Ihr Onkel schlägt auf den Tisch, doch Alexandra schlägt fester. Der Tisch wackelt und der Boden vibriert. Sie springt auf. „Ich habe das Recht, zu lieben!“
„Du ekelst deine Mitmenschen an mit deinem Verhalten.“ Spuckt ihr Onkel ihr ins Gesicht. Aber er spuckt nicht nur in Alexandras Gesicht, sondern direkt in ihr Herz. Die Worte tun weh. Wie kann sie jemanden anekeln, bloß weil sie die Person küssen will, die sie liebt?
Selbst Google sagt, dass es ein Menschenrecht ist. Aber Google kennt ihren Onkel nicht. Der schreit: „Wenn du noch einmal über so einen Blödsinn auch nur nachdenkst, wollen wir nichts mehr mit dir zu tun haben. Für dich muss man sich ja schämen.“
Eine Träne rollt Alexandras Wange hinab. Nein, ein Wasserfall. Ein Wasserfall an Verzweiflung, Selbsthass und Wut. Ist sie wirklich falsch? Ist ihre Liebe falsch? Gibt es eine falsche Liebe? Vielleicht hat ihr Onkel recht. Sie weint bitterlich. Sie versteht ihre eigenen Gefühle doch selbst kaum, wie soll sie es ihrem Onkel erklären? Ihrem Onkel der schwarze Menschen abschieben will, ihrem Onkel, der sich nicht auf die Regenbogenbank im Park setzen kann, ihrem Onkel, der seine eigene Nichte nicht akzeptiert, wie sie ist. Nein, sie ist nicht falsch. Sie weiß das, aber manchmal lassen seine Worte sie doch zweifeln. Diese verletzenden Worte, die mehr Schaden anrichten als Messerstiche.
„Ich gehe freiwillig. Auf Nimmerwiedersehen.“ Entscheidet Alexandra, wischt sich den Wasserfall von den Wangen und steht auf. Sie geht zur Tür, hört wie ihr Onkel wieder zu zetern beginnt, aber dreht sich nicht mehr um.
Seit einer Stunde irrt Alexandra nun mit ihrem Rucksack auf der Straße umher. Sie hat das Nötigste eingepackt, aber keine Ahnung, wo sie die nächste Zeit wohnen soll. Jetzt ist sie offiziell obdachlos. Ihre Familie nimmt sie nicht zurück, das weiß sie und das will sie auch nicht. Sie will endlich sie selbst sein und das ist nicht möglich, wenn sie dorthin zurückgeht.
Sie schläft auf der Bank im Park, wacht mit Rückenschmerzen auf und fragt sich wie es weitergehen soll. Aber aufgeben ist keine Option. Sie braucht Arbeit.
Niemand will sie. Sie ist zu jung, ist die Begründung. Zu jung und unerfahren. Ist es nicht ihr Menschenrecht ein Dach über dem Kopf zu haben oder arbeiten gehen zu dürfen? Scheint niemanden hier zu kümmern. Alexandra fragt sich, ob all das Gelaber immer bloß Gelaber war. Menschenrechte hier, Menschenrechte da. Aber nicht dort, wo Alexandra steht.
Ihre Beine zittern ein wenig und ihr Herz fühlt sich einsam. Dort drüben an der Ecke, vor einem leerstehenden Gebäude, schwankt ein Mann herum. Hält sich kaum noch auf den Beinen. Er kommt auf Alexandra zu. Ihr Herz beginnt schneller zu klopfen, soll sie wegrennen? Sich unauffällig verhalten oder in Verteidigungsposition gehen? Der Mann kommt näher und näher. Er braucht eine Zeit, weil er sein Gleichgewicht immer wieder finden muss. Die Sekunden vergehen wie Minuten und Alexandra steht da wie festgefroren. Plötzlich steht er vor ihr. Langsam hebt sie den Blick – und sieht ihm unmittelbar in die Augen. Und sie erschrickt. Ein müder Augapfel, von roten Äderchen durchzogen, starrt ihr direkt in die Seele. Haben sie beide nicht Menschenrechte? Sie hat ein Recht auf Sicherheit vor Männern, die auf Drogen sind. Er starrt sie noch immer an und ihre Armhaare stellen sich auf. Sie sollte wegrennen. Er hat ein Recht auf Hilfe. Aber Alexandra hat schon gelernt, dass dafür niemand die Verantwortung übernimmt. Sie sollte wirklich so schnell wie möglich von hier wegkommen. Sie rührt sich nicht. In diesen stumpfen Augen kann sie einen Schmerz erkennen, der weit über ihr Verständnis von Schmerz hinausgeht.
Er hat ein Menschenrecht auf ein happy end, denkt Alexandra.
Wer ist Alexandra eigentlich? Ein Schulmädchen? Eine Frau in den Zwanzigern oder ist sie älter? Wer weiß. Alexandra könntest du sein. Oder ich. Jeder könnte Alexandra sein. Wir müssen für unsere Menschenrechte kämpfen, wenn nicht für uns, dann für alle, die keine Kraft mehr haben. Keine Kraft zum Kämpfen.
Menschenrechte. Mit ihnen kommt zwar jeder auf die Welt, aber abhängig davon, wo du geboren wirst, werden sie dir gleich wieder genommen. Und es ist traurig, aber es ist die Wahrheit. Es schmerzt in Alexandras Brust, aber sie will nicht wegsehen. Sie muss sich der Realität stellen, schließlich wird sie täglich damit konfrontiert. Menschenrechte. Rechte für Menschen, rechte Menschen scheren sich einen Scheiß drum.
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