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Changemaker: mein Weg zu mir selbst

Wer bin ich eigentlich, wenn all das wegfällt, worüber ich mich jahrelang definiert habe, wenn Leistung, Erwartungen und Ziele plötzlich nicht mehr da sind? Diese Frage kam für mich nicht leise. Sie kam mit voller Wucht. Und sie kam zu einem Zeitpunkt, an dem ich keine Antwort darauf hatte. Aber vielleicht war es genau der Moment, in dem mein Weg als Changemaker wirklich begonnen hat.

Veränderung beginnt in dir selbst. (Foto: University of Vienna/Alexander Bachmayer)

Lange Zeit dachte ich, mein Leben sei klar vorgezeichnet. Seit ich sechs Jahre alt war, drehte sich alles bei mir um Sport. Mein Alltag, meine Schule, mein Umfeld, meine Freunde – alles war auf diesen einen Weg ausgerichtet. Leistung war der Maßstab, an dem wir gemessen wurden. Träume, Ziele, Wünsche – alles lief auf diesen Sport hinaus. Und ich war auch bereit, alles dafür zu geben.

Bis mein eigener Körper irgendwann nicht mehr wollte.

Wenn das Fundament wegbricht

Gesundheitliche Grenzen lassen sich eben nicht verhandeln, selbst wenn der innere Wille noch so stark ist. Und plötzlich stand ich da, mit zerbrochenen Träumen, mit einer Leere und mit der schmerzhaften Erkenntnis, dass etwas, worüber ich mich jahrelang definiert hatte, einfach weg war. Eine Lehrerin stellte mir deshalb eine Frage, die mich bis heute stark geprägt hat: „Charlotte, wer bist du eigentlich ohne den Sport?“

Ich wusste es nicht. Und genau das war das Erschreckende.

Meine Suche nach Identität

Mein junges Ich hatte irgendwie nur aus Leistung bestanden, und ich selbst definierte mich darüber. Ich musste mir neue Träume setzen, neue Ziele finden, herausfinden, wer ich eigentlich bin und sein möchte. Dieser Prozess war alles andere als leicht. Er war geprägt von Unsicherheit, Selbstzweifeln und der Angst, nicht genug zu sein.

Denn genau dort begann mein eigener Weg.

Schon während meiner Schulzeit hatte ich gemerkt, dass mich weit mehr interessierte als nur der Sport. Politik, Kunst, Kultur, Technik – ich war immer neugierig, wollte verstehen, lernen, Zusammenhänge begreifen. Ich wollte mich nicht auf eine Sache reduzieren lassen und hatte keine Angst davor, Sachen anders zu machen als andere. Und ich hatte einen starken inneren Antrieb, der immer mehr vom Leben wollte. Als sich dann die Möglichkeit ergab, im Rahmen meines Schulabschlusses zusätzlich eine größere wissenschaftliche Arbeit zu schreiben, habe ich sie ergriffen, obwohl es bei uns unüblich war, obwohl viele sagten: „Das ist zu viel. Das schaffst du nicht.“

Vielleicht war es genau dieser Satz, der mich angetrieben hat. Denn jedes Mal, wenn mir jemand sagte, ich könne etwas nicht schaffen, habe ich innerlich entschieden:

Doch. Genau deswegen mache ich es erst recht.

Der erste Schritt

Durch einen Zufall kam ich dann auf das Thema Gebärdensprache und Cochlea-Implantate. Ich hatte ehrlicherweise keinerlei Vorkenntnisse und keinen Plan. Nur eine Idee und den Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun und anderen Menschen damit vielleicht helfen zu können. Also habe ich begonnen, Fragen zu stellen. Menschen anzuschreiben. Offen zuzugeben, dass ich Hilfe brauche. Und ich habe etwas Entscheidendes gelernt: Offenheit wird fast immer mit Offenheit beantwortet, und selbst Rückschläge bringen einen weiter, nur eben anders, als man anfänglich vielleicht gedacht hat. Und so bin ich schließlich bei einem Universitätsklinikum gelandet, durfte eine Studie aufbauen, Ergebnisse teilen und meine erste wissenschaftliche Publikation in einer Fachzeitschrift veröffentlichen.

Es war nichts Weltbewegendes. Aber es hat Menschen geholfen. Und mir gezeigt: Veränderung muss nicht groß beginnen. Manchmal reicht der ehrliche Wunsch, etwas beitragen zu wollen.

Dieser Gedanke hat mich seitdem nie wieder losgelassen.

Der "normale" Plan und warum er nicht zu mir passte

Später, als ich für mein Studium nach Wien gezogen bin, hatte ich eigentlich einen ganz „normalen“ Plan: studieren, Job finden, Fuß fassen. Doch schon in meiner ersten BWL-Vorlesung begegnete ich jemandem, der über seine Startups sprach. Ich war fasziniert. Aber gleichzeitig dachte ich auch: Das ist beeindruckend. Aber nichts für mich.

Und trotzdem zog es mich immer wieder dorthin. Zu Workshops. Zu Vorträgen. Nicht, um selbst zu gründen, sondern um zu lernen. Meine Eltern haben mir früh beigebracht, dass das beste Investment das in die eigene Bildung ist. Also habe ich jede Möglichkeit genutzt, mich weiterzuentwickeln, meine Perspektive zu erweitern und neue Skills zu lernen.

