„Ich hätte mir das Ganze ehrlich gesagt einfacher vorgestellt. Du denkst dir zuerst, du schickst ein paar Bewerbungen und dann wird schon irgendwer Ja sagen. In Wirklichkeit musst du schon ziemlich dahinter sein“, sagt Detlev Schmitt. Der 17-Jährige ist auf Lehrstellensuche.
Rund zehn Bewerbungen hat er bisher rausgeschickt. „Bei ein paar hab ich gar nichts gehört, von anderen sind Absagen gekommen. Zwei Firmen haben mich immerhin zu einem Gespräch eingeladen.“
Am meisten überrascht hat ihn dabei etwas anderes als die Absagen selbst. „Was mich am meisten überrascht hat, war eigentlich, wie lange manche brauchen, um überhaupt zu antworten. Du schickst eine Bewerbung raus und wartest dann teilweise mehrere Wochen. Irgendwann weißt du gar nicht mehr, ob du noch eine Antwort bekommst.“
So oder so ähnlich geht es gerade vielen jungen Menschen in Österreich. Die Arbeitslosigkeit steigt insgesamt weiter, aber nicht überall gleich stark: Bei Frauen und Langzeitarbeitslosen geht es besonders steil nach oben, bei jungen Menschen ist das Bild uneinheitlicher. Während die Zahl der arbeitslos gemeldeten Jugendlichen österreichweit zuletzt stagnierte, ist die Zahl der Lehrstellensuchenden gleichzeitig deutlich gestiegen. Kurz gesagt: Es gibt mehr junge Menschen, die einen Job oder eine Lehrstelle suchen – aber nicht mehr offene Stellen dafür.
Die Zahlen dahinter
Ende Juli 2026 waren laut AMS 364.200 Menschen in Österreich arbeitslos oder in einer AMS-Schulung gemeldet, um 1,3 Prozent mehr als im Jahr davor. Die Arbeitslosenquote liegt bei 6,9 Prozent – im Juli 2025 waren es noch 6,7 Prozent.
Nicht alle trifft es gleich. Die Arbeitslosigkeit von Frauen stieg zuletzt um 6,0 Prozent, die von Männern blieb praktisch unverändert (+0,6 Prozent). Am stärksten wächst laut Sozialministerium die Langzeitarbeitslosigkeit: Ende April waren 103.322 Menschen bereits länger als ein Jahr ohne Job gemeldet, ein Plus von 13,3 Prozent.
Bei Jugendlichen ist das Bild uneinheitlich. Österreichweit stagnierte die Jugendarbeitslosigkeit laut AMS-Zahlen im Juli zuletzt beinahe, gleichzeitig ist aber die Nachfrage nach Lehrstellen um 6,5 Prozent gestiegen, während es weniger offene Lehrstellen gibt. Für 2025 insgesamt zählte die Arbeiterkammer Oberösterreich österreichweit 9.166 Lehrstellensuchende – ein Anstieg von 16,3 Prozent gegenüber dem Jahr davor. In Wien ist die Lage besonders angespannt: Die Arbeitslosigkeit der unter 25-Jährigen stieg dort laut AMS Wien von Juni 2024 auf Juni 2025 um 4,8 Prozent, österreichweit sogar um 11,2 Prozent.
Warum gerade jetzt
„Wir befinden uns im dritten Jahr der Rezession“, sagte Katharina Luger, stellvertretende Geschäftsführerin des AMS Wien, im „Wien heute“-Interview. Es gebe zwar verhalten positive Signale, doch die betriebliche Personalnachfrage sei weiterhin deutlich geringer als früher. Das betreffe mittlerweile auch technische Berufe, die früher als besonders krisensicher galten.
Das deckt sich mit der Einschätzung des Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO. „Ein negativer Wachstumsbeitrag des sekundären Sektors prägt 2025 abermals die Konjunktur. 2026 sollten hingegen sämtliche Sektoren zur Erholung beitragen“, sagt Christian Glocker, einer der Autoren der aktuellen WIFO-Prognose. Heißt: Vor allem Industrie und Bau bremsen aktuell, der Aufschwung lässt noch auf sich warten.
