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„Bro, mew einfach“: Wie Looksmaxxing unseren Pausenhof erobert

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Redakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
01.08.2026
4 Min.

Kieferlinie trainieren, Zunge an den Gaumen pressen, das eigene Gesicht nach Punkten bewerten: Unter dem Stichwort Looksmaxxing versuchen gerade Millionen junger Männer, ihr Aussehen zu perfektionieren. Manches davon ist harmlose Selbstpflege. Anderes ist gefährlich, wissenschaftlich unbelegt und führt tief in eine problematische Ideenwelt. Ein Blick auf einen Trend, der viele von uns betrifft.

Jugendliche streben nach Perfektion und geben sich dabei selbst auf. (Foto: shutterstock)

„Bro, mew einfach.“ Der Spruch fällt bei uns am Sacré Coeur ständig, meistens als Schmäh in der Pause. „Jetzt nicht so, dass wir ernsthaft darüber reden, aber es wird oft als Schmäh verwendet. Irgendwer sagt dann wieder 'Bro, mew einfach', und alle lachen“, sagt Raphael Grünberger, 18, Schüler am Sacré Coeur Wien. Er selbst geht ins Gym und achtet mehr auf seine Haut als früher, zieht die Grenze aber klar: „Sobald jemand stundenlang irgendwelche Übungen macht oder sich mit einem Hammer aufs Gesicht schlägt, ist es für mich komplett drüber.“

Für Kerim Demir, 17, ebenfalls Schüler am Sacré Coeur Wien, ist die Sache weniger ein Witz und mehr Motivation. „Ich mache Hautpflege, gehe ins Gym und habe Mewing ausprobiert. Ich finde, solange man nichts Ungesundes macht, spricht eigentlich nichts dagegen, das Beste aus sich rauszuholen“, sagt er. Einig sind sich beide bei einem Punkt: „Früher war das eher bei Mädchen ein Thema, heute vergleichen sich Jungs genauso“, sagt Grünberger.

Was hinter dem Begriff steckt

Was bei uns als Pausenhof-Schmäh beginnt, hat einen Namen: Looksmaxxing. Der Begriff setzt sich aus dem englischen Wort für Aussehen und dem Wort für Maximierung zusammen. Gemeint ist der Versuch, die eigene Attraktivität so weit wie möglich zu steigern. Fachleute unterscheiden zwei Stufen.

Softmaxxing umfasst harmlose Dinge wie Hautpflege, Sport, gesunde Ernährung, gute Frisuren und ausreichend Schlaf. Hardmaxxing dagegen meint drastische Eingriffe, von Schönheitsoperationen über nicht zugelassene Substanzen bis zu wirklich gefährlichen Praktiken. Dazwischen liegt ein riesiger Graubereich mit Techniken wie Mewing, bei dem die Zunge an den Gaumen gepresst wird, um den Kiefer zu formen. Wissenschaftlich belegt ist diese Wirkung laut der amerikanischen Vereinigung der Kieferorthopäden nicht, trotzdem existieren tausende Videos dazu.

Ein Trend mit gewaltiger Reichweite

Was bei uns als Insider-Witz durchgeht, ist längst ein Massenphänomen. Laut TikToks eigenen Daten gab es im Februar 2026 mehr als 300.000 looksmaxxing-bezogene Suchanfragen pro Tag, im März stieg die Zahl auf 1,9 Millionen täglich, bevor die Plattform im April bestimmte Inhalte einschränkte. Besonders aktiv sind dabei junge Männer zwischen 18 und 24 Jahren. Auch die Suche nach dem Oberbegriff Maxxing hat sich laut Trendanalysen innerhalb eines Jahres mehr als verfünffacht. Der Trend erreicht damit praktisch jeden von uns, der regelmäßig durch TikTok oder Instagram scrollt.

Wenn Selbstoptimierung gefährlich wird

Der Übergang von harmloser Pflege zu echter Gefahr ist fließend. Am extremen Ende steht das sogenannte Bonesmashing, bei dem sich junge Männer mit harten Gegenständen gezielt auf die Gesichtsknochen schlagen, in der Hoffnung auf eine markantere Kieferpartie. Mediziner sind sich einig, dass dabei keine schönere Gesichtsform entsteht, sondern vor allem Verletzungen an Knochen, Nerven und Gewebe drohen. Auch strenge Hungerkuren, um das Gesicht schmaler zu machen, oder nicht zugelassene Substanzen für mehr Muskeln oder Körpergröße bergen erhebliche Risiken. Das Tückische daran ist, dass die gewünschten Ergebnisse fast nie eintreten, was bei vielen zu großer Frustration führt.

Die eigentliche Gefahr sitzt im Kopf

Noch wichtiger als die körperlichen Risiken ist für Fachleute die psychische Wirkung. „Die Bilder in sozialen Medien beeinflussen das eigene Schönheitsideal und führen zu Vergleichen, wobei mindestens ein Drittel der Jugendlichen angibt, sich schlecht und unter Druck gesetzt zu fühlen, nachdem es sich durch Beiträge von Beauty- oder Fitness-Influencern gescrollt hat“, erklärt Tina In-Albon, Professorin für Klinische Psychologie. Je unsicherer sich jemand mit dem eigenen Körper fühlt, desto stärker wirkt dieser Effekt.

Psychologinnen und Psychologen beobachten inzwischen einen Anstieg von Körperbildstörungen bei jungen Männern. „Beim Looksmaxxing wird das Bild vermittelt, dass ein optimierter Körper der Schlüssel zu einem besseren, erfolgreicheren Leben sein könnte“, sagt Marina Giglberger, Akademische Rätin für Medizinische Psychologie an der Universität Regensburg.

Der versteckte ideologische Kern

Was viele nicht sehen, ist die Ideenwelt hinter dem Trend. Eine Studie der University of Portsmouth vom November 2025 zeigt, dass sich hinter vielen Looksmaxxing-Inhalten Gedankengut aus der sogenannten Incel-Szene verbirgt, also aus Communities, in denen oft frauenfeindliche und extreme Männerbilder verbreitet werden.

Der Trend wirkt harmlos und fast wissenschaftlich, was es solchen Accounts erlaubt, einer Sperrung zu entgehen und ein junges Publikum zu erreichen. „Die Umbenennung des Begriffs Incel und der Looksmaxxing-Trend haben die Verbindung zur Incel-Ideologie zugänglicher gemacht und Jugendliche erreicht, die vorher nie Kontakt zu dieser Community hatten“, sagt Anda Solea, Forscherin an der University of Portsmouth. Dahinter steht die Behauptung, nur die attraktivsten Männer hätten überhaupt eine Chance, was den Druck zusätzlich verschärft.

Zwischen gesunder Pflege und ungesundem Zwang

Bei uns am Sacré Coeur ist Looksmaxxing meistens noch ein Schmäh in der Pause, kein ernstes Problem. Aber genau das macht den Trend so tückisch. Wer Sport macht, auf seine Haut achtet und gut schläft, tut sich etwas Gutes, daran ist nichts falsch. Problematisch wird es dort, wo aus Selbstfürsorge ein ständiger Zwang wird und das eigene Gesicht nur noch als Ansammlung von Fehlern erscheint, die es zu beheben gilt. Vielleicht lohnt es sich also, beim nächsten Mal, wenn jemand "Bro, mew einfach" sagt, kurz genauer hinzuhören, ob es wirklich noch ein Witz ist.



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