Wachstum außerhalb der Komfortzone

Der entscheidende Moment kam, als ich über meinen eigenen Schatten sprang und alleine zu einem Ideenworkshop ging. Fremde Menschen, unbekannte Umgebung, Unsicherheit pur. Ich habe gezögert, mir tausend Ausreden überlegt. Und trotzdem bin ich gegangen. Heute weiß ich: Das war eine der besten Entscheidungen, die ich treffen konnte.

Aus einem Gespräch, aus Neugier, aus Mut entstand bei diesem Workshop plötzlich eine Idee. Eine Idee, die wir präsentieren sollten. Eine Idee, die Resonanz bekam. Und ehe ich mich versah, standen wir vor der Frage: Sind wir bereit, das wirklich umzusetzen? Verantwortung zu übernehmen? Risiko einzugehen? Und selbst ein Startup zu gründen?

Ich hatte Angst. Ich war unsicher. Ich habe mich selbst infrage gestellt. Doch genau in diesen Momenten habe ich verstanden, dass Wachstum selten dort passiert, wo alles bequem und vertraut ist. Es entsteht außerhalb der Komfortzone, dort, wo Zweifel auftauchen und man trotzdem weitergeht. Und dass Zweifel kein Zeichen von Schwäche sind, sondern oft ein Hinweis darauf, dass man gerade etwas Wichtiges tut. Und ich würde diesen Weg jederzeit wieder gehen. Denn erst, wenn man sich selbst herausfordert, beginnt man zu erkennen, welche Stärken, welche Potenziale und welche Kraft tatsächlich in einem stecken.

Veränderung ist Teamwork

In dieser Zeit habe ich auch verstanden, wie entscheidend Netzwerke sind. Wie sehr Changemaking ein gemeinschaftlicher Prozess ist. Niemand verändert etwas ganz allein. Es braucht Austausch, Unterstützung, Mentoren und den Mut, Fragen zu stellen. Ich habe in all den Jahren nie erlebt, dass ehrliche Neugier abgelehnt wurde. Genau dieses Miteinander ist für mich der Kern von Veränderung.

Heute engagiere ich mich selbst als Mentorin für junge Startups und Changemaker. Nicht, weil ich alle Antworten habe, sondern weil ich weitergeben möchte, was ich selbst bekommen habe. Ich teile mein Wissen, halte Gastvorträge, begleite junge Teams und spreche offen über Erfahrungen, auch über Zweifel, Umwege und Fehler. Mir geht es darum zu zeigen, dass man nicht perfekt sein muss, um etwas zu bewegen. Dass es reicht, klein anzufangen und den ersten Schritt zu gehen. Dass es keine perfekten Voraussetzungen braucht. Dass jede und jeder Changemaker sein kann, auf ganz individuelle Weise.

Veränderung ist vor allem eines: Haltung

Mit der Zeit habe ich verstanden, dass Changemaking kein bestimmter Bereich ist, sondern eine Haltung. Es ist unabhängig davon, wo man sich engagiert. Ob in Startups, in sozialen Projekten, im Sport oder in anderen gesellschaftlichen Feldern – überall dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen und bewusst gestalten, entsteht Veränderung.

Besonders am Herzen liegen mir dabei Nachhaltigkeitsthemen, Social Entrepreneurship und Female Entrepreneurship. Ich möchte dazu beitragen, dass mehr Frauen den Mut haben, ihre Ideen umzusetzen, sichtbar zu werden und Führungsrollen einzunehmen. Nicht, weil sie besser sein müssen als Männer, sondern weil sie es genauso können und weil Vielfalt Perspektiven schafft.

Auch mein Engagement im Sport folgt genau diesen Werten. Nicht als Leistungsschauplatz, sondern als Raum, in dem Gemeinschaft, Entwicklung und gegenseitige Unterstützung im Vordergrund stehen. Für mich ist das kein Widerspruch zu meiner Arbeit mit Startups, sondern eine konsequente Erweiterung derselben Haltung: Menschen zu stärken, Potenziale sichtbar zu machen und ein Umfeld zu schaffen, in dem Wachstum möglich ist.

Veränderung beginnt bei sich selbst

Was ich aus all dem gelernt habe, ist vor allem eines: Der Weg zum Changemaker war für mich der Weg zu mir selbst. Zu der Frage, wer ich sein möchte, welche Werte mich leiten und wofür ich Verantwortung übernehmen will. Offenzubleiben. Neugierig zu bleiben. Wissbegierig zu bleiben. Den Mut zu haben, aus der eigenen Komfortzone zu treten, trotz Ängsten, Unsicherheiten und Selbstzweifeln.

Jeder Beitrag zählt. Jeder Weg ist einzigartig. Und manchmal beginnt Veränderung genau dort, wo man sich selbst diese eine ehrliche Frage stellt und bereit ist, die Antwort wirklich zu leben.









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Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit dem Ashoka-Jugendprogramm „Generation Changemaker (GenC)". Möchtet ihr auch Changemaker werden? Bis 15. März könnt ihr euch hier anmelden.

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