„Du bist doch blond“, sage ich zu Liv und sehe ihr ins Haar. Dann schaue ich zu Mathilda. Ihre Haare sind fast genauso hell, je nach Licht sogar heller. Trotzdem würde kaum jemand auf die Idee kommen, Mathilda genauso selbstverständlich als blond zu bezeichnen.
Genau das finde ich spannend: Warum werden Menschen mit einer ähnlichen Haarfarbe so unterschiedlich eingeordnet?
Mathilda und Liv haben beide helles, eher aschiges Haar. Liv hat blaue Augen, Mathilda braune. Trotzdem wird Liv von vielen sofort als blond bezeichnet, während Mathilda häufig als brünett gilt. Besonders erstaunlich ist das, weil Mathildas Haare teilweise sogar heller wirken.
Mehr als nur eine Haarfarbe
Eigentlich sollte die Einteilung ziemlich einfach sein: Man schaut auf die Haare und beschreibt ihre Farbe. In der Realität funktioniert unsere Wahrnehmung aber nicht ganz so nüchtern. Wir sehen einen Menschen nicht in einzelnen Farbfeldern, sondern als Gesamtbild.
Bei Mathilda könnte genau das eine Rolle spielen. Die braunen Augen verändern den Kontrast im Gesicht und damit möglicherweise auch den Eindruck, den ihre Haare hinterlassen. Bei Liv entsteht durch die Kombination aus hellen Haaren und blauen Augen dagegen ein Gesamtbild, das viele unmittelbar mit „blond“ verbinden.
Mathilda selbst hat diese unterschiedliche Wahrnehmung ebenfalls schon bemerkt. Sinngemäß beschreibt sie es so: Obwohl ihre Haare eigentlich sehr hell sind, würden andere sie aufgrund ihrer braunen Augen schneller als brünett einordnen.
Was die Psychologie dazu sagt
Eine mögliche Erklärung dafür liefert der sogenannte Halo-Effekt. Der Begriff geht auf den US-amerikanischen Psychologen Edward L. Thorndike zurück, der das Phänomen bereits 1920 beschrieb. Gemeint ist, dass ein einzelnes auffälliges Merkmal beeinflussen kann, wie wir eine Person insgesamt wahrnehmen und beurteilen.
Übertragen auf Haar- und Augenfarbe könnte das bedeuten: Wir nehmen nicht nur die tatsächliche Haarfarbe wahr, sondern ordnen sie in das gesamte Erscheinungsbild ein. Dabei greifen wir auf bekannte Muster zurück.
Das klassische Bild von blondem Haar und blauen Augen ist vielen vertraut. Treffen wir auf diese Kombination, ist die Bezeichnung „blond“ schnell zur Hand. Bei hellen Haaren und braunen Augen ist das Bild weniger eindeutig. Unser Gehirn versucht trotzdem, eine passende Kategorie zu finden.
Das geschieht vermutlich so automatisch, dass wir es im Alltag kaum bemerken.
Eine Farbe mit vielen Gesichtern
Dazu kommt, dass Haarfarbe ohnehin nicht so eindeutig ist, wie wir gerne glauben. Zwischen Platinblond und Dunkelblond liegen zahlreiche Nuancen. Besonders Aschblond kann je nach Licht völlig unterschiedlich aussehen: Im Sonnenlicht wirkt es fast hellblond, in einem dunkleren Raum deutlich tiefer.
Deshalb ist die Grenze zwischen „blond“ und „brünett“ manchmal weniger klar, als die beiden Begriffe vermuten lassen. Vielleicht beschreibt „blond“ also nicht immer nur eine bestimmte Haarfarbe, sondern auch eine Erwartung daran, wie ein bestimmtes Erscheinungsbild insgesamt wirkt.
Wenn Wahrnehmung zur Einordnung wird
Die Beobachtung bei Mathilda und Liv zeigt damit etwas, das weit über Haarfarben hinausgeht. Unser Gehirn versucht ständig, die unzähligen Informationen, die wir sehen, schnell zu sortieren. Dabei entstehen Kategorien, die praktisch sind , aber nicht immer exakt.
Vielleicht ist die Frage „Blond oder brünett?“ deshalb gar nicht so objektiv, wie sie zunächst klingt. Zwei Menschen können beinahe dieselbe Haarfarbe haben und trotzdem unterschiedlich wahrgenommen werden.
Und genau deshalb bleibt eine scheinbar banale Frage plötzlich ziemlich interessant: Sehen wir eigentlich die Farbe , oder sehen wir das Bild, das wir mit dieser Farbe verbinden?
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