Leon überlegt kurz. Zuvor hat der 17-Jährige noch gesagt, eine Regierung sollte Entscheidungen schneller und mit weniger Widerstand durchsetzen können. Doch wäre er damit auch einverstanden, wenn eine Partei regiert, die er überhaupt nicht mag? „Dann eher nicht“, sagt er. „Das ist schon das Problem. Du kannst ja nicht sagen, eine Regierung soll extrem viel Macht haben, und davon ausgehen, dass immer die richtigen Leute regieren.“
Am Anfang des Gesprächs klang seine Antwort noch anders. Eine starke Hand bedeutet für Leon jemanden, „der Entscheidungen trifft und nicht bei allem ewig diskutiert“. Teilweise könne er dem Satz zustimmen. Bei Migration oder den hohen Preisen habe er oft das Gefühl, die Politik rede jahrelang, ohne spürbar etwas zu verändern. Eine Regierung solle durchziehen, was sie versprochen hat. Ganz allein dürfe sie trotzdem nicht entscheiden. Parlament und Opposition müssten sie kontrollieren können. Seine Grenze ist klar: Eine Regierung darf keine Menschen wegen ihrer Kritik einsperren und keine Medien verbieten.
Leon ist mit diesem Wunsch nach schnellerer Politik nicht allein. Für die österreichische Jugendstudie „Lebenswelten 2025“ wurden im Frühjahr 2025 insgesamt 15.742 Schülerinnen und Schüler aus 950 Klassen befragt. Sie waren überwiegend zwischen 14 und 18 Jahre alt. 56 Prozent stimmten der Aussage voll oder eher zu: „Eine starke Hand müsste einmal wieder Ordnung in unseren Staat bringen.“ Die Forschenden sehen darin eine gewisse Nähe zu autoritären Positionen.
Zustimmung ist noch kein Wunsch nach Diktatur
Die Zahl klingt alarmierend, erzählt allein aber nur einen Teil der Geschichte. In derselben Studie erklären 82 Prozent, regelmäßiges Wählen sei eine Bürgerpflicht. 81 Prozent finden politische Kompromisse wichtig, selbst wenn man sich im Recht fühlt. Eine Mehrheit fordert zudem, jüngere Menschen sollten politisch mehr zu sagen haben.
Die Antworten widersprechen einander. Genau diese Spannung zeigt sich auch in den Gesprächen mit Leon, Alex und Maxi. Alle drei sind 17 Jahre alt, informieren sich unter anderem über Instagram, TikTok oder YouTube und halten Wahlen für wichtig. Trotzdem bewerten sie den Satz von der starken Hand unterschiedlich.
Alex lehnt ihn von Beginn an ab. „Für mich klingt das schon ziemlich autoritär. So als wäre Demokratie das Problem und eine einzelne Person müsste alles lösen.“ Eine Regierung solle effizient arbeiten, sagt er. Diskussionen hätten jedoch einen Zweck. Sie verhindern, dass eine politische Mehrheit ohne Grenzen handeln kann. Auch eine Partei, deren Ziele er unterstützt, sollte deshalb nicht weniger kontrolliert werden. „Irgendwann kommt eine andere Regierung und hat dann dieselben Möglichkeiten.“
Für Alex zeigt sich politische Stärke gerade darin, Grenzen zu akzeptieren: „Wenn jemand Gerichte, Parlament oder freie Medien als Hindernis betrachtet, wird es für mich gefährlich.“ Kompromisse sieht er überwiegend als Stärke. In einem Land mit Millionen verschiedenen Meinungen könne eine Seite nicht immer alles bekommen.
Wenn Ungeduld zur politischen Sehnsucht wird
Maxi versteht trotzdem, warum der Satz für manche attraktiv klingt. Er denkt dabei an Teuerung, Migration und Sicherheit. „Einfach Sachen, bei denen viele das Gefühl haben, dass nichts weitergeht.“ Eine Partei, die verspricht, im Staat „aufzuräumen“, würde er nicht automatisch ausschließen. Entscheidend wäre für ihn ihr restliches Programm.
