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Antisemitismus: Was ein 102-Jähriger über Krieg und Judenhass erzählt

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Volontärin · BHAK Lienz
03.08.2026
5 Min.

Ich war in Dachau, habe die Baracken und das Krematorium gesehen und trotzdem kann ich mir kaum vorstellen, wie sich das Leben an diesem Ort angefühlt haben muss. Mein 102-jähriger Nachbar kann von einer anderen Seite dieser Zeit erzählen: von seiner anfänglichen Begeisterung für das NS-Regime und von dem Krieg, den er später selbst erlebte. Seine Geschichte hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, Erinnerungen weiterzugeben, bevor die letzten Zeitzeugen verstummen.

Dachau war die Hölle auf Erden. Ich war dort und konnte es kaum glauben. (Foto: shutterstock)

Ich stehe vor der Eingangstür des Konzentrationslagers Dachau und lese die Inschrift: „Arbeit macht frei“. Was für eine zynische Bemerkung angesichts der Hölle, die Juden und andere Menschen, die nicht in das Weltbild der Nazis passten, hier erleben mussten. Obwohl ich das riesige Areal, die Schlafbaracken und das Krematorium besichtige, bin ich unfähig, das damalige Leid wirklich nachzuempfinden. Wer kann das schon?

Mein Nachbar kann zumindest teilweise. Er ist jetzt 102 Jahre alt. In unserer Lokalzeitung schrieb er öfter von seiner anfänglichen Begeisterung für das NS-Regime und der nachfolgenden Brutalität des Krieges. Er war ein Freund meines verstorbenen Opas. Den Festakt zum „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland erlebten die beiden als 14-Jährige auf dem umbenannten Hauptplatz, dem Adolf-Hitler-Platz. Sie spürten die Euphorie, verstanden aber damals nicht einmal, was bei den „Sieg-Heil“-Rufen gerufen wurde. Beide waren auf einem armen Bauernhof aufgewachsen und fanden in der Hitlerjugend Gemeinschaft und eine Zukunftsperspektive.

Erst mit Ausbruch des Krieges wurde ihnen bewusst, dass auch sie vielleicht einrücken müssten. 1943 war es dann so weit: Es ging an die Front und „es war schiach“, „ein Kampf um das nackte Überleben“: Schlachtfeld, Hunger und Angst. Ein Panzer fuhr zum Beispiel bei einem Haus vorne hinein und hinten wieder hinaus. Das Gebäude stürzte zusammen, alle Bewohner waren tot. Ein anderes Mal marschierte eine ganze Kompanie sowjetischer Soldaten auf ihre Stellung zu. Schlecht bewaffnet, rechneten sie im Schützengraben mit ihrem Tod.

Beinahe in Griffweite wurden die feindlichen Soldaten plötzlich von zwei deutschen MG-Stellungen, von denen die beiden nichts wussten, förmlich niedergemäht. Erst dann sahen sie, dass die Soldaten in den letzten Reihen nicht einmal ein eigenes Gewehr besaßen und nur die Waffen ihrer gefallenen Kameraden aufhoben. Im Moment des Geschehens waren sie froh, überlebt zu haben, und verdrängten alle anderen Gedanken. Erst rückblickend wurde ihnen anhand dieser und ähnlicher Situationen klar, wie wertlos ein Menschenleben im Krieg werden kann – nur Kanonenfutter!

Aber wer soll heute über die Schrecken des Krieges und der Zerstörung, des Judenhasses und der Judenverfolgung, über Deportationen und Konzentrationslager berichten, wenn diese Generation fast ausgestorben ist? Zeitzeugen der zweiten Generation hielten im vergangenen Jahr an meiner Schule einen fesselnden Vortrag über die Verbrechen, die ihren Vorfahren widerfuhren. Die Lebensgeschichten ließen niemanden kalt.

Geschichte hautnah erleben

Von allen Themen im Geschichtsunterricht finde ich den Zweiten Weltkrieg am interessantesten. Doch ein trockener, frontaler Vortrag zum Thema Antisemitismus ist zu wenig! Bereits meine Volksschullehrerin verstand es, einen Bezug zum Leben von uns Schülern herzustellen. Wir besuchten das Kriegerdenkmal unseres Dorfes, und auf der Tafel fand ich sogar den Namen meines gefallenen Urgroßonkels. Beim Stöbern im Fotoarchiv entdeckten wir alte Aufnahmen von jüdischen Familien, die vor Kriegsbeginn in unserer Stadt lebten. Und im Internet recherchierten wir über sogenannte „Stolpersteine“.

