Alles gut? Nein, ist es nicht

Kein Profil-Bild gefunden.
Volontärin · BRG Kufstein
1 Kommentar
22.04.2026
3 Min.

Es sind oft nur kleine Sätze oder Situationen, die eigentlich sofort wieder in Vergessenheit geraten. Beim genaueren Hinsehen bleiben sie jedoch hängen. In den letzten Tagen ist der Versuch entstanden, genau solche Momente festzuhalten. Drei Beobachtungen sind dabei besonders aufgefallen. Alle unscheinbar, aber irgendwie ziemlich ehrlich.

Momente, die im Vorbeigehen hängen bleiben, wie dieser hier in Italien, sind oft die schönsten (Foto: Mein Eigentum)

„Alles gut“. Ein Satz, der fast immer kommt

Ich stehe im Gang der Schule. Es ist laut, überall reden Leute durcheinander, Spinde gehen zu und jemand ruft quer über den Flur. Ein Junge aus der Parallelklasse, den ich nur vom Sehen kenne – ich glaube, er ist in der 4B – drängt sich an mir vorbei und stößt mich dabei leicht mit der Schulter an. „Sorry“, sagt er schnell, ohne wirklich stehen zu bleiben.

„Alles gut“, sage ich sofort zurück. Ohne nachzudenken. Die Antwort kommt automatisch, fast wie ein Reflex.

Während ich weitergehe, merke ich: Eigentlich war es gar nicht „alles gut“. Es hat mich kurz genervt. Vielleicht nicht stark, aber trotzdem. Ich drehe mich noch einmal kurz um und sehe ihm nach, wie er einfach weiterläuft. Und trotzdem sage ich genau das, was man irgendwie erwartet.

Und es passiert ständig. Jemand vergisst etwas, kommt zu spät oder macht einen Fehler und fast immer kommt von mir: „Alles gut.“ Als müsste ich die Situation sofort beruhigen. Mir fällt auch auf, dass ich das selbst hören will, wenn ich mich entschuldige. Dieses schnelle „alles gut“, damit es sich gleich wieder richtig anfühlt. Obwohl es vielleicht gar nicht stimmt.

Wie aus einer Kleinigkeit ein großes Problem wird

Ein paar Tage später sitze ich mit meiner Klasse im Klassenzimmer, kurz vor Latein. Es ist diese typische angespannte Stimmung: Alle sind ein bisschen unruhig, manche lachen, andere blättern nochmal nervös im Buch. Unsere Lehrerin ist noch nicht da.

Dann sagt jemand aus der letzten Reihe, dass die Parallelklasse ihre Lateinschularbeit schon zurückbekommen hat. Sofort hören mehr Leute zu. Und dann kommt heraus, dass ein paar aus meiner Klasse sie sogar schon gesehen haben, vielleicht in der Pause oder über Freunde.

Aber sie zeigen sie uns nicht.

Eigentlich ist es nichts Großes. Es ist nur eine Schularbeit. Aber ich merke sofort, wie ich mich darüber aufrege. „Warum zeigen sie sie nicht einfach?“, denke ich. „Die andere Klasse hätte das sicher erlaubt.“

Ich lehne mich zu meiner Freundin neben mir und wir fangen an, darüber zu reden. Erst leise, dann immer mehr. Wer hat sie gesehen? Warum sagen sie nichts? Ist das Absicht?

In meinem Kopf wird das Ganze größer und wichtiger, als es eigentlich ist. Ich merke sogar, dass ich mich hineinsteigere, aber ich komme trotzdem nicht sofort aus diesem Gefühl heraus.

Erst später, als ich zu Hause auf meinem Bett sitze und einfach kurz nichts mache, wirkt alles plötzlich viel kleiner. Fast egal. Und ich frage mich, warum es sich vorher so groß angefühlt hat.

Zwischen Beobachtung und Beeinflussung

In einem anderen Moment sitze ich nach der Schule mit einer Freundin draußen auf einer Bank vor der Schule. Es ist schon ruhiger, nur ein paar Leute gehen noch vorbei, und wir warten eigentlich nur darauf, dass wir abgeholt werden.

Wir reden über etwas ganz Normales. Schule, andere Leute, irgendetwas, das passiert ist. Während sie erzählt, merke ich plötzlich, wie genau ich auf alles achte: wie sie spricht, wann sie kurz pausiert, wie sie schaut, wenn sie etwas sagt.

Sie reagiert einmal etwas kürzer als sonst, und sofort denke ich darüber nach. War das genervt? Habe ich etwas Falsches gesagt?

Ich versuche oft, Menschen zu durchschauen. Ich beobachte genau, was sie sagen, wie sie sich verhalten und warum sie etwas tun. Dabei passiert es aber auch, dass ich mich selbst ein bisschen verliere.

Manchmal übernehme ich Stimmungen oder Gedanken, ohne es direkt zu merken. In dem Moment werde ich selbst ruhiger oder unsicherer, obwohl ich vorher eigentlich ganz normal drauf war.

Und oft verstehe ich bestimmte Handlungen von anderen nicht. Dann denke ich lange darüber nach, analysiere alles, will unbedingt einen Sinn finden. Ich gehe das Gespräch im Kopf nochmal durch, Satz für Satz.

Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto komplizierter wird es. Obwohl es vielleicht gar nicht so tief war, wie ich es mache.

Diese Beobachtungen wirken klein. Ein Satz, eine Schularbeit, ein Gespräch. Aber genau darin liegt etwas Echtes. Dinge, die einfach passieren – und die vielleicht mehr über mich sagen, als ich im ersten Moment denke.

Kommentare