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Anstoßen ohne Alkohol, und keiner schaut mehr komisch

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Redakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
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29.07.2026
4 Min.

Sober Curious: Der alkoholfreie Spritz gehört bei uns längst zum Ausgehen dazu. Die Zahlen bestätigen das Gefühl: Laut der Schülerstudie ESPAD hat sich der Anteil der Jugendlichen in Österreich, die noch nie Alkohol getrunken haben, zwischen 2007 und 2024 vervierfacht. Wer ganz auf Alkohol verzichtet, ist heute keine Ausnahme mehr. Trotzdem trinken sechs von zehn weiter zumindest gelegentlich. Ein Blick auf einen Wandel, der an unseren eigenen Tischen passiert.

rei Gläser, kein Tropfen Alkohol: Für viele Jugendliche gehört der alkoholfreie Drink beim Ausgehen längst dazu. (Personen v. l.: Elias, Diego) (Foto: Alexander Höbe)

Ein Tisch, drei Gläser, kein Tropfen Alkohol darin. Ein alkoholfreier Spritz, eine Cola Zero, ein alkoholfreies Bier. Vor zehn Jahren wäre so eine Runde vielleicht noch aufgefallen. Heute ist sie einfach ein normaler Abend. Wer keinen Alkohol trinkt, muss sich dabei kaum noch erklären. Genau das ist das eigentlich Neue an dieser Entwicklung. Nicht, dass es alkoholfreie Getränke gibt, sondern dass sie ihr Stigma verloren haben.

Der Trend hat einen Namen

Für diese Haltung gibt es einen Begriff: Sober Curious, also nüchtern neugierig. Gemeint ist kein striktes Verbot und keine überwundene Sucht, sondern schlicht die Entscheidung, bewusst weniger oder gar keinen Alkohol zu trinken. Ohne moralischen Zeigefinger, ohne großes Drama. Verstärkt wird das jedes Jahr durch Aktionen wie den Dry January, den alkoholfreien Januar, der auch in Österreich immer bekannter wird. Was als kurzer Verzicht beginnt, wird für viele zur dauerhaften Gewohnheit. Und anders als bei früheren Abstinenz-Bewegungen sind es diesmal vor allem junge Leute, die den Ton angeben.

Die Zahlen aus Österreich

Dass hier kein Einzelfall am Werk ist, zeigt die größte Schülerbefragung des Landes. Für die ESPAD-Studie 2024 wurden rund 7.700 Schülerinnen und Schüler der neunten und zehnten Schulstufe befragt, alle zwischen 14 und 17 Jahren. Das Ergebnis ist deutlich. Zwischen 2007 und 2024 hat sich der Anteil der Jugendlichen, die noch nie Alkohol getrunken haben, vervierfacht. Der Anteil derer, die ganz alkoholfrei leben, stieg im selben Zeitraum von 4 auf 18 Prozent. Gleichzeitig bleibt Alkohol präsent: Sechs von zehn Jugendlichen tranken in den letzten 30 Tagen, und etwa jeder Fünfte trinkt regelmäßig. Der Wandel ist also echt, aber er ist kein kompletter Bruch.

So klingt das in unserer Runde

Wie sich dieser Wandel anfühlt, zeigt sich am besten bei denen, die ihn leben. „Wenn wir weggehen, bestelle ich mittlerweile fast immer etwas ohne Alkohol", sagt Simon, 17, Schüler. Für ihn ist das kein Verzicht. „Ich mag das Gefühl am nächsten Tag einfach nicht. Außerdem habe ich genauso Spaß, wenn ich nüchtern bin", sagt Simon. Auch Elias kennt das. „Ich mag die Kontrolle behalten und will am nächsten Tag fit sein. Dafür brauche ich keinen Alkohol", sagt Elias, 17, Schüler am Sacré Coeur Wien. Dass die Sprüche weniger geworden sind, fällt beiden auf. „Früher hätte ich mich dabei vielleicht komisch gefühlt, heute interessiert das eigentlich niemanden mehr", sagt Simon.

Wien mixt mit

Die Gastronomie hat den Trend längst erkannt. In immer mehr Wiener Cocktailbars stehen inzwischen aufwendige Mocktails auf der Karte, also alkoholfreie Cocktails, die den echten geschmacklich in nichts nachstehen sollen. Manche arbeiten mit alkoholfreiem Gin oder Rum, andere mit fermentierten Zutaten wie Kombucha oder Shrubs. Anfang 2026 berichtete auch der ORF über die neue Nüchternheit und einen Wiener Laden mit 120 alkoholfreien Getränken, die Wein, Bier und Spirituosen nachempfunden sind. Laut WienTourismus ist der Trend zu alkoholfreien Getränken in der Wiener Barszene voll angekommen. Nüchtern ausgehen bedeutet damit längst nicht mehr, nur Wasser oder Cola zu trinken.

Warum gerade jetzt

Die Gründe für den Wandel sind vielschichtig, und in unserer Runde klingen sie sehr konkret. Gesundheit und Sport spielen eine große Rolle. „Wenn ich am nächsten Tag ins Gym gehe, merke ich den Unterschied schon", sagt Elias. Dazu kommt der Wunsch, den nächsten Tag nicht zu verschwenden. Und auch Social Media wirkt mit. „Man sieht viel mehr Leute, die zeigen, dass Feiern auch ohne Alkohol funktioniert", sagt Simon. Fitness und ein bewusster Lebensstil sind auf den Plattformen, auf denen wir täglich unterwegs sind, sehr präsent geworden. Alkohol hat dadurch seinen Status als selbstverständliches Statussymbol verloren.

Kein Grund zur Euphorie

Bei aller positiven Entwicklung lohnt sich ein ehrlicher Blick auf die andere Seite. Alkohol ist nicht verschwunden, und riskantes Trinken bleibt ein Thema. Laut der ESPAD-Studie erfüllt fast jeder zehnte Jugendliche in Österreich zumindest einen Indikator für risikobehafteten Alkoholkonsum. Das gefährliche Rauschtrinken, also der Konsum großer Mengen in kurzer Zeit, ist nach einem Rückgang während der Corona-Zeit wieder gestiegen. Auch bleibt offen, ob der Trend hält. Manche in unserer Runde sind da vorsichtig optimistisch. „Ganz verschwinden wird Alkohol sicher nicht, aber bewusster damit umzugehen bleibt", sagt Diego, 19, Student, der selbst noch trinkt, aber deutlich seltener als früher. Ob aus der Mode eine bleibende Haltung wird, entscheidet sich erst in den nächsten Jahren.

Zurück an den Tisch

Am Ende steht wieder dieser Tisch mit den drei alkoholfreien Gläsern. Niemand hat sich dafür rechtfertigen müssen, niemand hat blöd geschaut. Vielleicht ist das die eigentliche Nachricht hinter allen Statistiken. Nicht, dass Jugendliche plötzlich brav geworden wären, sondern dass die Frage, was im Glas ist, einfach an Bedeutung verloren hat. Wichtiger ist geworden, wer mit am Tisch sitzt. Und darauf lässt sich auch mit einem alkoholfreien Spritz anstoßen.


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