Integration statt Isolierung

Als ich als Kind mit meinen Eltern in Venedig war, besuchten wir das jüdische Viertel, wie es sie früher in vielen Städten gab. Ich fragte mich, warum die Menschen dort lebten. Aber wo leben sie heute? Ich hatte nämlich noch nie einen jüdischen Mitschüler. An meiner Schule gibt es keinen jüdischen Religionsunterricht, und in meinem Bezirk stehen zwar sehr viele Kirchen, aber keine einzige Synagoge. Das NS-Regime scheint also „ganze“ Arbeit geleistet zu haben – und das für viele, viele Jahrzehnte. Wer, wenn nicht das jüdische Volk, hätte viel zu erzählen? Das Bildungsministerium könnte zum Beispiel Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde für Workshops in Schulen einladen und bei Klassenfahrten in unsere Bundeshauptstadt einen Synagogenbesuch vorschlagen.

Erinnerungen wachhalten

Eine Verwandte von mir studierte Deutsch und Geschichte und arbeitet schon lange als Professorin an einer Universität und an einem Gymnasium. Sie sagt, dass man es als Erziehungsberechtigter nicht dem Zufall überlassen sollte, mit welchem Gedankengut Kinder und Jugendliche in Kontakt kommen. Will man Schülerinnen und Schüler erreichen, muss man sie dort abholen, wo sie stehen, mit der Zeit gehen und für neue Medien offen sein. So liest heute kaum noch jemand das klassische Tagebuch der Anne Frank. Sie rät deshalb zu einer Übersetzung des Originaltexts als Graphic Novel, die bei Teenagern beliebter ist.

Jugendliche im Hier und Jetzt abholen

Meine Generation wächst nicht auf einer „Insel der Seligen“ auf. Wir leben mit Zuwanderern aus den verschiedensten Kriegsgebieten zusammen. Meine Nachbarn sind zum Beispiel Kosovo-Albaner, die Familie meiner ehemaligen Mitschülerin sind Kurden, und mein Cousin geht mit einem Mädchen aus der Ukraine in dieselbe Klasse. Wir erfahren von ihrer oft traumatischen Flucht, ihrer Sorge um daheimgebliebene Familienmitglieder und ihrer Angst, abgeschoben zu werden. Wir erleben die Problematik einer fremden Kultur und Sprache im Miteinander und die daraus resultierenden Konflikte. Dadurch bekommen wir vielleicht ein Gefühl dafür, wie es Menschen während des Zweiten Weltkriegs ergangen ist und wie sich Ausgrenzung und Verfolgung auch heute auswirken können. Im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt steigt auch die Anfeindung der jüdischen Kultusgemeinde in Österreich. Auf Social Media findet man Fotos von antisemitischen Schmierereien auf Mauern und Nachrichten über Synagogen, die aus Angst vor Anschlägen streng bewacht werden müssen.

Diskriminierung erkennen und Demokratie schützen

Durch die Beschäftigung mit diesem Artikel bemerkte ich, wie leicht es im Alltag passieren kann, dass jemand ausgeschlossen oder diskriminiert wird. Ich wohne nämlich am Land, weit weg von unserer Landeshauptstadt und erst recht von der Bundeshauptstadt. Die Distanz ist oft ein Problem! Momentan wird zum Beispiel wieder viel über die Schwierigkeiten mit dem Direktbus nach Innsbruck gesprochen, und auch die Teilnahme an diesem Antisemitismus-Projekt wird für mich dadurch natürlich erschwert. Von der älteren Generation habe ich schon oft gehört, dass wir wie „Stiefkinder“ behandelt werden. Wir dürfen jedoch unsere Meinung und Kritik frei äußern. In der Diktatur des Nationalsozialismus hingegen war das sehr gefährlich. Deshalb ist es bei aller Politikverdrossenheit wichtig, dass wir unsere Demokratie schätzen und bewahren.

Für ein gutes Morgen profitieren

Abschließend möchte ich feststellen, dass für mich der Zugang der Jugend zum Thema Antisemitismus weniger an der Form des Gedenkens liegt. Alles ist möglich, was „unter die Haut geht“ oder einen direkten Kontakt herstellt. Natürlich sprechen uns besonders digitale und interaktive Angebote an.

Vielmehr hängt unser Interesse von den Menschen ab, die uns diese Thematik näherbringen wollen. Es braucht engagierte Lehrerinnen und Lehrer (und auch Eltern!), die mit uns Schülerinnen und Schülern den Dialog auf Augenhöhe suchen und denen es wirklich am Herzen liegt, uns zu „catchen“. Wenn jemand dafür brennt, uns nicht nur Wissen, sondern auch Persönlichkeitsbildung und Menschlichkeit fürs Leben mitzugeben, wird er oder sie sich die Mühe machen und die Arbeit nicht scheuen. Der Erfolg verspricht mehr Toleranz, Respekt und Frieden über unsere Generation hinaus!




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