Wer heute durch die Gänge des Sacré Coeur geht, sieht eine ganz normale Schule: Schülerinnen und Schüler sitzen im Unterricht, wechseln die Klassenräume, lachen in den Pausen. Dass genau hier vor weniger als 90 Jahren ein völlig anderer Schulalltag herrschte, ist kaum vorstellbar. Was passierte mit unserer Schule, als Österreich 1938 an das Deutsche Reich angeschlossen wurde? Und wie veränderte die nationalsozialistische Herrschaft das Leben der Menschen, die damals hier lernten und arbeiteten?
Ausgrenzung begann nicht erst auf der Straße
Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 veränderte sich das Leben im Land innerhalb kurzer Zeit. Auch das Sacré Coeur blieb davon nicht verschont. Den Ordensschwestern wurde das Unterrichten verboten, und im Juli 1938 wurde die Schule geschlossen. Damit endete der bisherige Schulbetrieb am Sacré Coeur.
Die Schließung war kein isoliertes Ereignis. Sie war Teil der Eingriffe des nationalsozialistischen Regimes in das Bildungswesen und in das Leben religiöser Gemeinschaften. Für die Menschen am Sacré Coeur bedeutete der „Anschluss“ damit nicht nur eine politische Veränderung, sondern einen unmittelbaren Einschnitt in ihren Alltag.
Ausgrenzung begann also nicht erst auf der Straße oder in den großen politischen Entscheidungen. Sie konnte auch im Klassenzimmer sichtbar werden – und darin, wer plötzlich nicht mehr unterrichten durfte und wer nicht mehr in seiner gewohnten Schule lernen konnte.
Lehrkräfte hatten Macht
Lehrerinnen und Lehrer bestimmten damals nicht nur über Noten. Sie prägten das Klima im Klassenzimmer und hatten Einfluss darauf, welche Werte und Vorstellungen an Schülerinnen und Schüler weitergegeben wurden. Während der NS-Zeit wurden Schulen deshalb zu wichtigen Orten, an denen nationalsozialistische Ideologie vermittelt werden sollte.
Eine von Schülerinnen und Schülern erstellte Publikation des Sacré Coeur beschreibt, dass Lehrkräfte damals als Autoritätspersonen Teil der nationalsozialistischen Schulpolitik waren.
Für das Sacré Coeur selbst lässt sich allerdings nicht pauschal sagen, wie einzelne Lehrkräfte zur NS-Ideologie standen. Die Quellen, die wir finden konnten, belegen vor allem die Eingriffe des Regimes in den Schulbetrieb. Deshalb wäre es falsch, jede damalige Lehrkraft automatisch als Unterstützerin oder Gegnerin des Regimes zu bezeichnen.
Was geschah am Sacré Coeur?
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Was bedeutete der „Anschluss“ ganz konkret für unsere Schule?
Im Juli 1938 erhielt die Gemeinschaft der Ordensschwestern laut einer schulischen Publikation ein Schreiben, das sie über die Schulschließung informierte. Damit war der Schulbetrieb beendet. Zugleich verloren die Ordensschwestern ihre wichtigste Einnahmequelle, weil sie nicht mehr unterrichten durften.
Nach der Schließung wurde das Gebäude nicht einfach leer gelassen. Teile des Hauses wurden vermietet, andere Räume dienten als Zwischenlager. Während des Krieges wurde das ehemalige Schulgebäude schließlich als Lazarett genutzt.
In der Publikation des Sacré Coeur wird beschrieben, dass Schwestern dort bei der Versorgung von Verwundeten halfen, unter anderem in der Augenambulanz und bei der Pflege von Operierten.
Der Krieg hinterließ schließlich auch am Gebäude selbst deutliche Spuren. Durch Bombenangriffe wurden das Kirchendach und sämtliche Fenster zerstört.
Eine besonders persönliche Perspektive liefert das Zeitzeugeninterview mit Hannelore Woitsch, das Schülerinnen und Schüler des Sacré Coeur geführt und veröffentlicht haben. Sie besuchte zunächst die Schule in Pressbaum und kam später für die Oberstufe an den Rennweg. Von den letzten Kriegsjahren erzählt sie, dass sie wegen der Bombenangriffe nicht in Wien bleiben konnte.
Gleichzeitig erinnert sie sich daran, dass über den Krieg nach 1945 lange kaum gesprochen wurde. Auf die Frage nach dem Unterricht antwortet sie: „Man hat es geschwiegen.“
Dieser Satz bleibt hängen. Denn die Geschichte des Sacré Coeur endet mit dem Ende des Krieges nicht einfach.
Am 12. Mai 1945 wurde die Schule wiedereröffnet. Damit kehrte der Unterricht an diesen Ort zurück. Die Spuren der NS-Zeit waren damit allerdings nicht verschwunden. Das Gebäude war beschädigt, die Schule hatte Jahre des Krieges und der nationalsozialistischen Herrschaft hinter sich – und über vieles wurde danach lange geschwiegen.
Warum betrifft uns das heute?
Antisemitismus und andere Formen von Ausgrenzung sind mit dem Ende des NS-Regimes nicht verschwunden. Vorurteile und antisemitische Sprüche können auch heute in Klassenzimmern, sozialen Netzwerken oder auf Schulhöfen auftauchen. Entscheidend ist, wie eine Gemeinschaft damit umgeht.
Die Geschichte des Sacré Coeur zeigt dabei etwas sehr Konkretes: Politische Entwicklungen können den eigenen Schulalltag sehr schnell verändern. 1938 wurde die Schule geschlossen und den Ordensschwestern das Unterrichten verboten. Während des Krieges wurde das Gebäude als Lazarett genutzt und durch Bombenangriffe beschädigt.
Für uns ist das heute schwer vorstellbar. Wir gehen durch dieselben Gänge, sitzen in Klassenräumen und verbringen hier unseren Schulalltag. Trotzdem war dieser Ort vor weniger als 90 Jahren von politischer Unterdrückung, Krieg und Ausgrenzung geprägt.
Gerade deshalb sollte die Geschichte unserer Schule nicht nur aus Jahreszahlen und Namen bestehen. Sie kann uns zeigen, wie schnell sich das Leben verändern kann, wenn eine Gesellschaft Ausgrenzung zulässt – und warum es wichtig ist, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Zurück im Klassenzimmer
Heute sitzen wieder Schülerinnen und Schüler in den Klassenräumen des Sacré Coeur. Fenster und Dächer wurden längst repariert, Unterricht findet wieder ganz selbstverständlich statt. Von der Schließung im Jahr 1938 oder den Zerstörungen des Krieges ist im heutigen Schulalltag kaum etwas zu spüren.
Doch die Geschichte dieses Ortes ist geblieben. 1938 wurde die Schule nach dem „Anschluss“ geschlossen. Die Ordensschwestern durften nicht mehr unterrichten. Während des Krieges wurde das Gebäude zum Lazarett, Bomben zerstörten Teile des Hauses. Am 12. Mai 1945 wurde die Schule wiedereröffnet.
Wer heute durch die Türen des Sacré Coeur geht, betritt deshalb nicht einfach nur eine Schule. Er oder sie betritt einen Ort, an dem Geschichte passiert ist. Und vielleicht ist es gerade deshalb unsere Aufgabe, darüber zu sprechen.
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