung aus diesem Bereich.
Liest ein Werbekunde dann meinen Chat?
Das dürfte für viele die wichtigste Frage sein. OpenAI erklärt ausdrücklich, Gespräche würden nicht an Werbekunden weitergegeben. Unternehmen erhalten keinen Zugriff auf Chats, Chatverläufe, gespeicherte Erinnerungen oder persönliche Daten. Auch Nutzerdaten sollen nicht an Werbekunden verkauft werden.
Trotzdem kann der Inhalt des aktuellen Gesprächs eine Rolle spielen. Das Werbesystem darf den Kontext und die Absicht eines Chats berücksichtigen, um eine passende Anzeige auszuwählen.
Das ist ein wichtiger Unterschied: Ein Unternehmen bekommt unseren Chat nicht zu sehen. ChatGPT selbst kann aber berücksichtigen, worüber wir gerade sprechen, wenn es entscheidet, welche Werbung zu unserem Gespräch passt.
In Europa startet das System außerdem ohne personalisierte Werbung auf Basis früherer Chats und Erinnerungen. Der aktuelle Gesprächskontext kann trotzdem für die Auswahl relevant sein.
Kann Geld die Antwort verändern?
Hier liegt wahrscheinlich die sensibelste Grenze. Wenn ich ChatGPT nach den besten Kopfhörern für mein Budget frage und darunter eine Anzeige eines Kopfhörerherstellers erscheint, möchte ich wissen, ob derselbe Hersteller auch die Antwort beeinflusst hat.
OpenAI sagt klar: Werbung und Antworten laufen getrennt. Unternehmen können nicht dafür bezahlen, in einer ChatGPT Antwort besser gereiht oder empfohlen zu werden. Eine Anzeige bedeutet laut OpenAI auch keine Empfehlung für das beworbene Produkt.
Interessant ist dabei ein Blick zurück. OpenAI Chef Sam Altman sagte 2024 in einem Gespräch mit Lex Fridman über Werbung: „I kind of hate ads.“ Er erklärte damals auch, ihm gefalle die Vorstellung, Nutzer könnten wissen, ihre Antworten würden nicht von Werbekunden beeinflusst.
Zwei Jahre später gibt es Werbung in ChatGPT. An diesem Grundsatz will OpenAI trotzdem festhalten.
Manche Gespräche bleiben werbefrei
Auch beim Inhalt zieht OpenAI Grenzen. Neben persönlichen Gesundheitsfragen, psychischer Gesundheit und politischen Themen sollen keine Anzeigen erscheinen.
Temporäre Chats bleiben ebenfalls werbefrei.
Für Minderjährige gilt eine weitere Grenze. OpenAI nutzt Altersinformationen und weitere Signale, um Accounts unter 18 zu erkennen. Diese Accounts sollen keine Werbung bekommen.
Gerade für Campus A ist dieser Punkt wichtig. Viele von uns nutzen ChatGPT bereits regelmäßig, gehören aber noch nicht zu der Gruppe, die Anzeigen sehen soll.
Kostenlos ohne Werbung geht weiterhin
Wer im Free Plan keine Werbung möchte, bekommt laut OpenAI noch eine weitere Möglichkeit. Der kostenlose Tarif kann auf eine werbefreie Variante umgestellt werden.
Der Preis dafür ist weniger Nutzung. Die Zahl möglicher Nachrichten sinkt und bestimmte Funktionen wie Bilderstellung oder umfangreiche Recherche können eingeschränkt sein.
Damit entsteht eine neue Entscheidung: kostenlos mit Werbung und größeren Nutzungsmöglichkeiten oder kostenlos ohne Werbung mit stärkeren Limits. Wer Plus oder Pro bezahlt, bekommt weiterhin keine Anzeigen.
Aus einer Frage wird ein Werbeplatz
Ich denke wieder an die Kopfhörerfrage vom Anfang. Bisher bestand der Moment aus meiner Frage und einer Antwort. Jetzt kann für erwachsene Nutzer im kostenlosen Tarif noch eine dritte Ebene dazukommen: Ein Unternehmen möchte in diesem Augenblick ebenfalls meine Aufmerksamkeit.
Solange Werbung klar getrennt bleibt und keinen Einfluss auf die Antwort bekommt, ist dieser Unterschied sichtbar. Trotzdem verändert sich etwas an einem Ort, den viele von uns inzwischen für Schule, Reisen, Einkäufe und persönliche Fragen verwenden.
Vielleicht wird deshalb künftig eine zweite Frage fast so wichtig wie die erste:
Warum sehe ich ausgerechnet diese Anzeige?
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