Auf die Frage, ob eine von ihm unterstützte Regierung mit weniger Kontrollen arbeiten dürfte, antwortet Maxi zunächst: „Vielleicht teilweise.“ Dann verändert eine zweite Frage die Situation: Was passiert, wenn nach der nächsten Wahl eine Partei gewinnt, die er überhaupt nicht will, und dieselbe Macht erhält?
Maxi überlegt. „Ja, dann wäre es schon problematisch. Die Regeln müssen eigentlich für beide gelten.“
An dieser Stelle wird aus einem allgemeinen Wunsch nach Ordnung eine konkrete Entscheidung über Macht. Solange wir uns eine Regierung vorstellen, deren Ziele wir teilen, können Kontrollen wie ein lästiges Hindernis wirken. Demokratie muss jedoch auch dann funktionieren, wenn die politische Gegenseite gewinnt. Ihre Regeln schützen nicht nur unsere bevorzugte Partei. Sie schützen uns vor jeder Regierung, die ihre Macht missbrauchen könnte.
Die Jugendstudie zeigt zugleich, woher die Ungeduld kommen kann. Nur 42 Prozent waren 2025 mit dem Funktionieren der Demokratie in Österreich sehr oder ziemlich zufrieden. Im Jahr 2020 waren es noch 70 Prozent. Bundesregierung und Parlament genießen jeweils bei 52 Prozent Vertrauen, politische Parteien nur bei 38 Prozent. 72 Prozent glauben, Politikerinnen und Politiker kümmerten sich nicht darum, was Menschen wie sie denken.
Dieses Gefühl kennen alle drei Freunde aus der Schule. Leon sagt, über Jugendliche entschieden meist Menschen, die selbst seit langer Zeit keine Schule mehr besucht hätten. Alex meint, unsere Stimmen würden häufig erst vor Wahlen oder bei Diskussionen über Social Media interessant. Maxi fasst es so zusammen: „Es wird viel über Jugendliche geredet, aber selten mit uns.“
Eine Warnung und ein Auftrag
Studienmitautorin Martina Ott ordnet die Ergebnisse als Suche nach Sicherheit in einer unsicher wahrgenommenen Welt ein. Die hohe Zustimmung zur starken Hand steht deshalb nicht automatisch für eine geschlossene Ablehnung der Demokratie. Sie kann ebenso Frust, fehlendes Vertrauen und den Wunsch ausdrücken, politische Probleme endlich gelöst zu sehen.
Diese Erklärung macht die 56 Prozent verständlicher, aber nicht harmlos. Worte wie „aufräumen“ oder „durchgreifen“ bleiben oft absichtlich ungenau. Sie klingen entschlossen, ohne zu erklären, wer danach weniger mitreden darf, welche Kontrollen wegfallen und gegen wen sich die versprochene Ordnung richtet. Alex würde deshalb zuerst wissen wollen, „mit wem oder womit“ eine Partei aufräumen möchte.
Leon, Alex und Maxi stehen nicht stellvertretend für alle Jugendlichen in Österreich. Drei Gespräche sind keine wissenschaftliche Erhebung. Sie zeigen aber, was eine Prozentzahl nicht erklären kann: Hinter derselben Antwort können sehr unterschiedliche Vorstellungen stecken. Der eine möchte schnellere Entscheidungen, der andere hört bereits einen autoritären Unterton, der dritte schwankt zwischen beidem.
Die stärkste Prüfung für den Wunsch nach einer starken Hand bleibt deshalb jene Frage, bei der Leon und Maxi ins Überlegen kommen: Würden wir einer Regierung dieselbe Macht geben, wenn unsere politischen Gegner sie führen? Maxis Antwort ist kurz. Sie beschreibt zugleich eine Grundregel der Demokratie: „Die Regeln müssen eigentlich für beide gelten.“
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