Andere haben den Einstieg bereits geschafft, erinnern sich aber noch gut an die Wartezeit davor. „Bei mir hat's damals auch nicht gleich beim ersten Versuch funktioniert. Ich hab schon einige Bewerbungen geschrieben und teilweise gar keine Antwort bekommen. Irgendwann war das schon ziemlich frustrierend“, erzählt Lev Tursky. Der 19-Jährige arbeitet mittlerweile bei der Firma Hainzl in Linz.
Den Unterschied habe am Ende das persönliche Gespräch gemacht. „Bei einer Firma war ich zuerst zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen und da hat die Chemie einfach gepasst. Danach ist es relativ schnell gegangen.“ Geholfen habe außerdem, jede Bewerbung individuell zu schreiben: „Sobald ich mich ein bisschen mehr mit der jeweiligen Firma beschäftigt hab, sind auch mehr Rückmeldungen gekommen.“
Wo es am meisten drückt
Besonders betroffen sind laut AMS-Zahlen der Handel und das Gesundheits- und Sozialwesen – zwei Branchen, in denen auch viele Jugendliche ihre erste Stelle oder Lehre suchen. Im Handel waren Ende April 47.247 Personen arbeitslos gemeldet, um 5,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
Gleichzeitig bleibt der Fachkräftemangel bestehen: 51 Berufsfelder gelten laut dem gemeinsamen Fachkräftebarometer von AMS und Sozialministerium aktuell als Engpassberufe. Es gibt also gleichzeitig zu wenige Fachkräfte in manchen Bereichen und zu wenige freie Stellen in anderen – ein Widerspruch, der besonders junge Menschen beim Berufseinstieg trifft, weil ihnen oft noch die passende Ausbildung für die gefragten Engpassberufe fehlt.
„Die Bundesregierung unter Federführung des Sozialministeriums hat sich daher zum Ziel gesetzt, noch in diesem Jahr eine zukunftsorientierte Fachkräftestrategie zu erarbeiten“, erklärt Arbeits- und Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ) laut einem Bericht von meinbezirk.at.
Vor Ort im BIZ
Ein Nachmittag im AMS-Berufsinformationszentrum (BIZ) in Wien zeigt, wie unterschiedlich der Stand bei den Jugendlichen selbst ist. Manche blättern konzentriert durch Stellenangebote oder suchen am PC nach offenen Lehrstellen, andere warten auf ein Beratungsgespräch. Ein paar sind mit ihren Eltern da, andere allein. In den Gesprächen geht es immer wieder um dieselben Themen: Welche Bewerbung ist noch offen? Welche Ausbildung kommt überhaupt infrage? Welcher Beruf könnte am Ende passen? Bei manchen ist die Richtung längst klar, andere suchen an diesem Nachmittag noch nach einer ersten groben Idee.
Einer von ihnen ist Elias Huber. „Ich bin eigentlich hier, weil ich noch nicht genau weiß, was ich machen will. Ich hab schon ein paar Bewerbungen geschrieben, aber bisher ist noch nichts Fixes dabei rausgekommen“, erzählt der 17-Jährige.
Auch er kennt das Warten auf Antworten. „Ich find's schon ein bisschen zach, dass man teilweise gar keine Antwort bekommt. Du machst dir die Mühe mit der Bewerbung und dann kommt einfach wochenlang nichts.“ Deshalb ist er heute hier: „Ich hoff, dass ich hier vielleicht ein bisschen einen besseren Überblick bekomme, welche Lehrstellen es überhaupt gibt. Ich will jetzt nicht einfach irgendeinen Job nehmen, nur damit ich irgendwas hab.“
Und jetzt?
Detlev sucht vorerst weiter. „Ich such jetzt einfach weiter und schau, was noch kommt. Ein paar Bewerbungen laufen noch, deswegen wart ich mal ab. Wenn das nichts wird, hab ich aber schon einen Plan B und würd vielleicht noch ein Jahr Schule machen.“
Von den Firmen würde er sich vor allem eines wünschen: „Dass sie schneller antworten. Auch wenn es eine Absage ist, ist das besser, als wochenlang gar nichts zu hören. Dann weißt du wenigstens, woran du bist.“
„Ich will einfach irgendwann eine Stelle finden, die mir taugt. Es muss jetzt nicht gleich der perfekte Job sein, aber ich würd halt gern einmal irgendwo reinkommen und anfangen.“
Kommentare
Bitte weiter so, war echt interessant zu lesen
Die Stimmen der Jugendlichen machen greifbar, wie zäh die Lehrstellensuche gerade wirklich ist.