Vanessa und ihr Plan fürs Leben
Meine beste Freundin Vanessa weiß eigentlich schon seit der vierten Klasse Volksschule, was sie einmal machen möchte. Sie will Modedesign studieren und irgendwann in Paris leben. Bei ihr klingt das nicht wie ein „Vielleicht mache ich das einmal“, sondern wie etwas, das einfach zu ihr gehört.
Vor kurzem waren wir gemeinsam im XXXLutz. Vanessa hatte ihren Campus-a-college-XXXLutz-Gutschein dabei und hat sich davon WMF-Besteck ausgesucht. Nicht für ihre jetzige Wohnung. Nicht, weil sie gerade unbedingt neues Besteck gebraucht hätte. Sondern für ihre spätere Wohnung in Paris.
Mit 16 Jahren.
Ich habe sie angeschaut und mir gedacht, dass ich wahrscheinlich nicht einmal wüsste, welches Besteck ich für meine Wohnung in fünf Jahren kaufen würde. Sie dagegen steht im XXXLutz und sucht schon Sachen für ein Leben aus, das noch gar nicht begonnen hat.
Ich habe sie gefragt, warum sie das eigentlich jetzt schon kauft. Sie hat nur gemeint: „Keine Ahnung, ich brauche es ja irgendwann. Und wenn ich dann in Paris bin, will ich nicht bei null anfangen.“
Vielleicht klingt dieser Satz für andere gar nicht besonders. Für mich irgendwie schon. Weil sie dabei so überzeugt war. Als wäre es gar keine Frage, ob sie irgendwann in Paris wohnen wird, sondern nur eine Frage, wann.
Natürlich habe ich sie auch gefragt, ob sie manchmal Angst hat, dass es doch anders kommt. Sie meinte: „Klar hab ich manchmal Zweifel. Aber wenn ich bei allem immer denke, dass es sowieso nicht funktionieren könnte, dann komm ich ja nie irgendwo hin.“
Dieser Satz ist mir irgendwie hängen geblieben.
Und dann bin da ich
Wenn ich mit solchen Menschen wie Vanessa rede, frage ich mich manchmal schon, woher sie diese Sicherheit haben.
Ich habe natürlich auch Dinge, die mich interessieren. Ich habe Vorstellungen und Ideen davon, was ich später einmal machen könnte. Aber nichts davon fühlt sich gerade so eindeutig an, dass ich sagen könnte: Genau das werde ich machen. Genau dort werde ich leben. Genau so soll mein Leben aussehen.
Und genau das stresst mich manchmal.
Nicht unbedingt, weil ich keinen perfekten Lebensplan habe. Sondern weil ich mich dabei automatisch mit anderen vergleiche. Wenn jemand neben mir so sicher über seine Zukunft spricht, kommt mir meine eigene plötzlich noch viel unsicherer vor.
Was, wenn ich falsch abbiege?
Manchmal frage ich mich, ob ich gerade Entscheidungen treffe, die mich in eine Richtung bringen, in die ich eigentlich gar nicht will. Was, wenn ich irgendwann zurückblicke und merke, dass ich die ganze Zeit auf das falsche Ziel zugelaufen bin?
Ich weiß natürlich, dass das eigentlich ziemlich absurd ist. Wir sind 16. Wie soll man jetzt schon wissen, was man mit 25, 30 oder 40 machen möchte?
Trotzdem fühlt es sich manchmal so an, als müsste man es langsam wissen.
Vielleicht liegt es auch daran, dass man bei anderen immer nur die fertige Version ihrer Pläne sieht. Man hört „Ich will nach Paris“ oder „Ich möchte später das machen“, aber man hört nicht unbedingt die Zweifel, die diese Menschen vielleicht selbst haben.
Bei Vanessa sehe ich ihr Besteck und denke mir: Sie ist sich ihrer Zukunft so sicher, dass sie schon Dinge dafür kauft.
Bei mir sehe ich dagegen vor allem Fragezeichen.
Vielleicht ist das auch okay
Eigentlich würde ich mir diese Sicherheit manchmal schon wünschen. Nicht unbedingt zu wissen, was ich in zehn Jahren mache, sondern einfach dieses Gefühl zu haben, dass ich gerade auf dem richtigen Weg bin.
Vielleicht muss ich aber akzeptieren, dass mein Weg gerade noch nicht so klar ist wie der von anderen. Vielleicht muss ich mit 16 noch nicht wissen, wo ich mit 30 wohnen werde oder welchen Beruf ich einmal für den Rest meines Lebens machen möchte.
Vielleicht ändern sich meine Vorstellungen auch noch zehnmal. Und vielleicht ist das überhaupt nichts Schlechtes.
Vanessa hat ihr Paris vor Augen. Mein Freund hat eine berufliche Richtung. Und ich habe gerade vor allem viele Fragen.
Früher hätte ich gedacht, dass das bedeutet, dass ich hinterher bin.
Mittlerweile versuche ich, mir zu sagen, dass ich vielleicht einfach noch nicht wissen muss, wo ich ankomme.
Ich bin schließlich gerade erst losgegangen.
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